Optimierungswahn Karriereturbo mit Fehlzündung

Eher kein Masterplan: Rackern, bis der Karrierehamster am Rad dreht
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Eher kein Masterplan: Rackern, bis der Karrierehamster am Rad dreht

2. Teil: Drei gute Gründe, warum die Perfektionierung der Arbeitsleistung zum Bumerang werden kann - und wie man Millionär wird, ohne es zu wollen


Erstens gibt es da ein logisches Problem. Wer seine Aufgaben schnell und effizient erledigt, wird vom Chef gelobt. Das ist schön, aber auch gefährlich. Warum sollte der Vorgesetzte ihn denn befördern? Dann wäre er ja seine beste Kraft los. So bleibt Herr Meier weiter der Controlling-Experte, der hofft, dass eines Tages seine Qualitäten erkannt werden. Es ist das Dornröschen-Syndrom: Warten auf den erlösenden Kuss, derweil der Status quo immer weiter zementiert wird.

Zweitens bedeutet immer mehr Einsatz nur bis zu einem bestimmten Punkt auch mehr Produktivität. Danach schlägt die Anstrengung in Stress um, die Leistung fällt trotz mehr Aufwand ab. Die Optimierung der Arbeitsleistung wird zum Bumerang. Wer ständig mit den Hufen scharrt, manisch Karrierebausteine sammelt und einen bestimmten Aufstiegspfad stur verfolgt, verkrampft und erreicht - gar nichts.

Das dritte und wichtigste Problem der Perfektionierung aber ist: Früher galt ein lückenloser, auf Karriere gebürsteter Lebenslauf, gepaart mit jeder Menge Einsatz und einem systematischen Aufstiegsdenken, als Nonplusultra. Heute haben alle im Studium Praktika gemacht und Rhetorikkurse besucht; alle durchlaufen in den ersten Berufsjahren verschiedene Stationen, alle sind selbstbewusst, topfit, kreativ und geben im Bewerbungsgespräch als "Schwäche" brav an, dass sie gern alles selbst machen würden, weil Ratgeber das so empfehlen.

Nur: Das ist zu linear gedacht. Wenn alle gleich toll sind, ist niemand mehr einzigartig. Wer stets an einem vermeintlichen Musteraufstieg bastelt, der ist am Ende so optimal wie das Muster selbst - und wie Zehntausende andere, die sich daran orientiert haben.

Millionäre ohne Masterplan

Vor einigen Jahren recherchierte ich eine Geschichte über Jobs, in denen man mehr als eine Million Euro im Jahr verdient. Nicht als Profifußballer oder als Robbie Williams, sondern mit theoretisch für jeden erreichbaren Bürojobs. Alle, mit denen ich sprach, hatten zwei verblüffende Dinge gemeinsam: Sie hatten keinen Plan, dem sie folgten, um dereinst Einkommensmillionäre zu werden. Im Gegenteil: Der sicherste Weg, keine Million zu verdienen, so zeigte sich, ist der, es unbedingt zu wollen. Die zweite Gemeinsamkeit: An einem bestimmten Punkt ihres Lebens entschieden sich alle gegen den naheliegenden, klassischen Karriereschritt.

Auch Carl ("Charly") Woebcken ist gewissermaßen Fachmann für unorthodoxe Aufstiegswege. Der Chef und Mitinhaber der Babelsberger Filmstudios absolvierte einen beruflichen Zickzack-Parcours, bevor er im Studio Babelsberg landete, in seinem abgeschabten roten Glitzersessel, einen Steinwurf entfernt vom Studio-Requisitenfundus mit dem realsozialistischen Look & Feel der alten NVA-Uniformen.

Ganz früher wollte Charly Posaunist werde, wovon er jedoch wieder Abstand nahm, nachdem er im Stabsmusikkorps der Bundeswehr Howard Carpendale begleiten musste. Woebcken studierte Maschinenbau, wurde Ingenieur, ging zur Boston Consulting Group, erlitt Schiffbruch mit dem Kauf einer Ex-DDR-Firma, wurde Berater bei Roland Berger, wechselte zu Apollo Capital Partners und brachte im New-Economy-Hype eine Minifirma an die Börse.

Das tun, was man wirklich gut kann

2004 kaufte er mit einem Kompagnon für einen Euro die Filmstudios Babelsberg, die 2005 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurden. Da war sie, die exotische Gelegenheit am Wegesrand. Exotisch und verrückt, denn das Filmgeschäft war etwas für irre Enthusiasten, die möglichst schnell möglichst viel Geld verbrennen wollten. Zumindest bis 2007 die Filmförderung geändert und Deutschland als Drehort rentabel wurde. Danach boomte das Studio, "The International" oder "Operation Walküre" wurden hier gedreht.

Hat Charly Woebcken Glück gehabt? Vielleicht. Folgte er einem Masterplan? Bestimmt nicht.

"Um wirklich erfolgreich zu sein, braucht man ein inneres Anliegen, eine Leidenschaft, die nichts mit Geld oder Karrierezielen zu tun hat", sagt Top-Management-Coach Dorothee Echter. Es geht darum, das, worin man gut ist, weiterzuentwickeln. Das bringt mehr, als externe Vorgaben zu erfüllen und an Musterlebensläufen zu feilen. Platt formuliert: Stärken zu stärken, statt Schwächen auszubügeln. So wird man Weltmeister in einer Sache, statt in vielen Dingen Kreisliga zu spielen.

"Do what you love and the money will follow" - dieser Bestsellertitel ist sicher etwas zu schlicht. Einsatz und Initiative sind wichtig. Es kann aber nicht schaden, darüber nachzudenken, wofür es sich einzusetzen lohnt. Sonst kommt man vor lauter Erfüllen der Ansprüche von außen nicht mehr dazu, das zu tun, was man wirklich gut kann. Und der vermeintliche Karriereturbo geht nach hinten los.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles Buch "Die Perfektionierer" (siehe Kasten links). Letzte Woche: Der stressige Alltag der Very Important Babys

  • Nächste Woche: Pimp my Lebenslauf - wie das Studium zur Zertifikatemaschine wurde - und Studenten darüber vergessen, worauf es wirklich ankommt



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
mark pohland 26.01.2010
1. wow
Schau an, der Autor dieses Artikels hat ein neues Buch geschrieben, und siehe da: es ist auch noch im Spiegel-Online-Shop erhältlich. Klasse! Gleich kauf ich's mir! Erzähl uns was neues. Das Thema Praktikantenausbeutung und selbst auferlegter Dauerstress bis zum Burnout, nur um dem Chef zu gefallen, ist doch schon mindestens ein halbes Jahrzehnt alt. Als weiterer Nervfaktor dieses vollgepackten Lebens seien obsolete Artikel erwähnt, die einem Zeit rauben. Außerdem: warum schließt der Autor aus seiner Perspektive gleich auf alle anderen? Ich arbeite nicht im Biergarten oder Straßencafé an meinem PC, sondern vom Büro aus. Ich mache am Wochenende keinen Abschlussbericht und checke meine Mails nicht im Urlaub. Selbst schuld.
Frederik86 26.01.2010
2. Grottenschlechter Artikel
Planlos zum Millionär also! Gerade diejenigen, die es allzu gradlinig angehen werden scheitern - mal was ganz neues ausprobieren, nicht immer nur auf die Karriere-Optimierung schielen, dann klappt's auch mit der Million! Ah, schön! Ein Blick auf das angeführte Beispiel zeigt, wie das auszusehen hat: "Auch Carl ("Charly") Woebcken ist gewissermaßen Fachmann für unorthodoxe Aufstiegswege." oha! "Woebcken studierte Maschinenbau, wurde Ingenieur, ging zur Boston Consulting Group, erlitt Schiffbruch mit dem Kauf einer Ex-DDR-Firma, wurde Berater bei Roland Berger, wechselte zu Apollo Capital Partners und brachte im New-Economy-Hype eine Minifirma an die Börse. Das tun, was man wirklich gut kann 2004 kaufte er mit einem Kompagnon für einen Euro die Filmstudios Babelsberg, die 2005 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurden." Okay, kurz zusammengefasst: Ingeniieursstudium => Boston Consulting Group => Kauf DDR-Firma => Roland Berger Consulting => Apollo Capital Partners => New Economy Firma => Einstieg bei Filmstudio => Umwandlung in Aktiengesellschaft Dazu der Kommentar: "Hat Charly Woebcken Glück gehabt? Vielleicht. Folgte er einem Masterplan? Bestimmt nicht." BITTE WAS?! karrieregetrimmter geht es doch wohl kaum!! Da fehlen nur noch Goldman Sachs und McKinsey in dieser Liste... kaum jemand wird so stark an Image und Effizienz feilen wie Consultants von BCG und RB - ein schlechter Scherz diesen Lebenslauf hier als Paradebeispiel zur These des Artikels vorzustellen. Artikel ist komplett für die Tonne. einfach. nur. schlecht.
dreamtimer 26.01.2010
3. Karriereknicke
---Zitat--- Sie hatten keinen Plan, dem sie folgten, um dereinst Einkommensmillionäre zu werden. Im Gegenteil: Der sicherste Weg, keine Million zu verdienen, so zeigte sich, ist der, es unbedingt zu wollen. ---Zitatende--- Der Umkehrschluss gilt zum Glück nicht, ansonsten hätten wir eine galoppierende Inflation. Bei derlei Weisheiten wundere mich nur, dass man wieder einmal auf den '68-ern herumhackt. Befanden die sich denn nicht ganz entspannt im Hier und Jetzt und begann der große Karriereknick nicht erst mit den Amphetaminen, den Yuppies und den `80-er Jahren?
acitapple 26.01.2010
4.
um karriere zu machen muss man aus der masse herausstechen, auffallen. das geht halt nicht, wenn alles schön sauber aussieht. unbezahlte praktika und 1er-durchschnitt sind da im besten falle förderlich. vitamin b ist da mind. 10 mal effektiver !
Schmeckhengst 26.01.2010
5. Herr Werle erklärt die Welt
Danke Herr Werle für ihre überaus bauchpinselnden Ausführungen. Ich bin mir sicher, dass man von Ihrem Standpunkt aus die Welt ganz prima versteht und auch erklären kann, wie sich junge Berufseinsteiger verhalten sollten, um ihre Ziele zu erreichen - Auslandsstudium, Henri-Nannen-Schule und Manager Magazin haben Sie sicher auch mit der gleichen Einstellung absolviert, welche Sie in Ihrem Buch so prätentiös ausbreiten. Die Realität sieht leider ein wenig anders aus und es hilft im täglichen Leben leider nicht, den eigenen Idealen zu folgen und dafür dann Hartz-IV zu empfangen. Aber das muss man Ihnen sicher nicht erklären. Sie haben sich sicher schon in vielen Recherchen mit diesem Thema beschäftigt. Grundtenor ihres Buches: Alles, was der Mensch braucht, ist Glück. So einfach ist das Leben. Ein weiteres, unnützes Karriere-Tuning, ein weiterer unnützer Ratgeber für junge Menschen auf der Suche nach der eigenen Verwirklichung.
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