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18. Mai 2006, 15:22 Uhr

Praktikanten-Gehälter

Sprechen wir über Geld

Von Nadine Nöhmaier

Wochen- oder monatelang umsonst ackern, nur weil man zu feige war, nach dem Salär zu fragen? Das ist Blödsinn: Wer nicht leer ausgehen will, muss das Thema auf den Tisch bringen - spätestens beim Vorstellungsgespräch. Das gilt besonders für Praktikanten.

Wenn Praktikanten Glück haben, verdienen sie 800 Euro im Monat, marktüblich sind 300 bis 500 Euro, und manchmal - wie oft in der Medienbranche - springt gar nichts heraus. Wer das Gefühl hat, damit unterbezahlt zu sein, kann im Vorstellungsgespräch ruhig höher pokern, rät Dirk Pfenning, Praktikumsbeauftragter beim Pharma-Riesen Bayer: "Wenn der künftige Praktikant im Vorstellungsgespräch klar macht, dass er diese und jene Qualifikation mitbringt, dann ist die Diskussion der Vergütung durchaus angemessen."

Treffgenau verhandeln: Praktikanten dürfen das Thema Geld ansprechen
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Treffgenau verhandeln: Praktikanten dürfen das Thema Geld ansprechen

Das Problem für die Bewerber: "Mit Geld ist es wie mit Sex", sagt Jürgen Hesse, Diplompsychologe und Geschäftsführer des Berliner Büros für Berufsstrategie. "Man hat es oder nicht - aber man spricht nicht gern mit jedem darüber." Aus Angst vor Neidern oder aus Angst, wenig wert zu sein. Allerdings hätten Personalchefs kein Problem damit, über schnöden Mammon zu reden, das haben sie schließlich gelernt, so Hesse.

Was ihnen bei Gehaltsverhandlungen Sicherheit gibt: Im Gegensatz zum Bewerber kennen sie den finanziellen Spielraum der Firma - und müssen ihn nicht erst ausloten. Dennoch: "Kein Chef will als Geizkragen dastehen", ist Hesse überzeugt. Gerade schlecht bezahlte Praktikanten könnten versuchen, an die Großzügigkeit des Gegenübers zu appellieren. "Ein Vierteljahr lang zusätzliche 100 Euro im Monat auszugeben schmerzt ein Unternehmen in der Regel nicht weiter. Für viele Studenten indes ist die Summe ein halbes Vermögen."

Fixgehalt oder Verhandlungssache?

In vielen Unternehmen sind Praktikantengehälter festgelegt, zum Beispiel bei der Dresdner Bank: "Bei uns gibt es ein Fixgehalt von 665 Euro im Monat", bestätigt Sprecherin Renate Christ. Ein vergleichsweise sattes Gehalt - bei dem es möglicherweise unangemessen wäre, um weitere 50 Euro zu feilschen. Vielmehr sei beim Gespräch Fingerspitzengefühl gefragt, betont Christ: "Beim Vorstellungsgespräch geht es in erster Linie darum, den Bewerber als Person mit seinen Soft Skills kennenzulernen."

Um mit seiner Gehaltsforderung nicht meilenweit übers Ziel hinauszuschießen, sollte sich der Bewerber vorab auf der Homepage oder bei Ex-Praktikanten erkundigen, wie der Rubel rollt. "Wer bei einem Vorab-Telefonat als Erstes nach dem Gehalt fragt, macht keinen sonderlich guten Eindruck", sagt Alexander Wagner, Personalleiter der Werbeagentur Scholz & Friends in Hamburg. Die Werbeagentur bezahlt allen Praktikanten einheitlich 450 Euro - nicht mehr, nicht weniger.

In manchen Unternehmen dagegen ist der finanzielle Rahmen weiter gesteckt. Bei Bayer beispielsweise verdienen Praktikanten zwischen 130 und 1000 Euro: "Die Spanne deckt die unterschiedliche Qualifikation der Bewerber ab", erklärt der Praktikumsbeauftragte Pfenning. Bewerber mit Vordiplom in der Tasche könnten mit höheren Forderungen in den Ring treten als Erstsemester. "Wenn sie ein wenig Know how mitbringen, neueste Forschungsergebnisse kennen - dann ist uns das etwas wert." Um eine gute Verhandlungsposition im Vorstellungsgespräch zu haben, sollte der Bewerber daher mit seinem Fachwissen nicht hinterm Berg halten.

Wenn dagegen ein Studienanfänger auf fürstliche Entlohnung pochen würde, würde sich Pfenning ärgern. "Wir bieten ein Praktikum, das heißt: Wir bilden aus. Der Student wird nicht als Arbeitskraft eingeplant - und kann auch nicht als solche bezahlt werden." Überzogen fand der Bayer-Mann einen Praktikumsbewerber, der ihm beim Vorstellungsgespräch die Visitenkarte eines Steuerberaters in die Hand drückte und meinte, die Firma Bayer solle da anrufen, damit das Praktikum finanziell effizient gestaltet werde - der Bewerber habe ja auch noch Nebenjobs. "Das war unglaublich", sagt Pfenning kopfschüttelnd. "Der Herr wurde natürlich nicht eingestellt."

Übertriebene Vorstellungen schaden

Ebensowenig erhöhen Praktikumsanwärter ihren Marktwert, wenn sie vehement ihren niedrigen Kontostand beklagen. Pfenning: "Jammern kommt nicht gut an." Dagegen sollte sich der Praktikant nach betrieblichen Sonderleistungen erkundigen, die sein Leben verbilligen: Viele Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter kostenlos im Fitness-Center strampeln oder besitzen Mitarbeiter-Wohnheime und Ferienwohnungen, in denen auch Praktikanten günstig unterschlüpfen könnten.

Der Praktikant sollte übrigens darauf warten, bis sein künftiger Vorgesetzter im Vorstellungsgespräch das liebe Geld anspricht. Falls das wider Erwarten nicht passiert, dann soll laut Alexander Wagner von Scholz & Friends erst die letzte Frage lauten: "Was ist in Ihrem Haus üblich, wie hoch ist die Praktikantenvergütung?"

Ähnlich denkt man auch bei der Dresdner Bank: "Sollte der Punkt Gehalt bis zum Schluss ausgespart werden, sollte der Bewerber auf jeden Fall noch danach fragen - dies wäre auch ein Zeichen dafür, dass er über ein taktvolles Selbstbewusstsein verfügt", findet Sprecherin Christ.

Harro Honolka, Geschäftsführer des Münchner Instituts Student und Arbeitsmarkt, empfiehlt aber, das Praktikum nicht an 50 Euro Differenz scheitern zu lassen: "Wer es sich leisten kann, sollte die Stelle dennoch annehmen, sofern es sich dabei um ein qualifiziertes Praktikum handelt. Schließlich steht hier der Wissenserwerb im Vordergrund - und nicht das Geldverdienen."

Nadine Nöhmaier ist Autorin des Praktikumsknigge

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