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01. August 2001, 15:59 Uhr

Mogeln im Lebenslauf

Die Legende lebt

Bei Bewerbungen dichtet sich der eine oder andere Kandidat schon mal ein paar Extra-Kompetenzen an. Der Blick in die Praxis zeigt allerdings, dass sich das Schönreden der eigenen Qualifikationen nicht auszahlt.

Schummler werden abgestraft
DPA

Schummler werden abgestraft

"Einige Lebensläufe sollten nicht mit den vermeintlichen Fakten anfangen, sondern mit 'Es war einmal'. Manche Bewerber schicken wirklich hanebüchene Geschichten um die Welt!" Als Personalchef einer Kölner Multimediafirma weiß Claus Wülfert, wovon er spricht: Die Anforderungen an die Bewerber steigen schließlich in allen Branchen - und damit die Versuchung, im Lebenslauf zu mogeln.

Was allerdings nicht ohne Folgen bleibt. Denn was sich in der schriftlichen Bewerbung gut anhört, fliegt spätestens im Interview auf. So wie bei Meike Logefeil. Sehr gute Englischkenntnisse hatte eine Spedition gefordert - die Kauffrau glaubte sie zu haben und schickte ihre Unterlagen.

Im Bewerbungsgespräch jedoch merkte sie, was die Verantwortlichen darunter verstanden. "Es war wirklich ein Desaster", räumt die 25-Jährige heute verlegen ein. "Das ganze Gespräch wurde in Englisch geführt. Ich habe wenig verstanden, war total verunsichert und hab' den Job natürlich nicht bekommen - Das passiert mir nicht noch einmal."

Lieber bei der Wahrheit bleiben

Vorgegaukelte Sprachkenntnisse sind harmlos - im Vergleich zu dem, was sich andere Bewerber andichten. "Wir hatten vor kurzem einen, der mehrere Monate Arbeitslosigkeit kaschieren wollte und in dem fraglichen Zeitraum als Projektleiter bei einem unserer Mitbewerber gearbeitet haben wollte. Allerdings kenne ich den Personalverantwortlichen dort - Pech für den Kandidaten", berichtet Personaler Claus Wülfert.

Wer also ein paar weiße Flecken im Lebenslauf hat, sollte besser bei der Wahrheit bleiben. Statt eine Legende zu konstruieren, sollten Bewerber zu ihrem Lebenslauf stehen. Wer frühere Fehler und falsche Entscheidungen eingestehen kann, zeigt Charakter. Damit sammelt man beim neuen Chef eher Pluspunkte als beim Versuch, den Traumjob zu erschwindeln. Das fliegt früher oder später sowieso auf.

"Manche Bewerber haben einen derart ungereimten Werdegang, dass man sich fragt, ob sie den eigentlich selber geschrieben haben", beschwert sich Personalberaterin Andrea Wilke. Sie lässt solche Kandidaten erst einmal die Bewerbung komplett neu verfassen, denn im Bewerbungsgespräch brechen solche Lebensläufe meistens in sich zusammen. Selbst bei lückenlosen Lebensläufen wird nachgehakt. Wer also außergewöhnliche Hobbies angibt, lange Ausführungen zu früheren Tätigkeiten macht und detaillierte Gehaltsforderungen aufstellt, muss auch in der Lage sein, Fragen zu diesen Punkten zu beantworten.

Pluspunkte durch Präsentation und Argumente

Das heißt aber auch: Wer sich für ein Gespräch eine vernünftige Argumentation zurechtlegt, kann Pluspunkte sammeln. "Eine überzeugende Präsentation der letzten Tätigkeit mit allen Kompetenzen und Aufgaben kann den neuen Chef beeindrucken. Ein interessantes Hobby macht neugierig, und eine schlüssige Begründung für das geforderte Gehalt hat noch niemandem geschadet", rät Wilke und warnt vor Übermut im Interview: "Nur, weil der neue Chef vielleicht die gleichen Interessen hat oder Fragen zur letzten Tätigkeit des Kandidaten stellt, sollte niemand glauben, dass er das große Los "Traumjob" gezogen hat. Bewerber sollten immer daran denken: Die Firma sucht die Beste oder den Besten für die freie Stelle - und der Lebenslauf wie auch die ganze Bewerbung ist nur eine Teil der Herausforderung. Später muss sich jeder täglich im Job beweisen!"

Wer dann bei den angegebenen Qualifikationen passen muss, hat schlechte Karten. "Beim Bewerbungsgespräch habe ich damals einfach behauptet, dass ich mit Programmen zur Tabellenkalkulation super umgehen kann, obwohl ich bisher kaum damit gearbeitet hatte", gesteht die Assistentin Petra Lahners. "Leider musste ich vom ersten Tag an mit Excel arbeiten - und bin natürlich nach kurzer Zeit auf- und dann rausgeflogen!" Personalmanager Wülfert sieht in diesem Verhalten einen Trend: "Tatsächlich ist es so, dass Bewerber nicht selten denken: Ich habe die gewünschte Qualifikation zwar nicht, aber das haut schon hin. Im Job eigne ich mir dann alles Wichtige an. Das funktioniert vielleicht bei dem Einen oder Anderen. Aber wenn ich einen Web-Designer suche, nützt mir niemand, der bisher nur seine eigene Homepage gebastelt hat!"

Von Oliver Mest, jobpilot.de

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