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03. Juni 2014, 12:11 Uhr

Lehrergeständnisse

Warum ich nach Sympathie benote

Noten sind oft ungerecht, wissen Schüler und Eltern. Nur selten geben Lehrer zu, dass sie Zensuren nach Gusto verteilen. Ich tu's, gesteht hier eine Lehrerin.

Jeder Lehrer hegt Sympathien und Antipathien, das ist menschlich. Deswegen sagen auch all jene nicht die Wahrheit, die behaupten, sie würden eine Klasse ganz neutral betrachten. Jeder Lehrer hat beim Korrigieren schon als Erstes auf den Namen des Schülers geschaut - und nicht auf die gelösten Aufgaben.

Ich finde es extrem schwer und auch ungerecht, Leistungen von Schülerinnen und Schülern zu bewerten, wenn ich gleichzeitig ihre Vorgeschichten kenne. Wenn ich weiß, wie der Lernprozess ablief und ob dem Schüler das Lernen leicht fällt oder schwer.

Bei dem einen drückt man eher ein Auge zu, bei dem anderen ist man nicht so hilfsbereit. Jemand, der immer seine Hausaufgaben macht und sich extrem bemüht, hat eher eine gute Zensur verdient als jemand, der nie seine Sachen dabei hat - so denken die meisten Lehrer.

Selbst in Mathematik wird bei manchen Schülern eine Ziffer eher erkannt als bei anderen. Vielleicht ist das genau der eine Punkt, der eine ganze Zensur ausmachen kann. Manchmal lässt man sich auch viel zu schnell von Kollegenurteilen beeindrucken, und die Zensuren stehen von vornherein fest. Ich möchte mich selbst als Lehrerin davon gar nicht ausnehmen.

Auch als Mutter habe ich das schon erlebt: Mein Sohn musste vor einiger Zeit eine Inhaltsangabe abgeben. Er hatte schon mehrere Arbeiten geschrieben und immer eine schwache 4 kassiert. Mir war nicht klar, warum. Unerlaubterweise habe ich die Inhaltsangabe geschrieben; meine Abschlussnote im Deutschstudium: 1,5. Mein Sohn schrieb meine Arbeit ab und reichte sie ein. Resultat: eine schwache 4.

Im Gespräch wich die Lehrerin mir aus und gab nicht nachvollziehbare Antworten. Ich gab den Text der Schulleitung, sie korrigierte die Zensur deutlich nach oben, und ich löste das Ganze auf - mit der Bitte, auch die anderen Arbeiten von ihm noch einmal zu korrigieren.

Ich selbst sehe mich in erster Linie als Person, die Schülern etwas beibringt und nicht als eine Person, die Schüler benotet. Ich bemühe mich darum, die Bewertungen zunächst in Kommentare zu verfassen und sie dann in Zensuren umzusetzen. Viel lieber würde ich den Schülern Lernempfehlungen geben und sie weiter unterstützen.

Ich wünschte mir, dass Schüler bis zur zehnten Klasse gar keine Prüfungen schreiben müssen. Sie sollten kein fester Bestandteil des Lernens sein. Durch ein Diktat beispielsweise lernen sie keine Rechtschreibung: Entweder beherrscht ein Schüler die Rechtschreibung und macht keine Fehler, oder er beherrscht sie nicht und macht viele Fehler. Individuelle Übungen würden in diesem Fall sowohl dem guten als auch dem schlechten Schüler helfen, sich zu verbessern. Prüfungen bringen nichts für den Lernprozess, sondern leiten den Lernenden nur an, sich isoliertes Inselwissen für eine Prüfung anzueignen.

Nach der zehnten Klasse dann sollten die Klausuren nicht mehr vom eigenen Lehrer bewertet werden. Das würde die Notengebung wesentlich gerechter machen.

Die 44-jährige Lehrerin unterrichtete jahrelang an Grund-, Haupt- und Realschulen. Inzwischen bildet sie Lehramtsstudenten aus.

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier. Die Lehrer berichten anonym, dafür maximal ehrlich.

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