Neue Deutsche Welle Hochschulen setzen auf fächerübergreifende Angebote

Die Zeit der Elfenbeintürme scheint abzulaufen. Auch deutsche Universitäten passen ihr Lehrprogramm immer mehr den Erfordernissen des Arbeitsmarktes an. "Interdisziplinär" heißt dabei das Zauberwort. Die Wirtschaft freut sich.


Vorlesung an der Universität Magdeburg: Hier können Studenten fächerübergreifend lernen
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Vorlesung an der Universität Magdeburg: Hier können Studenten fächerübergreifend lernen

Die Richtung ist klar: Praxisorientierte Ausbildungen liegen im Trend. Nach Meinung der Arbeitgeber wurde es dafür auch höchste Zeit. Sie fordern schon lange eine konsequentere Ausrichtung der Studiengänge an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes.

Die Idee ist nicht neu. Bereits seit den dreißiger Jahren verlangten Märkte und Technologien nach einer Allroundkraft, die in der Wirtschaft und in der Technik gleichermaßen zu Hause ist: Der Beruf des Wirtschaftsingenieurs war geboren.

Interdisziplinarität und neue Studienideen werden heute an allen Fakultäten immer stärker betont - selbst bei den Geisteswissenschaftlern. Abbrecherquoten von weit über 60 Prozent und schlechte Berufsaussichten haben die schlafenden Reformer beispielsweise an den Unis Bochum, Greifswald, Mannheim und Regensburg geweckt. So soll dort das Projekt "Modularisierung" Philologen auf die praktischen Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereiten.

Die Berufsaussichten für Absolventen der neuen Studiengänge sind ausgesprochen gut, der Markt sucht die ausgebildeten Experten. So wird zum Beispiel an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg seit vier Jahren der Diplomstudiengang Sport und Technik angeboten. Mit der Beteiligung der Fakultäten Elektrotechnik, Maschinenbau, Mathematik, Informatik und Sportwissenschaften schuf die Universität einen Studiengang, der zwischen den Interessen von Sportlern und Industrie vermitteln soll - bisher einzigartig in Deutschland.

Die möglichen Betätigungsfelder für Absolventen des ungewöhnlichen Studienganges werden als äußerst breit eingeschätzt. Bedarf besteht laut Jürgen Edelmann-Nusser, Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft an der Universität, vor allem "in der Sportgeräteentwicklung und -wartung, der Sportinformatik und der Industrietechnik."

Ähnlich optimistisch sieht es für die Sportökonomen der Uni Chemnitz aus. Sie erwerben durch die Kooperation mit Betriebswirten, Ingenieuren und Informatikern wichtige Zusatzqualifikationen. So werden aus Sportlehrern auch Marketingexperten.

Neue Wege geht auch die Uni Essen: Das Studienkonzept Medizin-Management soll helfen, die neuen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu bewältigen und aus dem Arzt einen Unternehmer zu machen. Für Ulrich Krause, Projektkoordinator des Studienganges, wird das bei den Ärzten der Zukunft ein absolutes Muss sein: "Der Gesundheitszweig befindet sich momentan im Umbruch. Es sind immer mehr wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse gefragt, doch die meisten Ärzte fühlen sich für diese Aufgaben nicht richtig vorbereite."

Mit einem ähnlichen Konzept werden auch bei den Juristen verkrustete Ausbildungsordnungen aufgebrochen: So bildet die Uni Siegen als erste Hochschule in Deutschland Juristen mit dem komplizierten Schwerpunkt Europäisches Energie- und Telekommunikationsrecht für die Wirtschaft aus. Die späteren Diplom-Wirtschaftsjuristen können dann zwar nicht in den klassischen Juristenberufen arbeiten, finden aber in Jobs als Geschäftsführer mittelständischer Firmen oder in Management und Rechtsabteilungen international tätiger Unternehmen.

Doch Widerstand ist vorprogrammiert. Schon jetzt werden die ersten Stimmen laut, die das Ende der klassischen Studienfächer befürchten.

"Beides hat seinen Platz", meint dagegen Monika Medick-Krakau, Professorin an der Technischen Universität Dresden. Sie plädiert für ein Nebeneinander der alten und neuen Studiengänge.

Inmitten der schönen neuen Welle an den Universitäten lauert jedoch eine Gefahr: Die fehlende Qualitätssicherung für die neuen Ausbildungen. Die Hochschulrektorenkonferenz hat sich deshalb jetzt des Themas angenommen und einen Akkreditierungsrat für Bachelor- und Masterstudiengänge eingesetzt, der die inhaltliche Qualität der Studiengänge sichern soll.

Von Oliver Mest, Jobpilot.de



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