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Personalauswahl per Gesichtsanalyse Verräterische Beule am Kopf

Es gibt Personalberater, die ködern Kunden mit einem überraschenden Auswahlverfahren: Schon an der Nasenspitze könne man Charakter, Talente und Karrierechancen eines Menschen erkennen. Oder am Kinn oder den Ohren. Wissenschaftler nennen derartige "Psycho-Physiognomik" Humbug.
Von Bärbel Schwertfeger

Was Dirk Schneemann verspricht, dürfte dem Wunsch vieler Personalmanager entgegenkommen. Denn der gelernte Fahrzeuglackierer setzt auf ein System der "Psycho-Physiognomik", mit dem er angeblich den Charakter eines Menschen erkennen kann. Der fachmännische Blick auf Kopfform, Nase, Stirn und Kinn gibt danach wichtige Aufschlüsse, ob ein Kandidat für den Job oder Aufstieg geeignet ist.

Schneemann behauptet, der Psycho-Physiognomiker erkenne die Ausprägung eines Persönlichkeitsmerkmals etwa an der "Verformung des Schädels nach außen". Je stärker die "Beule", desto höher sei der Energiefluss und je stärker die Ausprägung der Charaktereigenschaft, schreibt Schneemann in seinem "großen Buch der Menschenkenntnis". So hätten Menschen mit einem breiten Jochbein eine starke Durchsetzungsfähigkeit. Ein eckiges und spitzes Kinn deute auf eine "perfektionistische Veranlagung" hin, eine schmale Oberlippe stehe dagegen für Kontaktarmut. An der Stirn zeige sich das "religiöse Denken und Fühlen", während sich am Seitenhaupt der "Sinn für die Sammlung kultureller Güter" befinde, und seitlich über der Augenbraue liege der "Sinn für den geschickten Umgang mit Geld".

Seine Methode bezeichnet Schneemann dabei als "systematische Weiterentwicklung der Jahrtausende alten chinesischen Gesichtslehre", die er "in ihrer Anwendung komplett neu aufgestellt und mit Daten aus der Neurologie, Psychologie und Medizin abgeglichen habe".


"Die Suche nach einem Geheimsystem zur Charakter-Erkennung lässt sich leider nicht ausrotten."
(Professor Werner Sarges, Prof. Sarges & Partner Institut, Hamburg)

In der Tat: Aus dem Gesicht oder der Kopfform Schlüsse auf den Charakter zu ziehen, versuchen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Ihre Blüte erlebte die Gesichterkunde dabei Ende des 18. Jahrhunderts, als der Pfarrer Johann Caspar Lavater seine "Physiognomischen Fragmente" veröffentlichte und aus dem Stirnmaß auf die Intelligenz und andere Persönlichkeitsmerkmale schloss. Schon damals verspottete der Physiker Georg Christoph Lichtenberg Lavaters - bis heute empirisch unbewiesene - Theorie als "Pathognomik". Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begründete der Arzt Franz Josef Gall dann die pseudowissenschaftliche Lehre der Phrenologie, die einen Zusammenhang zwischen der Schädelform und Begabungen unterstellte und später Grundlage übelsten Missbrauchs wurde, als man etwa die kriminelle Veranlagung eines Menschen an seiner Schädelform ablas. Die Phrenologie war letztlich auch die Grundlage für die in der NS-Zeit populäre Rassenkunde.

"Die Suche nach einem Geheimsystem, mit dem man den Charakter eines Menschen sofort erkennen kann, lässt sich leider nicht ausrotten", sagt Werner Sarges, Inhaber des Prof. Sarges & Partner Instituts für Managementdiagnostik in Barnitz bei Hamburg. Auch Personaler fielen dabei auf die abstrusesten Methoden herein. So kommt Schneemann laut eigenen Angaben bei Unternehmen gut an. Selbst Top-Positionen in Dax-Unternehmen würden aufgrund seiner Empfehlungen vergeben, behauptet er. Namen seiner Kunden will er nicht am Telefon nennen. Aber auf seiner Referenzliste steht immerhin der US-Konzern Kraft Foods. Der bestreitet auch nicht, mit Schneemann zusammengearbeitet zu haben. Allerdings sei das schon einige Jahre her.

Auch Andreas Engel, Leiter Personalrecruiting/-entwicklung bei der Kölner TÜV Rheinland Group / TÜV Kraftfahrt GmbH, war schnell von der Schneemann-Methode überzeugt, als er im Rahmen einer Vortragsveranstaltung an der TÜV-Akademie erlebte, wie der Meister in wenigen Minuten die Potenziale eines Teilnehmers skizzierte und dabei offensichtlich einer gewissen Systematik folgte.


"Der Sitz der Ohren gibt Aufschluss über die Einstellung zum Leben."
(aus: Dirk Schneemann, Wer bin ich - Wer bist du?, Heel Verlag 2002)

Seit zwei Jahren nutze die TÜV Kraftfahrt GmbH die Methode daher nicht nur für die Personalauswahl, sondern auch im Rahmen systematischer Potenzialanalysen und zur Personalentwicklung, so eine Presseinformation. "Das System dient neben anderen Methoden wie dem strukturierten Interview dazu, die Validität von Personalentscheidungen zu erhöhen", erklärt Engel. Eine Fehlentscheidung koste schließlich bis zu 100.000 Euro. "Da müssen wir einfach höchstmögliche Sicherheit gewinnen", sagt der TÜV-Personalmanager und ergänzt: "Wenn das etwas mit Esoterik zu tun hätte, wäre es bei uns fehl am Platz." Dabei bedauert Engel, dass man in Deutschland aufgrund der Erfahrungen im Dritten Reich so negativ zur Gesichtskunde eingestellt sei und es auch nur wenig Forschung dazu gebe.

Bei der TÜV Akademie Rheinland in Köln war man so von dem Schneemann-System überzeugt, dass man dort einen einjährigen Kurs dazu anbot und diesen auch noch zertifizierte. So hat auch TÜV-Personaler Engel vor zwei Jahren die Prüfung zum zertifizierten "Referenten für Psycho-Physiognomik" abgelegt. Mittlerweile hätten zudem weitere Mitarbeiter des TÜV Rheinland die Ausbildung absolviert, so Engel. Die Zertifizierung bedeute allerdings nur, dass bei dem Lehrgang Durchführungsstandards sichergestellt würden und eine ordnungsgemäße Prüfung abgelegt werde. Für den Inhalt sei der TÜV nicht verantwortlich. An den Kursen, die nach Bedarf abgehalten werden, würden auch Geschäftsführer und Personalmanager teilnehmen. "Sobald genug Teilnehmer zusammenkommen, beginnt der nächste Kurs", erklärt Engel.

Für Thomas K. Heiden ist das TÜV-Zertifikat eine prima Sache. "Das ist wichtig fürs Geschäft", sagt der Partner der Heiden & Simon u. Partner Personalberatung in Berlin. Meist spreche er zuerst mit dem Geschäftsführer oder Personalleiter. "Die sind alle furchtbar neugierig auf ihre eigene Analyse und dann schnell davon überzeugt", sagt der ehemalige Senior-Berater bei McKinsey. Zu seinen Kunden gehörten etliche Großkonzerne, wo er auch Personalabteilungen schule. Offen darüber reden wollten diese allerdings nicht.

Dieter Homscheidt, Geschäftsführer des Systemhauses Binary in Essen, hat damit keine Probleme. "Man hat das Gefühl, man werde mit einem Röntgenblick angeschaut", sagt der gelernte Industrieelektroniker. Aber die Trefferquote sei enorm. Eingesetzt werde die geheimnisvolle Gesichterkunde bei Binary derzeit im Führungskräfte-Coaching. "Da weiß man gleich, wo die Stärken liegen und verplempert nicht ein paar Sitzungen mit der Erarbeitung eines Stärkenprofils", sagt Homscheidt.

Im zweiten Teil: "Da reden wir über lebenslanges Lernen, und dann wird jemand wegen der Kopfform eingestellt" - Personalchefs und Psychologen sind entsetzt. Mehr...

Während Heiden beim Coaching offen über seine psycho-physiognomischen Erkenntnisse spricht, setzt er diese bei Auswahlgesprächen oder Management-Audits verdeckt ein. So sehe er etwa am Aufbau des Hinterkopfs und Unterkiefers, ob jemand eher harmoniegetrieben sei. Die Willensstärke erkenne er an der Nase. "Deshalb entwickelt sich die Nase auch je nach Charakter unterschiedlich", behauptet der Psycho-Physiognomiker. Allerdings müsse man immer mehrere Merkmale in Relation setzen. "Wir reden hier über die Ausprägungen von 270 Merkmalen", erklärt der promovierte Luft- und Raumfahrtingenieur. Im Gespräch stelle er dann anhand seiner Erkenntnisse gezielte Fragen. So erinnere er sich an eine Projektleiterin, die richtig hart auftrat, aber psycho-physiognomisch ein "Mega-Sensibelchen" war.

Madeleine Leitner ist fassungslos. "Ich hätte nie gedacht, dass sich jemand heute noch ernsthaft mit solchen abstrusen Konzepten beschäftigt", sagt die Vorsitzende der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP). Dass ein vermeintlich seriöser Anbieter wie der TÜV bei der Suche nach neuen Einnahmequellen offenbar vor nichts zurückschrecke, hält sie für skandalös.


Jürgen Klinsmanns "kräftig ausgeprägte Nase, sein markanter Unterkiefer und sein breites Kinn zeigen seinen starken Willen und großen Ehrgeiz. Seine plastisch ausgeprägte untere Stirnregion verdeutlicht seine schnelle Auffassung."
(Thomas K. Heiden, "So sind Klinsi & Debbie wirklich", in der Zeitschrift "Bunte", 6. Juli 2006)

Auch Christoph Aldering, Mitglied der Geschäftsleitung und Partner Kienbaum Management Consultants GmbH, ist erstaunt über die "laienhafte Psychologie". Das erinnere ihn doch an dunkle Zeiten in unserer Geschichte. Thomas Randhofer hält die Schneemann-Methode für "Taschenspielertricks", bei denen sich die Analysierten - ähnlich wie beim Horoskop - in eher allgemein gehaltenen Aussagen wiederfinden. Ethisch sei die Methode nicht vertretbar. "Da reden wir über lebenslanges Lernen, und dann wird jemand eingestellt, weil die Kopfform stimmt", kritisiert der Leiter Personalentwicklung bei den Mannstaedt-Werken GmbH & Co. KG in Troisdorf.

Kein gutes Haar lässt auch Fritz Ostendorf an der Psycho-Physiognomie. "Den Charakter auf der Grundlage der Schädelform, der Art der Nase oder Stirn erschließen zu wollen, ist schlichtweg Humbug", sagt der Psychologiedozent an der Universität Bielefeld. So hätten sich für die Annahmen der Phrenologie keinerlei Bestätigungen finden lassen. Zwar ließen sich momentane Gefühle durchaus aus der Mimik erschließen, aber allein auf dieser Basis auf stabile Persönlichkeitsmerkmale oder gar auf künftigen Berufserfolg zu schließen, sei äußerst problematisch.

Hier liegt offenbar das große Missverständnis, das Physiognomiker geschickt für sich nutzen. Denn über das Erkennen emotionaler Befindlichkeiten anhand der Körpersprache und Mimik gibt es in der Tat zahlreiche wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Wir können in Sekundenbruchteilen erkennen, ob uns jemand freundlich oder feindlich gesinnt ist - schließlich war das in der Evolution entscheidend fürs Überleben. Doch die Erkenntnisse beziehen sich stets auf die Beobachtung des Verhaltens und nicht auf die starre Vermessung des Gesichts.

So konnte Peter Borkenau, heute Professor für Psychologische Diagnostik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in Versuchen belegen, dass man auch fremde Personen besser als erwartet einschätzen kann. Das galt vor allem für die Eigenschaften "Gewissenhaftigkeit", "Extraversion" und "Verbale Intelligenz". Allerdings basierte die Einschätzung nicht allein auf dem optischen Eindruck. Als besonders wichtig für die Treffsicherheit erwies sich die Sprache. Schlussfolgerungen auf überdauernde Persönlichkeitsmerkmale anhand des Gesichts seien empirisch nicht haltbar.


"Ich hätte nicht gedacht, dass sich heute noch jemand mit solchen abstrusen Konzepten befasst."
(Madeleine Leitner, Vorsitzende Sektion Wirtschaftspsychologie, BDP)

Auch Schneemanns Fähigkeiten hielten bisher keiner empirischen Überprüfung stand. So testete Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Lüneburg, gemeinsam mit seinem Doktorvater Werner Sarges die diagnostische Kompetenz des gelernten Fahrzeuglackierers. Dazu legten sie ihm rund 60 Fotos von Personen vor. Gleichzeitig machten diese Personen den wissenschaftlich fundierten Persönlichkeitstest NEO-FFI, der die so genannten Big Five - also die fünf wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion und Gewissenhaftigkeit - misst.

Schneemann bekam eine Beschreibung der Big Five und interpretierte die Gesichter dann anhand seines Systems. Dellers Fazit: "Die wissenschaftliche Analyse konnte nicht belegen, dass das System etwas erfasst, was wir unter Persönlichkeitsmerkmal verstehen." Werner Sarges wird noch deutlicher: "Schneemanns Behauptungen sind nicht haltbar. Das ist kompletter Unsinn."

Aus der Traum? Lässt sich Menschenkenntnis also nicht schulen? Nein, sagt Psychologe Ostendorf: "Es ist seit Langem bekannt, dass sich die Fähigkeit, psychische Merkmale anderer akkurat zu beurteilen, kaum trainieren lässt." So seien Laien etwa bei der Interpretation von Gesichtsausdrücken durchschnittlich nicht schlechter als Psychologen. Auch sei es nicht gelungen, "Menschenkenntnis" als stabiles Persönlichkeitsmerkmal dingfest zu machen. Natürlich könne man trainieren, besser auf Körpersprache und Verhalten zu achten oder bessere Interviews zu führen, ergänzt Diagnostikexperte Sarges. Aber das dauere alles länger als die Schnellbleiche im Gesichterlesen.

Der Psychologe hat resigniert: "Etliche Personaler sind einfach so unsicher, dass sie nach jedem Strohhalm greifen."