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Lehrergeständnisse Zentrale Krankheitstage-Kontrolle? Wunderbar!

Nordrhein-Westfalen will die Fehltage seiner Lehrer wegen Krankheit zentral erfassen. Genau richtig, findet Lehrer Jan-Martin Klinge - aber nur, wenn das Ministerium daraus die richtigen Schlüsse zieht.
Lehrer im Stress: Ein Drittel geht wegen Krankheit frühzeitig in Pension

Lehrer im Stress: Ein Drittel geht wegen Krankheit frühzeitig in Pension

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Jan-Martin Klinge, 32, unterrichtet an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen.Halbtagsblog 

In Nordrhein-Westfalen sollen zukünftig, so der Plan, die Krankheitstage aller Lehrer zentral von den Behörden erfasst und kontrolliert werden. Die Landesregierung will wissen: Wie viele Lehrkräfte sind kurz-, mittel- oder langfristig erkrankt - und zwar landesweit und je nach Schulform. Eine derart großflächige Datenerfassung ist ein gewagter Schritt - auch da uns Lehrern andererseits aus Datenschutzgründen zum Beispiel verboten  wird, Facebook "zur Organisation von Unterrichtsprojekten" zu nutzen.

Der Schritt ist trotzdem notwendig, denn: Von den Lehrern, die im Jahr 2013 in NRW pensioniert wurden, schied ein Drittel frühzeitig aus - wegen Dienstunfähigkeit oder Schwerbehinderung. Ein weiteres Drittel quittierte den Dienst vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze. Nur ein Drittel hielt bis zum Schluss durch. Es kann zwar darüber gestritten werden, ob eine behördliche Sammlung aller Krankheitstage daran etwas ändert oder eher den Druck weiter erhöht, im System funktionieren zu müssen.

Die Intention aber ist richtig: Die Verantwortlichen müssen erfahren, wenn einzelne Angestellte den Beruf kaum oder gar nicht mehr ausüben können und wer, wenn nicht die Schulen sollen sie darüber informieren? Es kann nicht sein, dass man als Lehrer immer wieder sporadisch fehlt und sich so bis zur Pension schleppt. In keinem Betrieb der Welt würde das akzeptiert werden.

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Wenn in meiner Klasse einzelne Schüler auffällig oft fehlen, dann forsche ich ja auch nach. Was sind die Gründe? Welche Hilfen kann ich geben? Es gibt Gespräche. Wenn jedoch zwei Drittel der Schüler vor dem Schulabschluss aufgeben, dann reichen Gespräche nicht - dann wird es Zeit, dass ich mich und meinen Unterricht hinterfrage. Sind meine Anforderungen zu hoch? Sind die Lernbedingungen schlecht? Was kann ich tun, um den Schülern den Alltag zu erleichtern?

Es ist zu wünschen, dass das Schulministerium in Zukunft nicht nur die Krankheitsdaten verwaltet, sondern auch die nächsten Schritte geht - indem es sich zunächst die richtigen Fragen stellt: Kann es sein, dass Klassen mit 30 Kindern unterschiedlicher Herkunft vielleicht zu groß sind? Ist es möglich, dass die durchgedrückte Inklusion viele Lehrer auslaugt? Sind Kollegen womöglich überlastet, weil sie einen Teil ihrer Zeit als Sozialarbeiter, Eheberater oder Techniker verbringen müssen? Fallen womöglich so viele Stunden aus, weil es zu wenig Lehrer gibt?

Dann stünden weniger die einzelnen Lehrer im Fokus der neuen Datensammelei, sondern das System Schule würde überprüft. Und das wäre eine gute Sache.

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Das Thema der nächsten Folge: Wie ich Schülern auf den Leim ging.

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