Lehrergeständnisse "Mit der ersten Tüte fing alles an"

"Abi Rouge" und "Abu DhAbi": Wer Abitur macht, sucht ein Motto. Doch die Idee "Zehn Jahre Vorspiel - jetzt kommt der Höhepunkt" ließ eine Lehrerin an einer katholischen Schule verzweifeln. Wie bringt man das den Eltern bei?

Grundschüler: Große Ziele, größere Tüten
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Grundschüler: Große Ziele, größere Tüten


Bei meiner ersten Klassenfahrt als Lehrerin wollte ich unbedingt irgendwohin, wo die Kinder nicht so leicht an Alkohol kommen. Das konnte ich natürlich so nicht sagen. Also stellte ich zwei Ziele zur Wahl: eine Art Sportjugendherberge auf der grünen Wiese in der Eifel und Berlin. Nach Berlin fahren viele neunte Klassen, also konnte ich das nicht ohne Weiteres unter den Tisch fallen lassen. Glücklicherweise wollte meine Klasse in die Eifel. Ich war erleichtert, das Problem mit dem Alkohol schien gelöst zu sein.

Der nächste Diskussionspunkt: das T-Shirt, zu jedem Abschluss das passende Outfit. Denn ein Motto wählen inzwischen nicht mehr nur Abiturienten ("Abi Rouge", "Abu DhAbi - Ich scheich aufs Abitur" - "Vom Hugo zum Boss"). Welches Motto soll also auf das T-Shirt?

Ingo hatte einige Mottos gegoogelt: "Zehn Jahre Vorspiel - jetzt kommt der Höhepunkt", schlug er vor. Ich brach die Diskussion ab. Wir sind an einer katholischen Schule. Was sollte ich den Eltern sagen, wenn dieser Spruch auf den T-Shirts steht? Und offensichtlich stand er ja an einer Schule auf T-Shirts.

Ich erinnere mich nicht mehr an das Motto, auf das wir uns später geeinigt haben. Wohl aber daran, dass es nicht das Motto war, das dann auf den T-Shirts stand. Erst als wir im Bus saßen und uns von den Eltern verabschiedet hatten, zogen alle Schülerinnen und Schüler ihre Pullover und Sweatshirts aus. Auf ihren T-Shirts stand: "Mit der ersten Tüte fing alles an", darunter eine stilisierte Version eines brennenden Joints in Form einer Schultüte. "Mein Vater findet das total lustig", erklärte mir eine Schülerin keck.

Die 40-jährige Lehrerin unterrichtet an einem erzbischöflichen Gymnasium in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
sPeterle 14.05.2014
1. oh oh
ein frecher Gag, Herzinfarkt..... ;-)
RalfHenrichs 14.05.2014
2. optional
Ich bin nun wirklich kein Lehrer-Basher sondern weiß, dass dies ein wirklich harter und schwerer Job ist (wenn auch nicht meiner). Aber die "Probleme", die hier dargestellt werden (beim letzten Mal der kranke Junge) werden wirklich immer lächerlicher und peinlicher. In DIESEN Fällen kann ich nur sagen: Leute sucht euch einen Job mit ECHTEN Problemen.
freyhajt 14.05.2014
3. na das sind die Probleme
von denen ich hören will! Spannung bis zum letzten Wort, danke für den Artikel, jetzt werde ich mich beim nächsten "Wir kriegen zu wenig Gehalt"-Streik der Lehrer einreihen, bei solchen Szenarien ist jeder Cent Steuerbefreiung sowas von gerechtfertigt!
ellereller 14.05.2014
4. Mein Gott
"Wir sind an einer katholischen Schule. Was sollte ich den Eltern sagen, wenn dieser Spruch auf den T-Shirts steht?" Na, dass es sich um ein lateinisches Wortspiel handelt: Ludus heißt Spiel und Schule, deswegen ist Vorspiel ein Synonym für Vorschule. Und der Schulabschluss ist doch ganz zweifellos der Höhepunkt der Schullaufbahn. Im Ernst: Meint diese Lehrerin wirklich, dass in NRW nur Eltern ihre Kinder auf kirchliche Gymnasien schicken, die hektische Flecken bekommen, wenn sie das Wort "Vorspiel" lesen? In NRW sind katholische Schulen wegen ihres eher hohen Leistungsstands beliebt und der hängt mit dem geringen Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien zusammen.
tubaner 14.05.2014
5.
Diese ganze "Lehrergeständnisse"-Rubrik ist ja vom Prinzip her schon eher banal. Aber dieser Artikel ist wirklich ein neuer Tiefpunkt. Bei der Planung der Abschlussfahrt ist das wichtigste Kriterium, dass die Kids keinen Alkohol kaufen können? Super, dann bringen die denn Stoff eben mit, gerade die hochprozentigen Sachen brauchen ja nicht so viel Platz im Koffer. Und warum diskutiert die Lehrerin überhaupt mit den Schülern über den T-Shirt-Aufdruck, wenn die diese eh in Eigenregie erstellen lassen und dann schon aus Prinzip einen provokanten Spruch nehmen? Da ist die Niederlage ja vorprogrammiert. Und irgendwie widerspricht sich der Artikel auch. Wozu machen Schüler an einem Gymnasium, die keine Abiturienten sind. Abschluss-T-Shirts?
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