Neue OECD-Studie Gelbe Karte für Deutschland

In Deutschland studieren deutlich weniger Schulabgänger als in den meisten anderen Ländern, wie eine neue OECD-Untersuchung belegt. Experten warnen vor dem Akademikermangel als "Wachstumsbremse".


Seit Jahren machen viele deutsche Abiturienten einen großen Bogen um die Hochschulen. Vor allem die technischen und naturwissenschaftlichen Fächer klagen über massiven Studentenschwund. Der Bildungsbericht 2001 der Industrieländer-Organisation OECD lässt bei Bildungspolitikern jetzt die Alarmsirenen heulen: In Deutschland entscheiden sich nur 28 Prozent der jungen Erwachsenen für ein Studium - weit unter dem Durchschnitt aller OECD-Staaten von 45 Prozent.

Niedriger als in Deutschland liegt die Studierquote lediglich in Belgien, Mexiko, Tschechien und der Schweiz. Dagegen nimmt in den Niederlanden, Norwegen, Island und Ungarn über die Hälfte der Jugendlichen ein Studium auf, in Neuseeland sind es sogar 70 Prozent.

Auch die Absolventenquote ist alarmierend niedrig

Die Absolventenzahlen zeigen ein ähnliches Bild: Mit nur 16 Prozent eines Altersjahrgangs fällt Deutschland klar hinter das OECD-Mittel von 25 Prozent zurück. Verschiedene Untersuchungen belegten eine weiter nachlassende Studierneigung von Jugendlichen, warnten Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und der Bremer Schulsenator Klaus Böger als Kultusminister-Vertreter, die den OECD-Bericht in Berlin vorstellten. In den nächsten 10 bis 15 Jahren werde der Anteil der jungen Bevölkerung sinken und zugleich der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften steigen. Mit diesem Problem sei Deutschland stärker konfrontiert als andere Staaten, so Bulmahn und Böger.

Die Bundesbildungsministerin betonte, die OECD-Zahlen bezögen sich vor allem auf die Jahre 1998/99. Noch nicht berücksichtigt seien die von der rot-grünen Koalition erhöhten Bildungsinvestitionen. Nach Angaben Bulmahns wird der Etat ihres Ministeriums im kommenden Jahr mit 16,41 Milliarden Mark einen neuen Rekordstand erreichen. Den Löwenanteil der Ausgaben für Schulen und Hochschulen tragen allerdings die Länder.

Die deutschen Lehrer sind Spitzenverdiener

Beim Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland mit 5,5 Prozent leicht unter dem OECD-Durchschnitt (5,7 Prozent). Die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK) hatte kürzlich auf den drohenden Akademikermangel hingewiesen, der zu einer "gefährlichen Wachstumsbremse" für die deutsche Wirtschaft werden könne. Deutschland stehe vor derWahl, "Geld in die Köpfe seiner Kinder zu stecken oder sich ganz auf den ´Einkauf` von Qualifikationen im Ausland zu verlegen", warnte auch Eva-Maria Stange, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Insgesamt schneidet Deutschland aber im OECD-Bildungsbericht nicht schlecht ab: 81 Prozent der Bevölkerung haben mindestens das Abitur oder eine abgeschlossene berufliche Ausbildung mit Lehre und Berufsschule oder an Berufsfachschulen (OECD-Durchschnitt: 60 Prozent). Mehr sind es lediglich in den USA, Norwegen und Tschechien. Andere Länder holen allerdings rasch auf.

Wirklich Spitze ist Deutschland beim Durchschnittsalter der Lehrer - 47 Jahre sind es inzwischen. Und Spitzenverdiener sind die deutschen Lehrer im internationalen Vergleich auch, nur die Schweizer Kollegen erzielen ein noch besseres Einkommen.



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