Moderne Arbeitsnomaden Die Rastlosen

Sie arbeiten heute in Singapur, morgen in Kapstadt, übermorgen sind sie beim Meeting in Mexico City. Arbeitsnomaden sind der Motor der globalen Wirtschaft - scheinbar spielend überwinden sie Kultur- und Ländergrenzen. Auch deutsche Firmen rangeln auf dem weltweiten Arbeitsmarkt um die besten Köpfe. Von Daniel Zwick


Björn Neumann, 41, hat Deutsch fast verlernt. Vor zwölf Jahren kehrte er seinem Heimatland den Rücken, seit sieben Jahren war er nicht mehr dort. "Die Muttersprache wird nach so einer langen Zeit einfach ins passive Gedächtnis zurück gedrängt", sagt er - auf Englisch. Seit zwei Jahren arbeitet er in Johannesburg und reist als Marketingchef eines amerikanischen Agrar-Konzerns jährlich Zehntausende Kilometer durch die Länder südlich der Sahara. Und schon zieht es ihn wieder weg aus Südafrika: "Ich kenne 80 Prozent des Landes inzwischen, der afrikanische Blickwinkel wird langsam zur Gewohnheit." Am liebsten würde er nach Südamerika gehen, aber auch Indien und China reizen ihn. "Es gibt noch so viel zu sehen", sagt er begeistert.

Freut den Arbeitgeber: Leben wie die Nomaden
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Freut den Arbeitgeber: Leben wie die Nomaden

Hoch qualifiziert, unabhängig, motiviert - so wünschen Unternehmen sich die Arbeitsnomaden auf dem internationalen Markt. Auch in Zeiten von Videokonferenzen und E-Mails brauchen sie Mitarbeiter, die permanent reisen. "Die Kultur des Unternehmens lässt sich nicht per Videokonferenz transportieren", sagt Rolf-Dieter Witt, Personalmanager bei PricewaterhouseCoopers (PwC) in Düsseldorf. Mehr als 70 Prozent der Unternehmen rechnen in den kommenden fünf Jahren mit einem steigenden Bedarf an mobilen Mitarbeitern, ermittelten die PwC-Berater in einer Untersuchung, für die sie 273 Firmen aus 17 Ländern befragten.

Der Soziologe Norbert Schneider von der Uni Mainz sieht begeisterte Nomaden indes als Ausnahme. In einer Studie mit Wochenendpendlern hat er festgestellt, dass die Mehrheit der mobilen Arbeitnehmer nach einem Gleichgewicht von Mobilität und Immobilität sucht. "Wichtig ist Sicherheit, beispielsweise ein Lebenspartner, der mit umzieht", sagt Schneider.

Das Problem der Hypermobilen: Die meisten haben keine dauerhafte Beziehung - so wie Björn Neumann. Für ihn zählt Mobilität mehr als Gefühle. "In vielen Ländern habe ich schnell Freundinnen gefunden", erzählt er, "als ich weiterzog, stellte ich sie vor die Frage, ob sie mitkommen wollen." Sie wollten nicht. Neumann blieb allein. Er muss weiter, weiter, weiter; kaum ist er irgendwo angekommen, wird er unruhig. Nur eins treibt ihn an: "Business."

Der mobile Mitarbeiter kostet mehr

Neumann hat über die Jahre seine eigenen Maßstäbe für zumutbare Umzüge entwickelt. Drei Säulen sind für ihn maßgeblich: Sprache, Kultur, Job. "Mindestens zweieinhalb Säulen sollten konstant bleiben", meint er. "Aber je öfter man wechselt, desto flexibler wird man auch." Bei seinem nächsten Wechsel würde ihm nur eine Konstante ausreichen.

Auf dem Papier ist Neumann ein klassischer Expatriate - ein Arbeitnehmer, der von seinem Unternehmen für eine bestimmte Zeit ins Ausland geschickt wird. Er hat einen Vertrag nach französischem Recht, weil er zuvor in Lyon gearbeitet hat. Wie andere Expatriates erhält Neumann eine Gehaltszulage, seine Firma hat sich in Johannesburg um Behördengänge und ein Haus für ihn gekümmert.

In anderen Großkonzernen fällt die Sonderbehandlung für entsandte Mitarbeiter noch üppiger aus. So bietet Daimler-Chrysler Sprachkurse und Kulturtraining für die Mitarbeiter und ihre Familien an. Zusätzlich bekommen die Expatriates Info-Pakete zur Einstimmung auf das Einsatzland, manchmal ist auch ein "Look & See"-Trip für die ganze Familie drin.

Billig sind solche Entsendungen nicht. PwC-Experte Witt schätzt die Kosten für einen Mitarbeiter im Ausland auf das Dreifache der Personalkosten in Deutschland. "So ein Paket kann für den Mitarbeiter auch schon mal ein goldener Handschlag sein", meint Witt. Verstärkt suchen Firmen deshalb nach neuen, flexiblen Arbeitnehmern, die sich ohne große Hilfen im Ausland zurechtfinden. Statt auf Expatriates, die nach drei bis fünf Jahren zurückkehren, setzen sie zunehmend auf Projektmitarbeiter für kurzfristige Missionen. Andere Unternehmen schreiben Auslandsstellen ganz ohne Rückfahrschein aus. Für hypermobile junge Menschen kein Problem - für 45-jährige Mütter und Väter schon.

Immer wieder bei Null anfangen

Längst ist unter den Weltkonzernen der Kampf um die besten Köpfe mit der größten Mobilität entbrannt. Dass zum Beispiel in der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank viele Ungarn, Chinesen oder Inder sitzen, hat nichts mit umständlichen Entsendungen zu tun - die exotischen Gesichter zeigen, wie angepasst ein Konzern an den globalen Markt ist.

Ständig auf Achse: Thomas Eisenbach

Ständig auf Achse: Thomas Eisenbach

Thomas Eisenbach kennt solche internationalen Jobs. Nach dem Studium hat er in London bei einer Beratungsfirma gearbeitet, mit 40 Kollegen aus mehr als zehn verschiedenen Ländern. "Wenn es die Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich in Großbritannien geblieben", sagt der 28-Jährige.

Seit dem Abitur blieb er nie länger als zwei Jahre in einem Land. Sevilla, Berlin, London, Mexico City hießen ein paar seiner Stationen im Studium, den Zivildienst absolvierte er im englischen Coventry. Jetzt arbeitet Eisenbach als Trainee in der Entwicklungsabteilung der KfW-Bankengruppe in Frankfurt. Dort kümmert er sich zurzeit um Projekte im südlichen Afrika, war im Mai für drei Wochen in Uganda. Doch auf Dauer will er nicht als Nomade leben: "Ich gehe zwar sicher noch mal ins Ausland, aber wenn ich älter werde, möchte ich lieber eine Familie haben, statt ständig neue Freunde zu suchen."

Home, sweet home

Die meisten Deutschen denken gar nicht daran, immer wieder ein neues Beziehungsnetz zu flechten. 86 Prozent der deutschen Arbeitnehmer, vor allem Ältere, wollen nicht ins Ausland. Laut PwC-Studie sieht es im vereinten Europa ähnlich aus: Von 8000 Befragten in acht EU-Ländern waren nur 17 Prozent überhaupt daran interessiert, im Ausland zu leben und zu arbeiten. Und jeweils rund ein Drittel aller Befragten mit Auslands-Ambitionen ist jünger als 25 Jahre oder zwischen 25 und 39 Jahre alt.

Pionierin mit Green Card: Daniela Isen, IT-Expertin aus Caracas
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Pionierin mit Green Card: Daniela Isen, IT-Expertin aus Caracas

Andreas Uthemann, 27, ist an ständig neue Kontakte gewöhnt. Im September packt er wieder die Koffer und wechselt nach kaum zwei Jahren in London Stadt und Land. Nach Deutschland zurück zieht er allerdings nicht. Schon zum Karrierebeginn hat der junge Wissenschaftler mehr Umzüge hinter sich als mancher altgediente Professor. Straßburg, Heidelberg, Berlin, London - elf Städte schmücken seinen Lebenslauf. Stadt Nummer zwölf heißt Stockholm: Der Volkswirt wechselt gemeinsam mit seinem Doktorvater die Uni.

Um hoch qualifizierte Mitarbeiter wie Eisenbach, Uthemann und Neumann reißen sich die Unternehmen auf dem globalisierten Markt. Doch weil sie in Deutschland fehlen, kaufen die Konzerne kluge Köpfe zunehmend aus anderen Ländern ein. So wie die IT-Experten, die mit der deutschen Version der Green Card ins Land kamen. Zwar sind sie nur ein kleines Grüppchen, trotzdem aber Pioniere eines internationalisierten deutschen Arbeitsmarkts: 15.986 der 20.000 geplanten Arbeitserlaubnisse wurden bis Februar 2004 ausgegeben.

Immer auf gepackten Koffern

Deutsche Unternehmen seien auf ausländische Mitarbeiter angewiesen, sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Weltwirtschafts-Archivs: "Wenn die Arbeitskräfte nicht zu uns kommen, dann wird die Wirtschaft zu den Arbeitskräften gehen." Stefan Pfisterer vom IT-Branchenverband Bitkom schätzt, dass im IT-Bereich 2000 bis 3000 Stellen nur mit Ausländern besetzt werden können, etwa wenn enge Kontakte mit indischen oder chinesischen Kunden nötig sind und kulturelle Gräben überwunden werden müssen.

Hakt bald die zwölfte Stadt ab: Andreas Uthemann

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Doch selbst wenn die Grenzen offen stünden, würden die Arbeitskräfte nicht in Massen nach Deutschland strömen. Denn neben dem Gehalt bestimmen auch "weiche" Faktoren die Attraktivität eines Landes - vor allem Netzwerke von Migranten. So können sich Inder, die nach London kommen, meist auf viele indischstämmige Landsleute verlassen, deren Familien zum Teil schon seit Kolonialzeiten an der Themse wohnen. Ähnlich ist es für Chinesen in den USA. So sinken die Kosten des Umzugs und der Eingliederung: Bekannte können bei Behördengängen helfen, in der Community lässt sich unproblematisch eine Wohnung finden, vertrautes Essen hilft gegen Heimweh.

In London haben auch Deutsche eine Community organisiert. In Stockholm kann Andreas Uthemann auf so ein Deutschen-Netzwerk verzichten. Er verlässt sich auf das Netz seiner Wissenschaftskollegen. Denn Forscher aller Disziplinen leben längst in internationalen Communities und treffen sich mit stets gepackten Reisekoffern auf ihren Inseln im Weltenmeer der globalisierten Welt: den Universitäten.




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