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12. Juni 2006, 09:27 Uhr

Praktika-Protest-Petition

"Ich bin keine verhärmte Dauerpraktikantin"

Ginge es nach Désirée Grebel, müsste der Bundestag unbezahlte Langzeitpraktika per Gesetz verbieten. 40.000 Menschen haben ihre Petition bereits unterschrieben. Im Interview erklärt die 29-jährige Berlinerin, warum 800 Euro im Monat besser sind als gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Onlinepetition fordern Sie, dass Praktika von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden. Würde der Bundestag das tatsächlich als Gesetz beschließen, bekämen Absolventen vermutlich gar keine Praktikumsplätze mehr - ein Eigentor?

Désirée Grebel: "Nicht maulen, sondern Vorschlag machen"

Désirée Grebel: "Nicht maulen, sondern Vorschlag machen"

Désirée Grebel: Besser gar keine Arbeit, als sich schlecht bezahlt hinhalten zu lassen und auf eine feste Anstellung zu hoffen, die die meisten Praktikanten ja ohnehin nicht bekommen. Außerdem ist die Arbeit ja da und muss erledigt werden. Ich denke, dass die Firmen nicht auf qualifizierte Berufseinsteiger verzichten würden.

SPIEGEL ONLINE: Dann könnten, schlimmer noch, Unternehmen ihre Praktikumsplätze einfach in schlecht bezahlte Billigjobs umwandeln. Ein Kurzzeitvertrag und 600 bis 800 Euro Dumpinglohn pro Monat – wäre Ihnen das wirklich lieber?

Grebel: Ich kenne viele Praktikanten, die sich über 800 Euro im Monat gefreut hätten. Der Billiglohnsektor für Akademiker besteht doch sowieso schon. Mit einer befristeten Anstellung könnten sich die Absolventen aber vernünftig kranken- und rentenversichern. Zudem hätten sie das Gefühl, für einen richtigen Job gebraucht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Es geht Ihnen also vornehmlich um den Status und nicht ums Geld?

Grebel: Es bringt doch nichts, einen Vorschlag zu machen, den kein Arbeitgeber mittragen würde. Wir müssen einen Kompromiss finden, mit dem Firmen und Absolventen leben können. Ich habe von Praktikanten gehört, die einen unbezahlten Vertrag für drei Jahre unterschreiben. Mit Aus- und Weiterbildung hat das nichts mehr zu tun. Genau solche Auswüchse will ich verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Wer sich blauäugig über Jahre ausbeuten lässt, ist der nicht auch selbst an seiner Misere Schuld?

Grebel: Natürlich kann man den Einzelnen nicht aus der Verantwortung nehmen. Aber ich glaube, eine Richtlinie würde den Absolventen zeigen, dass sie Rechte haben und diese auch einfordern können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind inzwischen bei einer Medienbeobachterfirma angestellt, haben jedoch zuvor acht Praktika absolviert, eines davon nach dem Studium. Warum sollten andere Absolventen das nicht tun?

Grebel: In meiner Petition ist ausdrücklich nur von Praktika die Rede, die in dem Berufsfeld abgeleistet werden, für das der Absolvent ausgebildet wurde. Wenn man nicht arbeitet wie ein regulär Angestellter, sondern wirklich etwas lernt, finde ich ein Praktikum völlig in Ordnung. Ich habe zum Beispiel Journalismus und Geschichte studiert und nach dem Abschluss sechs Monate in einer PR-Firma hospitiert, um eine zusätzliche Qualifikation zu erwerben. Auch die anderen Praktika während des Studiums habe ich sorgfältig ausgewählt. Ich war bei Firmen, in denen ich eigene Projekte bearbeiten konnte, oder im Ausland, wo ich meine Sprachkenntnisse verbessert habe. Kurzum: Ich bin keine verhärmte Dauerpraktikantin, die sich nun rächen will.

SPIEGEL ONLINE: Fremde Länder, ständig neue Herausforderungen und Arbeitsbereiche - warum betrachtet die sogenannte "Generation Praktikum" die Phase des Berufseinstiegs nicht auch als Abenteuer und als Chance, sich ausgiebig auszuprobieren?

Grebel: Wir sind flexibel und probieren gerne mal etwas Neues, auch im Ausland. Aber irgendwann sehnt man sich nach Planungssicherheit. Ich möchte einmal Kinder haben und dann auch sicher sein, wo ich die nächsten drei Monaten lebe.

SPIEGEL ONLINE: In einer Polemik hat die Autorin Renée Zucker der "Generation Depri" kürzlich empfohlen, dringend mal den "Nölstecker rauszuziehen". Jammert junge Akademiker zu oft und zu lautstark?

Grebel: Im Gegensatz zu den Nachkriegskindern habe ich es natürlich einfach. Ich habe genug zu essen, Eltern, die mir aushelfen könnten, und im Notfall eine soziale Grundsicherung. Aber ich denke, jede Generation hat ein Problem gemeinsam. Bei uns ist das die Schwierigkeit, ein reguläres Arbeitsverhältnis zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn tatsächlich alle Studenten und Absolventen das gleiche Problem haben, wo bleibt dann der kollektive Protest? Wenn jetzt ein Mausklick genügt, finden sich 40.000 Unterstützer für Ihre Petition - aber auf die Straße gehen die Praktikanten nicht und streiken ebensowenig.

Grebel: Ich finde, ein konstruktiver Verbesserungsvorschlag wie eine Petition ist viel besser, als nur gegen etwas zu sein und zu demonstrieren. Ginge es nur um einen Mausklick, hätten sich auch nicht so viele Foren rund um die Petition entwickelt, in denen lebhaft diskutiert wird. Ich will meinen Vorschlag als Anregung verstanden wissen und freue mich, wenn es noch weitere gute Ideen gibt.

Das Interview führte Antonia Götsch

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