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Plagiate Ein Professor und sein Schreibknecht

Bei wissenschaftlichen Publikationen leistet oft ein Assistent die Arbeit, der Professor erntet die Meriten. Jetzt steht ein Darmstädter Jurist unter Plagiatsverdacht - ausgerechnet bei einem Gesetzeskommentar. Die ganze Schuld schiebt er auf seinen wissenschaftlichen Wasserträger.
Von Hermann Horstkotte

In einem offenen Brief "an alle, die es angeht" wusch Juraprofessor Axel Wirth seine Hände in Unschuld: "Meiner Person kann keinerlei Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens gemacht werden." Auch habe er seine "Kontrollpflichten" nicht verletzt. Das sei in einer Überprüfung festgestellt worden. Im Übrigen, so Wirth, habe die TU Darmstadt "auf meine Veranlassung hin eine arbeitsrechtliche Untersuchung eingeleitet" - offenbar nicht gegen ihn selbst, sondern einen angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter. Als SPIEGEL ONLINE mehr wissen wollte, nahm die Hochschule das Outing des Professors von ihrer Webseite und schaltete auf Funkstille.

Was war passiert? Ein neuer Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verschwand im Sommer aus dem Buchhandel. Der Grund: Nach einem Lesertipp entdeckten die Herausgeber in Wirths gut hundertseitigem Kapitel auffällige Anlehnungen an den ewigen Standardkommentar von Otto Palandt, zum Teil wortwörtliche Übernahmen - allerdings ohne jeden Hinweis auf diese Quelle. Daraufhin bestellte Johann-Dietrich Wörner, Präsident der TU Darmstadt, bei seinem Ombudsmann Dietmar Hennecke einen Prüfbericht.

Hennecke ist pensionierter Maschinenbauer und in Darmstadt "Vertrauensperson bei wissenschaftlichem Fehlverhalten". Der Bericht, den er Ende Oktober vorlegte, spricht klipp und klar von einem "Plagiat", also geistigem Diebstahl, wie Hochschulsprecher Jörg Feuck SPIEGEL ONLINE bestätigte. Der Plagiator sei laut Ombudsmann jedoch "der zuarbeitende und teils als Co-Autor aufgeführte Mitarbeiter" Jörg Dohm*. Auf dessen Vorleistungen habe sich Professor Wirth als "gesamtverantwortlicher Autor des Kommentars" einfach verlassen.

Zwar steht für 27 von über 100 strittigen Kommentarseiten das Autorenpaar "Wirth / Dohm" gerade. Aber die dicksten Klöpse, die der angebliche Plagiator Dohm seinem Chef serviert haben soll, nämlich direkte Textübernahmen aus Palandt, finden sich laut Verlag in den vom Professor allein verantworteten Abschnitten. Und der Verlag behält sich ausdrücklich auch Schadenersatzansprüche gegen seinen alleinigen Auftragnehmer Wirth vor.

Der Moralkodex der Wissenschaft

Davon lässt sich der Darmstädter Ombudsmann freilich nicht beirren: "In den Wissenschaften", meint er, "ist es üblich und nicht zu beanstanden, dass Professoren Mitarbeiter beauftragen, für Publikationen Texte zu erstellen."

Wirklich? Der Darmstädter Disput rührt an eine Grundsatzfrage, an den Moralkodex der Wissenschaft - wer bei den für die Uni-Karriere ungemein wichtigen Veröffentlichungen die Meriten ernten darf, wer die Verantwortung trägt. Und auch, wie man Studenten vom Trendsport copy & paste abbringt. Denn die Universitäten bemühen sich gerade intensiv um Aufklärung, dass simples Abkupfern von Seminar- und Examensarbeiten via Internet auf keinen Fall zulässig ist, sondern jede Quelle sorgfältig gekennzeichnet werden muss.

Ombudsmann Hennecke vertritt offenbar die Auffassung, dass wissenschaftliche Mitarbeiter eines Hochschullehrers eine unselbständige Gehilfentätigkeit ausüben, gleichsam wie akademische Azubis. Diese Vorstellung stammt aus Fächern mit einer strengen akademischen Hierarchie wie in der Juristerei und der Medizin. Da beginnt der "Kollege" bis heute erst mit der bestandenen Hochschullehrerprüfung (Habilitation).

Im Extremfall führt solches Denken zu einer reinen "Ehrenautorschaft". Dabei lässt sich ein Institutschef in den Veröffentlichungen seiner Mitarbeiter schlicht huckepack nehmen und gar als Hauptautor nennen. Diesen Usus hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vor acht Jahren in ihren Empfehlungen zur "guten wissenschaftlichen Praxis" erstmals unmissverständlich für "ausgeschlossen" erklärt.

Mein Text, dein Text

Vorausgegangen war 1997 der größte Forschungsskandal in der deutschen Medizingeschichte um den Krebsspezialisten und Vorsitzenden der deutschen Gentherapeuten, Friedhelm Herrmann. Zu Datenfälschungen in Aufsätzen mit ihm als Seniorautor erklärte der vielbeschäftigte Klinikchef damals treuherzig: "Ich überflog die Arbeiten meiner Schüler nur und setzte meinen Namen dazu, um den Eindruck zu vermeiden, ich würde mich von den Ergebnissen meiner Leute distanzieren."

Die jüngere Gelehrtengeneration soll erheblich klarer zwischen Mein und Dein unterscheiden, versichert heute so gut wie jeder Professor. "Textentwürfe von anderen auf den eigenen Namen zu übernehmen, ist schlicht geistige Piraterie", betont der Urheberrechtsexperte Dieter Leuze. In sechs Jahren ist Hans-Heinrich Trute, bis 2005 Ombudsmann der DFG, kein einziger Fall dieser Art vorgetragen worden. Er fügt aber vorsorglich hinzu: "Die mögliche Dunkelziffer bleibt eine offene Frage."

Im akademischen Betrieb bestimmt oft Sorge um das eigene Fortkommen das Verhalten. Mancher Mitarbeiter mag es als eine Art Gewohnheitsrecht oder Betriebsgeheimnis betrachten, wie der Chef und "akademische Lehrer" mit Arbeitsergebnissen seiner Schüler umgeht - und dabei möglicherweise Autorenrechte verletzt. Aber ein schlechtes Vorbild ist für keinen Untergebenen die Lizenz für eigenes Unrecht. "Wenn mir ein Assistent, der zur Dienstleistung an meinem Lehrstuhl verpflichtet ist, etwa ein Plagiat statt einer ordentlichen Arbeit abliefert, ist das grundsätzlich eine Dienstpflichtverletzung", stellt Rechtsprofessor Trute klar.

Tatsächlich wurde der Darmstädter Zuarbeiter Dohm wegen seines mutmaßlichen Versagens bei der Kommentierung erst einmal vom Dienst "freigestellt", wie der Vorgesetzte Wirth SPIEGEL ONLINE erklärte - kurz bevor er vor weiteren Ausplaudereien von der Hochschulleitung zurückgepfiffen wurde. Dohm selbst will zur Sache überhaupt nichts sagen, sich in seiner Lage nicht den Mund verbrennen. Dass er Angst um seine Stelle und die anstehende Promotion hat, versteht sich von selbst.

Arglos wie die Marquise von O.?

Immerhin wirft sich der Ombudsmann schützend vor den angeblichen Plagiator. Der geistige Diebstahl sei "kein bewusstes, absichtliches wissenschaftliches Fehlverhalten" - also eher so etwas wie die unwissentliche Schwangerschaft der Marquise von O. in Kleists Novelle. Mithin bleibt nur anzunehmen, dass Dohm mit seiner Mitwirkung am Kommentar, neben Doktorarbeit und Lehrveranstaltungen, einfach überfordert war. Wenn aber bei "jüngeren Mitgliedern" in einem Team "Situationen vermeintlicher oder tatsächlicher Überforderung entstehen", dann trägt ganz klar der Leiter der Arbeitsgruppe, in diesem Falle Wirth, "die Verantwortung dafür" - so die DFG in ihren Hinweisen zur "guten wissenschaftlichen Praxis".

Das TU-Präsidium schließt nach dem Ombudsmann-Bericht erst einmal alle Jalousien. Zur förmlichen Untersuchung setzt sie eine Kommission mit externen Gutachtern ein. Das Ende, vor allem das zeitliche Ende, ist offen. "Wir sind jetzt im schwebenden Verfahren", wiegelt Johann-Dietrich Wörner, noch bis nächsten Februar TU-Präsident, alle Nachfragen ab. "Jetzt darf ich gar nichts mehr sagen."

Bei Evidenz kann jedes Verfahren abgekürzt werden, lautet allerdings ein anerkannter juristischer Grundsatz. Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, der Standesvertretung der Universitätsprofessoren, gibt einen Tipp, der den Gutachtern viel Schweiß ersparen könnte: "Für das, was jemand unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, ist jeder selber verantwortlich und sonst niemand." Noch offene Fragen?

*Name geändert

Im zweiten Teil: Auszüge aus den "Vorschlägen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" der DFG

"Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (von 1998)

Empfehlung 11

Autorinnen und Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen tragen die Verantwortung für deren Inhalt stets gemeinsam. Eine sogenannte "Ehrenautorschaft" ist ausgeschlossen.

Empfehlung 12

(…) Als Autoren einer wissenschaftlichen Originalveröffentlichung sollen alle diejenigen, aber auch nur diejenigen, firmieren, die zur Konzeption der Studien oder Experimente, zur Erarbeitung, Analyse und Interpretation der Daten und zur Formulierung des Manuskripts selbst wesentlich beigetragen und seiner Veröffentlichung zugestimmt haben, d.h. sie verantwortlich mittragen. Einige Zeitschriften verlangen, daß dies durch Unterschrift aller Autoren bekundet wird, andere verpflichten jedenfalls den korrespondierenden Autor als den für alle Einzelheiten einer Publikation Verantwortlichen zu einer entsprechenden Versicherung. Für den Fall, daß nicht alle Koautoren sich für den gesamten Inhalt verbürgen können, empfehlen manche Zeitschriften, die Einzelbeiträge kenntlich zu machen.

(…) Eine "Ehrenautorschaft" ist sowohl nach den Richtlinien der besten Zeitschriften als auch nach den Verhaltenskodizes der bekanntesten amerikanischen Forschungsuniversitäten keinesfalls akzeptabel. Als angemessene Formen der Erwähnung werden beispielsweise Fußnoten oder Danksagungen empfohlen. Zur Vermeidung von Konflikten über die Autorschaft empfehlen die Zeitschriften - um so mehr, je größer die Zahl der an der Erarbeitung der Ergebnisse Beteiligten ist - frühzeitig klare Vereinbarungen zu treffen, die bei Dissens eine Orientierung ermöglichen.

II. Probleme im Wissenschaftssystem

(…) Weiterhin hat auch die Zahl der Veröffentlichungen, an denen mehrere Autoren beteiligt sind, in diesem Jahrhundert rapide zugenommen. Das hat nicht nur den objektiven Grund, daß in nahezu allen Wissenschaftszweigen mit Ausnahme der Geisteswissenschaften Kooperation zu einer notwendigen Erfolgsbedingung wissenschaftlicher Arbeit geworden ist, sondern auch den opportunistischen Grund, daß die Länge einer Publikationsliste zu einem ebenfalls kritisierten, aber gleichwohl häufig angewendeten Kriterium für den wissenschaftlichen Rang eines Forschers geworden ist.

(…) Forschung in Universitäten und universitätsnahen Forschungsinstituten dient in aller Regel zugleich der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Erfolgreiche Forscher erinnern sich mit großer Regelmäßigkeit daran, wie sie in einem gut geführten, wissenschaftlich anspruchsvollen Arbeitskreis selbständig geworden sind. Doch gibt es nicht nur solche Verhältnisse. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler klagen häufig über mangelnde Betreuung, über unzureichende Anleitung, über Ausnutzung durch Vorgesetzte (bis hin zu dem Vorwurf, die wesentlichen Bestandteile von Publikationen erarbeitet zu haben, ohne als Autoren mitberücksichtigt zu werden) und über eine Atmosphäre von Konkurrenzdruck und wechselseitigem Mißtrauen in ihrer Umgebung.

(Hervorhebungen von der Redaktion)

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