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Erwachsenen-Bildungsstudie der OECD Deutschland muss nachsitzen

Deutschlands Erwachsene lesen und rechnen im internationalen Vergleich nur mittelmäßig, das zeigt eine neue OECD-Studie. Dramatischer als der Rückstand auf andere Länder ist jedoch die Bildungsungerechtigkeit in der Bundesrepublik.
Was steht denn da? Viele Erwachsene können nicht vernünftig lesen

Was steht denn da? Viele Erwachsene können nicht vernünftig lesen

Foto: Corbis

Glückwunsch nach Japan und Finnland. Die 16- bis 65-Jährigen dort lesen und rechnen besonders gut; sie können Probleme am Computer schnell und kompetent lösen und effektiver im Netz recherchieren. Die Deutschen im erwerbsfähigen Alter hingegen sind nur Mittelmaß, im Schnitt zumindest. Lediglich bei einem Punkt schafft es die Bundesrepublik fast an die Spitze - und das ist ein trauriger Wert: Nur in den USA hängt die Lesefähigkeit noch stärker vom Elternhaus ab als hierzulande.

Das zeigen die Ergebnisse der sogenannten Piaac-Studie, durchgeführt von der OECD im vergangenen Jahr in 24 Industriestaaten. Als "Pisa-Studie für Erwachsene" bezeichnen sie Experten wie Barbara Ischinger, Leiterin des OECD-Bildungsrektorats.

Der Schüler-Leistungsvergleich Pisa hatte vor mehr als zehn Jahren Deutschland beschämt. Eine wissenschaftliche Studie mit ähnlicher Wucht hat es seitdem nicht gegeben. Pisa vertrieb das Selbstbewusstsein und die Selbstgerechtigkeit, mit der die Deutschen viel zu lange auf ihr Schulsystem geschaut hatten. Die Untersuchung löste eine riesige Debatte aus, Schulen und Kitas wurden umgebaut, Lehrer und Erzieher fortgebildet, eine Menge auf den Weg gebracht.

"Deutschland ist deutlich schlechter geworden"

Wird Piaac jetzt ähnliche Folgen haben? "Nach Pisa könnten diese Ergebnisse durchaus einen Piaac-Schock auslösen", sagt der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut. Er saß im wissenschaftlichen Beirat der Studienmacher und hat am Piaac-Bericht mitgeschrieben. Er mahnt: "Die Ergebnisse sollten uns wachrütteln."

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Pisa-Fragen für Erwachsene: Wieviel Grad zeigt das Thermometer?

Foto: OECD

Geradezu entsetzt zeigten sich auch andere Experten. "Deutschland ist, was das Lesen betrifft, deutlich schlechter geworden", sagt Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg. Sie hat die Piaac-Ergebnisse zur Literalität, also Lesefähigkeit, mit ähnlichen Untersuchungen aus den neunziger Jahren verglichen. Die OECD-Daten zeigen ihr zufolge, dass sich die Literalität in Deutschland drastisch verschlechtert hat.

Zwar wusste die Forschung schon lange, dass Deutschland im internationalen Vergleich bei der Erwachsenenbildung nicht besonders gut dasteht, doch fehlte bislang die Aufmerksamkeit. "Ergebnisse früherer Studien wurden ignoriert", sagt Josef Schrader, wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Das könnte sich jetzt ändern, hofft er. Doch fange die eigentliche Arbeit erst an: Gemeinsam mit Praktikern und Bildungspolitikern müsse man die Ergebnisse interpretieren und in wirkungsvolle Maßnahmen übersetzen.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?

Wichtiger und alarmierender als der deutsche Rückstand auf Staaten wie Japan und Südkorea sind jedoch die Leistungsunterschiede innerhalb der Länder, auch innerhalb erfolgreicher Kandidaten wie Finnland. Die Studie scheint die alte Volksweisheit zu bestätigen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Vor allem wenn Hänschen aus einer Familie kommt, in der weder Mutter noch Vater einen Schulabschluss haben. Dann erzielt er beim Lesen durchschnittlich 54 Punkte weniger als jene Testpersonen, bei denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss oder einen Meisterbrief vorweisen kann - das entspricht einem Rückstand von mehreren Schuljahren.

Auch ist lebenslanges Lernen oft eher Wunschdenken als Wirklichkeit. An Fortbildungen etwa nähmen vor allem diejenigen teil, die eh schon fit sind, sagt Barbara Ischinger. Und auch Beatrice Rammstedt, Piaac-Projektleiterin in Deutschland, spricht von einer sozialen Schere, die ein Leben lang bestehen bleibt. Wem Basisfähigkeiten fehlen, hat also wenig Chancen auf einen Aufstieg - und auf ein vernünftiges Einkommen. Unabhängig vom formalen Bildungsabschluss steigt das Gehalt pro Kompetenzstufe um rund 270 Euro monatlich. "Gerade in Deutschland gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Kompetenzen und dem Erfolg am Arbeitsmarkt", sagt Bildungsökonom Wößmann.

Eine gute und schlechte Nachricht zugleich ist der Generationenunterschied: Die jüngeren Testteilnehmer schneiden deutlich besser ab als die älteren. Nicht nur Bildungspolitiker und Ministeriale wie Staatssekretärin Conelia Quennet-Thielen werten das als Erfolg: "Die angestoßenen Bildungsreformen wirken." Auch Wissenschaftler sehen das ähnlich: "Die 16- bis 24-jährigen Deutschen liegen im Lesen zumindest im OECD-Durchschnitt. Das könnte auf die Reformen nach Pisa zurückzuführen sein", sagt Wößmann.

Andererseits zeigen sich bei den älteren Teilnehmern eklatante Schwächen, zum Beispiel im Umgang mit Computer und Internet. So mancher wusste noch nicht einmal, mit einer Maus umzugehen und scheiterte schon am Scrollen.

Dass sich an den mangelnden Kompetenzen der Älteren noch etwas ändern könnte, bezweifelt Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg. "Die Piaac-Ergebnisse werden keine Auswirkungen haben. Die Fähigkeiten der älteren Erwachsenen werden sich jetzt nicht mehr ändern", sagt er.

Weitere Ergebnisse haben die Piaac-Forscher für 2016 angekündigt, bis dahin werden weitere Länder bei den Tests mitgemacht haben. Die Empfehlungen verschiedener Experten für Deutschland reichen von "mehr Geld für Volkshochschulen" bis hin zu "längerem gemeinsamen Lernen an allgmeinbildenden Schulen". Ein Patentrezept, da sind sich alle einig, gibt es allerdings nicht - ähnlich wie bei Pisa.

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