Erzieher-Krise So kommen Kitas an mehr Personal

Erzieher ist ein klassischer Frauenberuf - mit den üblichen Nachteilen wie schlechter Bezahlung, mangelndem Status, geringen Karrierechancen. Die OECD empfiehlt nun acht Maßnahmen, um gegenzusteuern.

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Der Erzieherberuf hat ein Problem: Er gilt nicht als attraktiv. Die Bezahlung ist vergleichsweise schlecht, der Status mangelhaft und die Karriereaussichten gering. Das stellt die OECD in ihrer am Freitag veröffentlichten Studie "Gute Strategien für gute Berufe in der frühen Bildung" fest - und skizziert acht Lösungsansätze, die gegen den Personalmangel in Kindertagesstätten helfen sollen.

Dafür hat die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erfolgversprechende Maßnahmen aus verschiedenen Ländern zusammengetragen.

Einfache Lösungen, und damit einen "Königsweg, um zusätzliche qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen", gibt es laut OECD nicht. Deshalb empfiehlt die Organisation einen "Strategiemix" aus den folgenden Maßnahmen, "um Fachkräfte anzuwerben, einzustellen, auszubilden und zu halten":

  • Status erhöhen
    Die Arbeit in der frühkindlichen Bildung wird laut OECD als geringqualifiziert wahrgenommen, die Kompetenzen würden unterbewertet. Als Lösung schlägt die Organisation vor, nach dem Vorbild Australiens Zertifizierungen einzuführen, die die Befähigungen anerkennen, die Qualifikation durch Studienabschlüsse zu erhöhen, oder etwa nach dem Vorbild Norwegens Informations- und Medienkampagnen zu starten, um die Anerkennung des Berufs zu stärken.
  • Besser bezahlen
    Die schlechte Bezahlung mache es nicht nur schwer, neue Fachkräfte zu gewinnen, sondern verhindere auch eine Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Die Broschüre empfiehlt, die Löhne generell anzuheben. Sei Geld dafür nicht vorhanden, sollte zumindest nach dem Vorbild Neuseelands hochqualifiziertes Personal besser bezahlt werden.
  • Bildungsniveau erhöhen
    Je besser die Erzieher ausgebildet seien, desto hochwertiger sei in der Regel die Arbeit und damit auch längerfristig die Höhe der Vergütung. Allerdings würde dadurch auch die Ausbildung teurer und höhere Qualifikationsanforderungen könnten Bewerber abschrecken. Die Studie empfiehlt deshalb, die Anforderungen nicht pauschal, sondern beispielsweise nur für die Leitung zu erhöhen. Oder wiederum nach dem Vorbild Neuseelands die Qualifikationsvorgaben schrittweise anzuheben.
  • Praxiserfahrung stärken
    Praxiserfahrungen während der Ausbildung verbessern laut OECD nicht nur die Umsetzung des Erlernten, sondern verkürzen auch die Einarbeitung beim Berufsantritt. Nach dem Vorbild Dänemarks und Norwegens mit einem Praktikumsanteil von einem Jahr beziehungsweise 100 Tagen empfiehlt die OECD, den Anteil in der Ausbildung zu erhöhen.
  • Alternativen Berufseinstieg öffnen
    Da die Ausbildung in den meisten OECD-Ländern mit mindestens drei Jahren relativ lange dauere, empfiehlt die Organisation, zum einen niedrigschwelliger Zugänge für junge Arbeitskräfte anzubieten, zum anderen etwa nach dem Vorbild Englands den Einstieg für Quereinsteiger, die bereits einen Berufsabschluss haben, zu verkürzen.
  • Mehr Männer gewinnen
    Im OECD-Durchschnitt sind laut Bericht gerade einmal drei Prozent der Kita-Fachkräfte Männer. Was zum einen mit dem Status und der Bezahlung zusammenhänge, zum anderen aber weitere Maßnahmen brauche, um das Geschlechtergefälle zu überwinden. Dazu empfiehlt die Organisation, mit Kampagnen gegen die Geschlechterstereotype vorzugehen und etwa nach dem Vorbild Norwegens Männer bei der Einstellung vorübergehend zu bevorzugen.
  • Arbeitsbedingungen verbessern
    Stress, Burn-out und mangelnde Unterstützung seien ein häufiger Grund, den Beruf aufzugeben. Deshalb müssten die Arbeitsbedingungen durch Mindeststandards verbessert werden, etwa durch eine Absenkung der Zahl der Kinder je Fachkraft oder eine Erhöhung der Raumgröße je Kind. Kostensparend sei etwa das Vorbild Englands, das den Betreuungsschlüssel nicht nur nach dem Alter der Kinder, sondern auch nach der Qualifikation der Erzieher festlegt. Wichtig für die Arbeitszufriedenheit seien zudem gute Führung durch die Leitung, flache Hierarchien und Mitspracherechte der Mitarbeiter etwa bei Arbeitszeiten.
  • Berufsbegleitende Aus- und Weiterbildung fördern
    Das Kita-Personal müsse für berufsbegleitende Fortbildung gewonnen werden. Dazu müssen sie laut OECD unterstützt werden, da ihnen sonst Zeit und Mittel fehlten und der temporäre Ausfall den Personalmangel zudem verstärke. Die Empfehlung lautet deshalb, entweder eine Weiterbildungspflicht einzuführen oder die Fortbildung zu unterstützen, etwa durch Bildungsurlaub oder finanzielle oder berufliche Anreize wie Gehaltserhöhungen oder neue Aufstiegsmöglichkeiten.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), deren Haus die Publikation der OECD unterstützt hat, steht in puncto Kita-Personal enorm unter Druck - obgleich Kitas Ländersache sind: Es gibt viel zu wenig Erzieherinnen und Erzieher, jedes zehnte Kind bekommt keinen Platz.

Kitaplatz-Mangel


Nach einer Prognos-Studie im Auftrag des Ministeriums werden bis 2030 fast 500.000 neue Mitarbeiter gebraucht. Ausgebildet würden aber erheblich weniger. Damit fehlten bis 2030 fast 200.000 Fachkräfte in den Kitas.

In zwei Punkten hat das Ministerium bereits nachgebessert.

Zum einen bekommen die Bundesländer im Rahmen des sogenannten Gute-Kita-Gesetzes bis 2022 zusätzlich 5,5 Milliarden Euro für die Kinderbetreuung. Wie die Länder das Geld einsetzen, können sie allerdings selbst entscheiden: Die Finanzspritze kann sowohl für längere Kita-Öffnungszeiten oder mehr Personal eingesetzt werden, als auch für eine Senkung der Kitabeiträge.

Zum anderen startet das Haus Mitte des Jahres eine Fachkräfteoffensive. Für die Länder sollen etwa bis 2022 rund 300 Millionen Euro bereitstehen, um die Ausbildung der Erzieher künftig zu vergüten. Bisher müssen die Azubis ihre Ausbildung teils aus eigener Tasche zahlen. Eine bundesweite Regel zur Bezahlung von Erzieher-Azubis gibt es jedoch nicht.

Zudem sieht das Bundesprogramm Aufstiegsboni vor, um die Weiterbildung zu fördern, Karrierechancen zu bieten und den Status der Erzieher dadurch zu erhöhen.

sun

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Seite 1
seeyouin1982 14.06.2019
1. als alleinerziehende
Mutter in einer Großstadt kenne ich die Probleme. Unsere Kita hat jetzt neu eröffnet, mit einer anstatt 4 geplanten Gruppen, da Personal fehlt. Bei der Bezahlung in Relation zur Veramtwortung - kein Wunder. Die Familienministerin tanzt lieber mit dem Arbeitsminister auf irgendwelchen SPD- Parties. Ich wähle schon lange nicht mehr die SPD
hannibalanteportas 14.06.2019
2. Bis auf den Punkt mit den Quereinsteigern
Sind das alles valide Punkte, die auch auf andere soziale und pflegende Berufe ausgeweitet werden können. Wie bei allen sozialen Berufen, die engen emotionalen Kontakt mit ihren "Klienten/innen" haben geht es hier nicht nur um das abspulen von Wissen. Das ist wie mit dem Bänker, der sich plötzlich zum "Life-Coach" berufen fühlt und Heilpraktiker für Psychotherapie wird (selbst erlebt). Nur allein der Wille fehlt, befürchte ich. Solange es das Heil nur in den MINT-Bereichen und der Haifischfinanzwirtschaft gibt, sehe ich schwarz.
dieben 14.06.2019
3. Pavlowscher Reflex?
Frauenberuf = Schlechte Bezahlung?! Ich finde nicht, dass Erzieherinnen oder auch Krankenschwestern so schlecht verdienen. Meine geschiedene Frau hat jahrzehntelang mehr verdient als ich in der freien Wirtschaft. Ich gönne es Ihr und allen anderen. Über die Schwere der Arbeit oder die Verantwortung kann man diskutieren. Vielleicht auch, ob man hier Anreize schaffen muss. Aber so tut, als würden diese Frauen für einen Hungerlohn arbeiten, ist unlauter.
MatthiasPetersbach 14.06.2019
4.
Zitat von hannibalanteportasSind das alles valide Punkte, die auch auf andere soziale und pflegende Berufe ausgeweitet werden können. Wie bei allen sozialen Berufen, die engen emotionalen Kontakt mit ihren "Klienten/innen" haben geht es hier nicht nur um das abspulen von Wissen. Das ist wie mit dem Bänker, der sich plötzlich zum "Life-Coach" berufen fühlt und Heilpraktiker für Psychotherapie wird (selbst erlebt). Nur allein der Wille fehlt, befürchte ich. Solange es das Heil nur in den MINT-Bereichen und der Haifischfinanzwirtschaft gibt, sehe ich schwarz.
...auf andere Berufe sowieso. Heutzutage gibts wohl keinen (schlecht) bezahlten Beruf, den man ohne Verantwortung, ohne Belastung über den Feierabend hinaus und ohne irgendwelche Kompetenz ausüben könnte. Es wird mal Zeit, daß man die Arbeitsleistung, die man täglich über Jahre hinweg erbringt und mit Erschöpfung und mit körperlicher und geistiger Abnutzung EHER berücksichtigt als die Frage,ob jemand vor X Jahren 3 oder 3,5 Jahre irgendwelche "Scheine" erworben hat. Wer um 8:30 antanzt und bis 17:00 Uhr engagiert die Anforderungen seines Arbeitsplatzes erfüllt, hat wohl verdient, daß er einigermaßen von seinem Lohn leben kann. JEDER. Ich finde, wir lassen uns da viel zu leicht auseinanderdividieren. Mir als Akademiker ist es eben NICHT egal, wieviel der Paketbote verdient - und auch nicht der Erzieher. Weil die im Prinzip MEINE Arbeit machen. Gleicher Lohn für gleiche Leistung - und da ist meine Ausbildung keinen Pfifferling höher anzusetzen als die der Vorgenannten. Denn die Arbeitsleistung ist dieselbe - und das ist wohl sogar noch zugunsten von mir gerechnet. Das trifft allerdings auch auf den Paketboten und den Erzieher zu - und auf unzählige andere, die teilweise nach 30 Jahren körperlich oder geistig am Ende sind und dazwischen sich abgehetzt haben - oft abseits von Heizung und Sanitärporzellan.
Teilzeitalleinerzieherin 14.06.2019
5. Wieso immer Studium???
Nach fast acht Jahren Kita Erfahrung kann ich nur feststellen, dass die studierten Kräfte meist nicht für meine Kinder taugten. Die besten Erfahrungen haben meine Kinder mit Quereinsteigern und mit ehemaligen Praktikanten gemacht. Erzieher brauchen für ihren Job vor allem Herz und gesunden Menschenverstand. Wie auch bei Hebammen sollte man die Höhe der Bezahlung nicht an akademische Weihen knüpfen. In unserer Kita klagen die Erzieher im übrigen nicht über die Bezahlung sondern vor allem über die mangelnde Ausstattung. Dass in Deutschland Bettelbriefe an die Eltern wegen Malpapier, Stiften und einem Mindestmaß an Spielzeug für draußen geschickt werden müssen, ist eine Schande und frustriert vor allem auch die Erzieher, die mit dieser Mangelausstattung arbeiten müssen.
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