PR-Berufsstarter Die Schule der Dampfplauderer

Öffentlichkeitsarbeiter sind gefragt, denn die PR-Branche boomt. Für Uni-Absolventen bieten sich Chancen in Agenturen und Pressestellen - wenn sie bereit sind, auch Stützstrümpfe anzupreisen. Der Haken: Nach dem Studium heißt es knechten, und zwar für wenig Geld.

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So hatte sich Alexandra Kutschenreuter ihren Berufseinstieg eigentlich nicht vorgestellt. Statt Werbung für IT-Produkte machte die Diplom-Kauffrau nach ihrem Studium der Medienwirtschaft erst einmal Public Relations (PR) für Stützstrümpfe in einer kleinen Agentur. Doch sie war froh, überhaupt einen Job gefunden zu haben - auch wenn der wenig mit ihren eigentlichen Vorstellungen zu tun hatte.

"Die PR ist der aussichtsreichste Beruf im Kommunikationsbereich und allgemein in den Geisteswissenschaften", behauptet dagegen Klaus Merten, der bis zu seiner Emeritierung am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster lehrte.

Wie dem Journalismus haftete auch der PR über lange Zeit das Image eines Begabungsberufes an. Mit der zunehmenden Professionalisierung des Berufsfeldes wurden aber auch die PR-Ausbildungskonzepte immer weiter differenziert. Inzwischen gibt es an den Universitäten in Münster und Leipzig eigene PR-Professuren; verschiedene Fachhochschulen bieten eine gezielte Ausbildung an.

BWL-Grundkenntnisse sind Pflicht

"Ein kommunikationswissenschaftliches Studium macht den Einstieg in die PR deutlich leichter, aber ohne ein berufsbildendes Studium ist der Weg genauso gut möglich", sagt Ute Richter von der Agentur Hotwire. Alexandra Kutschenreuter wechselte nach ihrem dreimonatigen Ausflug in die Healthcare-PR zu einer mittelgroßen Agentur. "Ich hatte das Gefühl, dass mir das Fachwissen im kommunikationswissenschaftlichen Bereich gefehlt hat", beschreibt Kutschenreuter ihre Eindrücke zu Beginn des Traineeship.

Umgekehrt fehlen Studenten mit einem berufsbezogenen Studium häufig die notwendigen BWL-Kenntnisse, die für eine Tätigkeit in der PR unentbehrlich sind. Absolventen können solche Kenntnisse jedoch auch "on the job" erwerben. So machen beispielsweise auch Absolventen naturwissenschaftlicher Fächer Karriere in der PR. "Wir benötigen das Fachwissen der Biologen und Mediziner, das ist auch in der Öffentlichkeitsarbeit unentbehrlich", sagt Anika Wichert, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Wyeth Pharma.

Egal ob Chemiker, Wirtschafts- oder Kommunikationswissenschaftler – die Anforderungen des Berufes stellen sich für alle gleich dar: "PR-Praktiker müssen sich blitzschnell in eine Sache hineindenken können und vor allem auch stressresistent sein", sagt Merten.

Von dem Vorhaben, sich möglichst früh auf einen Bereich der PR festzulegen, raten sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker ab: Die Tätigkeitsfelder und die Kunden ändern sich häufig. Die universitäre PR-Ausbildung sollte daher möglichst breit und umfassend angelegt sein. Wer einmal das theoretische und praktische Handwerkszeug gelernt hat, kann es in ganz verschiedenen Zusammenhängen anwenden.

Vorsicht vor der Praktikumsschleife

Allerdings kann das Sammeln von Praktika nach hinten losgehen - es wirkt schnell beliebig. Wer fünf Praktika in derselben Branche mit vergleichbaren Tätigkeiten absolviert, kommt kaum weiter, auch wenn vielleicht namhafte Adressen im Lebenslauf stehen. Denn häufig sind es gerade kleine Agenturen, Unternehmen oder Pressestellen, bei denen Anfänger am stärksten eingebunden werden und entsprechend am meisten lernen.

"Praktika sollten immer mindestens zwei Monate dauern, da sie nur dann sowohl für den Praktikanten als auch für das Unternehmen sinnvoll sind", sagt Anika Wichert. Ideal ist, wenn ein Praktikum in eine spätere freie Mitarbeit übergeht.

"Von Praktika nach dem Studium würde ich allerdings in der Regel abraten. Dadurch verzögert sich der Berufseinstieg nur weiter", sagt Alexandra Kutschenreuter. Ähnlich argumentiert auch Klaus Merten, der dazu rät "nach dem Studium nicht zu tief zu stapeln". Er geht sogar noch einen Schritt weiter. Ein Traineeship, also eine ein- bis zweijährige praktische Ausbildung zum PR-Berater, sei für Absolventen kommunikationswissenschaftlicher Studiengänge inakzeptabel, ebenso ein Gehalt von weniger als 2000 Euro.

Die Praxis sieht für viele Berufseinsteiger allerdings anders aus. Für "realitätsfern" hält Alexandra Kutschenreuter solche Forderungen. "Ich kenne niemanden, der ohne eine Trainee-Stelle nach dem Studium einen Job als Berater in der PR bekommen hat." Verhandlungsspielraum bestehe weniger bei den Einstiegsgehältern als bei der Dauer der praktischen Ausbildung. Wer bereits während des Studiums Praxiskenntnisse erworben hat, hat gute Chancen, das Traineeship auf ein Jahr zu verkürzen.

Die Bezahlung der PR-Trainees variiert stark. Alexandra Kutschenreuter verdiente bei ihrer ersten Stelle nach dem Studium ganze 500 Euro monatlich. In München, wo sie arbeitete, konnte sie sich davon gerade einmal die Miete leisten. Für den Rest kamen, wie zur Zeit des Studiums, Eltern und Großeltern auf. In der Regel beträgt das Einstiegsgehalt als Trainee rund 1600 bis 2000 Euro.



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