PR-Branche Männer verzweifelt gesucht

PR und Öffentlichkeitsarbeit sind seit Jahren reine Frauensache. Bei manchen Agenturen bewerben sich fast nur noch Frauen, obwohl männliche Bewerber durchaus gefragt sind - verkehrte Berufswelt.

Von Marion Schmidt


Bei der Berliner Kommunikationsagentur now ist gerade das Projekt "Männer in die Agentur" gescheitert. Auf die letzten Stellenausschreibungen haben sich wieder einmal kaum Männer beworben; obendrein waren ihre Bewerbungen nicht annähernd so spannend wie die der Frauen. Dabei hätte die Art Directorin so gerne einen Mann in ihrem Team gehabt. Auch die Text-Abteilung ächzt unter dem Frauenüberhang. Und die wenigen verbleibenden Männer empfinden sich langsam als "aussterbende Spezies", klagt der PR-Leiter Jochen Pett.

Verkehrte Berufswelt: Wo Fach- und Führungskräfte gesucht werden, herrscht fast überall Frauenmangel, in manchen Industriezweigen sind nicht einmal 20 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Nur PR und Öffentlichkeitsarbeit verzeichnen seit einigen Jahren einen regelrechten Frauenboom.

Knapp die Hälfte aller Stellen sind mittlerweile fest in weiblicher Hand, bei den unter 30-Jährigen sogar noch mehr. Und in den Ausbildungskursen sitzen teilweise bis zu 90 Prozent Frauen, erzählt Hans Eisele von der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG). Manche in der Branche lästern schon über das "Grundschullehrerinnen-Syndrom".

Stabiler Trend zur Chefin

Selbst in Führungspositionen sind Frauen hier stärker vertreten als in allen anderen Branchen. Und es werden noch mehr, davon ist Hans Eisele fest überzeugt: "In den nächsten Jahren wird sich der Trend nach oben durchdrücken." Bei Kohtes Klewes, Deutschlands größter Agentur, sind es bereits 40 Prozent. Denn die Aufstiegschancen seien für Frauen in PR und Öffentlichkeitsarbeit besser, einfach fairer, sagt Personalentscheiderin Elke Neujahr: "Hier werden Frauen im Beruf selbstverständlich anerkannt, es besteht Chancengleichheit von Anfang an und auf allen Ebenen."

Dabei galten PR und Öffentlichkeitsarbeit noch bis in die achtziger Jahre eher als Domäne adeliger Männer, die glaubten, sie müssten nur Hummer knacken können, und dann würden die Beziehungen schon laufen. Erst als bald darauf die Kommunikationsbranche richtig anzog und sich auch die Publizistik-Studiengänge stärker mit Frauen füllten, begann die Kehrtwende.

Die starke Nachfrage nach Arbeitskräften, die allein durch Männer nicht gedeckt werden konnte, ist nur eine Erklärung für den großen Frauenzulauf. Hinzu kommen die besonderen Strukturen in der PR - offener und weniger hierarchisch als in anderen Branchen. Der Zugang zum Beruf ist außerdem frei, auch Quereinsteiger haben eine Chance. Und das senkt die Hemmschwelle gerade bei Bewerberinnen.

Mehr Kommunikationstalent und Fingerspitzengefühl

Eine noch größere Rolle dürfte ein psychologischer Grund spielen: "Kommunikation wird als spezifische, sozialisations- oder biologisch bedingte Stärke von Frauen gesehen", sagt Romy Fröhlich, Professorin für Kommunikationswissenschaft in München, "diese Stärke lässt sie für Kommunikationsberufe jeder Art besonders geeignet erscheinen."

Die Schlüsselqualifikationen für die auf Konsens und Dialog angelegte PR sind offenbar "typisch weiblich", wie Berater aus der Praxis bestätigen: "Frauen haben eine besondere Fähigkeit zu kommunizieren", sagt Hans Eisele, "sie haben Fingerspitzengefühl und sind einfach kompetenter im Umgang mit Menschen." Auch Elke Neujahr von Kohtes Klewes sagt: "Ich nehme gern Frauen." Die seien verlässlicher, verbindlicher und hätten mehr Bewusstsein für Dienstleistung.

Bei so viel Lob und Anerkennung für weibliche Qualifikationen zieht es viele Frauen in die PR und Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem arbeitet es sich unter Frauen offenbar auch besser. Viele PR-Beraterinnen loben das gute, kollegiale Arbeitsklima. Reine Frauenteams arbeiten meist sehr zielorientiert und "ohne Hauen und Stechen", erzählt Margarete Hucht, Projektleiterin bei now.

Nur selten Zickenalarm

Selbst Männer schätzen die Arbeit als Hahn im Korb. Und das nicht wegen der größeren Auswahl potenzieller Partnerinnen, sondern weil sie hier keine Ellenbogen einsetzen müssen, sagt Jochen Pett von now. Doch ganz frei von Stutenbissigkeit ist die Branche nicht: Da wurde eine junge Volontärin von einer älteren Beraterin aus der Agentur gemobbt, weil sie einen besseren Draht zu den Kunden gefunden hatte. Eine andere erzählt, dass eine Kollegin regelmäßig bei der Vorgesetzten schlecht über sie und ihre Arbeit redete, um sich selbst besser präsentieren zu können.

Die Agenturen setzen ohnehin lieber auf gemischtgeschlechtliche Teams und suchen weiter verzweifelt nach Männern. "In guten Teams profitieren Männer vom Wettbewerb mit den Frauen und umgekehrt", sagt Margarete Hucht, "das erzeugt Spannung, und die setzt Kreativität frei." Und überhaupt kann es nur unter Frauen auch langweilig sein, findet sie: "Eine Firmenparty ohne Kollegen, das ist doch nichts, oder?"



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