Uni-Prekariat Bildungsministerin entdeckt den Forschernachwuchs

Hilfe fürs akademische Prekariat: Bildungsministerin Johanna Wanka reagiert auf die miserablen Jobverhältnisse an deutschen Hochschulen. Und bekommt Lob von unerwarteter Seite - der Bildungsgewerkschaft GEW.

Forschungsarbeiten (Archivbild): Im Sommer sollen die Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler reformiert werden
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Forschungsarbeiten (Archivbild): Im Sommer sollen die Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler reformiert werden


Kernige Ansagen macht Bundesforschungsministerin Johanna Wanka eher selten. Da klang es schon fast wie ein Wutausbruch, als die CDU-Politikerin kürzlich die Misere des Uni-Nachwuchses beklagte: "Es ist indiskutabel, dass mehr als die Hälfte der Wissenschaftler bei ihrem ersten Vertrag kürzer als ein Jahr beschäftigt werden" - so, wie es der Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs belegt.

Per Gesetzesreform und mit einem Bund-Länder-Pakt will Wanka dem Uni-Nachwuchs helfen - zusätzlich zu den Aktivitäten, die einzelne Bundesländer bereits planen. Erst vorige Woche überraschte das CSU-regierte Bayern mit neuen Grundsätzen für jüngere Wissenschaftler: Befristete Verträge sollen künftig mindestens ein Jahr Laufzeit haben und Doktoranden für zwei bis vier Jahre beschäftigt werden, angehende Professoren für vier bis sechs.

Absage an Halbjahresverträge

Nach Schätzungen sind in Deutschland zwischen 140.000 und 200.000 Nachwuchsforscher von prekären Beschäftigungsverhältnissen mit oft teils sehr kurzen Verträgen betroffen. Wanka will dafür zusammen mit den Bundesländern eine finanziell unterfütterte Pakt-Lösung finden und zugleich "zügig" das Wissenschaftszeitvertragsgesetz von 2007 ändern, wie es der schwarz-rote Koalitionsvertrag vorsieht. Ihr Gesetzentwurf werde "im Sommer" dem Kabinett vorliegen, sagt Wanka: "Dann hängt es von der Geschwindigkeit im Bundestag ab."

Die Ministerin ärgert sich über die Anwendung des bisherigen, gut gemeinten Gesetzes in den Hochschulen, die auf kurzfristige Verfügbarkeit jüngerer Wissenschaftler Wert legen. "Wir wollen eine hohe Flexibilität", sagt sie. "Die Flexibilität, die jetzt zum Teil ausgenutzt wurde, mit Halbjahresverträgen - das wollen wir nicht. Umgekehrt die Flexibilität wegzunehmen, mit einer Mindestlaufzeit, das wäre töricht." Deshalb solle die Befristung "orientiert sein an der Promotionszeit oder der Dauer des Drittmittelprojekts".

Ein Ansatz, den mittlerweile auch die Wissenschaftsorganisationen verfolgen. So kündigte die Max-Planck-Gesellschaft am Donnerstag "mehr Transparenz bei den Karrierewegen" an: Die Mittel zur Nachwuchsförderung sollen um fast 40 Prozent steigen - auf dann knapp 50 Millionen Euro pro Jahr.

"In Zukunft erhält bei uns jeder Doktorand einen Vertrag", so Max-Planck-Präsident Martin Stratmann in einem Interview mit der "Zeit": "Unsere Doktorandenverträge verbinden die Freiheit des Stipendiums mit der Absicherung der Anstellung - für volle drei Jahre plus die Möglichkeit, um ein Jahr zu verlängern. Das ist im deutschen Wissenschaftssystem einmalig." Aber auch seine Professorenkollegen hätten eine Verantwortung für die Karrierewege ihrer Mitarbeiter, mahnt Stratmann: "Wer einen Postdoc mit falschen Versprechungen oder immer neuen Verträgen im System hält, missbraucht seine Verantwortung."

Tenure-Track - in Deutschland kaum genutzt

Dem Nachwuchs soll zudem ein neues Bund-Länder-Programm helfen, das Wanka schon bald mit frischem Geld anschieben möchte. Sie biete an, in diesem Pakt "insbesondere Tenure-Track-Stellen in großem Umfang als sicheren Karriereweg" an den Unis auszubauen. Wie viel sie dafür ausgeben will, sagte die Bildungsministerin allerdings noch nicht.

Das aus den USA stammende Tenure-Track-Modell wird an deutschen Unis bisher kaum genutzt. Lediglich die TU München hat es bisher breiter eingeführt: Wenn neu berufene Forscher sich nach einer vorher definierten Zeit bewährt haben, winkt ihnen an der TU eine unbefristete Stelle und der Karriereaufstieg auf eine W3-Professur. Auch Wanka plant, dass jüngere Wissenschaftler nach sechsjähriger Bewährungszeit eine Lebenszeit-Professur bekommen können. Für diesen Systemumbau will sie "die Länder nochmal finanziell unterstützen, über Jahre" - zusätzlich zur Ende 2014 beschlossenen Bafög-Entlastung in Höhe von jährlich 1,2 Milliarden Euro. Mitte April solle es dazu erste Gespräche geben.

Aus den Ländern äußerten sich Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) und seine rheinland-pfälzische Kollegin Vera Reiß (SPD) zustimmend. Die SPD-Fraktion im Bundestag signalisiert ebenso Beifall für Wankas Pläne wie die Bildungsgewerkschaft GEW, die seit Jahren faire Chancen für den Uni-Mittelbau fordert. "Ein Pakt für Tenure-Track kann die Gesetzesnovelle aber nicht ersetzen", sagt GEW-Vize Andreas Keller.

him/Werner Herpell/dpa



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Newspeak 26.03.2015
1. ...
Aber auch seine Professorenkollegen hätten eine Verantwortung für die Karrierewege ihrer Mitarbeiter, mahnt Stratmann: "Wer einen Postdoc mit falschen Versprechungen oder immer neuen Verträgen im System hält, missbraucht seine Verantwortung." Genau, Postdocs gehören nach einmaliger Benutzung abgewickelt. Wer die im System hält, behindert ja die optimale Ausbeutung des nachrückenden wissenschaftlichen Nachwuchses. Meiner Meinung nach sollte man diese ganzen verstrahlten "Wissenschaftsmanager", die in Deutschland meistens nur durch Korruption und Vetternwirtschaft auf ihre Posten kommen (das nennt sich "akademische Selbstverwaltung" und "Gremienarbeit"), endlagern. In der Asse ist noch Platz.
zerokles 26.03.2015
2. Theorie und Praxis
Anreize für Tenure-Track-Stellen zu schaffen ist richtig. Was allerdings allgemein die kurzen Arbeitsverträge betrifft, so scheint die Politik leider sehr realitätsfremd zu sein. Tatsache ist, dass die Grundfinanzierung der Universitäten seit sehr langer Zeit kaum erhöht wurde während die Studentenzahlen enorm gestiegen sind. Der stark gestiegene Bedarf an Lehre wird durch "graue Lehre" abgedeckt: Zum Beispiel Doktoranden, die auf DFG-Stellen sind, und "freiwillig" lehren. "Freiwillig" kann hier auch heißen: Sie wissen, dass die Stelle durch eine normale Stelle ersetzt wird, sobald sie nicht mehr lehren. Deshalb die kurzen Arbeitsverträge, um die graue Lehre aufrechtzuerhalten. Bricht die graue Lehre zusammen, so wird's brenzlig, sofern die Grundfinanzierung weiterhin minimal gehalten wird.
Efficiency 26.03.2015
3. Mindestanstellungsdauern hemmen die Flexibilität
Bin selber Nachwuchswissenschaftler und sehe die aktuelle Regelung auch positiv. Habe für ein paar Monate nun Geld über, warum nicht einen wissend um diese Situation zeitlich begrenzt finanzieren? Oder eine andere, die sich noch bewähren muss, bei der ich nicht weiß ob sie das Projekt schafft. Wenn ich ihr einen volle Vertrag bis zum Projektende geben müsste, müsste ich riskieren sie in der Probezeit zu entlassen. Aktuell wird an Unis ja nie einem Doktoranden gekündigt. Wenn es längere Verträge gäbe, könnte ich mit vorstellen dass die Betreuer, die ja auch ihre Projekte managen müssen, dann auch mittel finden werden wie sie nur passende Mitarbeiter erhalten.
eisbaerchen 27.03.2015
4. Lebenszeit-Professur...
nein, bitte nicht schon wieder diese Sackgasse. Wir brauchen feste Stellen für den MITTELBAU!!! Das sind diejenigen die viele Jahre auf Drittmitteln mit unsicheren Perspektiven geackert haben, ohne Chance auf eine Entfristung. Und viele aus dieser Gruppe wollen da weitermachen, mit einer sicheren Perspektive, aber keinen Professorentitel! Wir brauchen nicht noch mehr Professorentitel, aber einen starken Mittelbau! Dieses eindimensionale Denken ist einfach sowas daneben...(Erfahrungen aus 30 Jahren öffentlich geförderte Forschung in Deutschland...!)
eisbaerchen 27.03.2015
5. Keine Firma leistet es sich,
die erfahrenen älteren Mitarbeiter (entsprechend den Mittelbauwissenschaftlern, die vielleicht 10, 15 Jahre auf Drittmitteln gearbeitet haben mit einem grossen Netzwerk, einem Plan und vielen Ideen...sonst wären sie nämlich nicht mehr da) ohne Perspektive zu lassen und vor die Tür zu setzen, weil die "Dynamik erhalten bleiben soll". Wer solchen Unsinn glaubt, der hat von der Praxis wirklich absolut keine Ahnung!
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