Praktikantenprotest Flashmob in der Kantine

In der ganzen Welt stellen Unternehmen vermehrt Praktikanten ein, anstatt feste Arbeitsverträge zu vergeben. Doch nur in Frankreich macht eine Protestbewegung auf die missliche Lage der Praktikanten aufmerksam - mit dem bewährten Mittel des Generalstreiks.

Von Gregor Waschinski


Zentrum des symbolischen Generalstreiks war Paris, außerdem fanden Aktionen in Toulouse, Nantes, Lyon und Lille statt. In der französischen Hauptstadt machten die Demonstranten in der vergangenen Woche seit dem Morgen mobil, richtig los ging es aber erst am späten Nachmittag, als die Praktikanten Feierabend hatten - ein Recht zu streiken haben sie nämlich nicht.

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Protestierende Praktikanten: Die Wut der Billiglöhner
Mehrere Hundert "stagiaires" trafen sich an der Place de la Concorde zu einer "Deklaration der Rechte der Praktikanten". Darin fordern sie eine Mindestvergütung für ihre Tätigkeiten und eine Reform des Praktikantenstatuts im Arbeitsrecht. Praktika sollen in Zukunft ausschließlich der Ausbildung dienen - und nicht dazu, dass sich Unternehmen und öffentliche Verwaltungen mit billigen Arbeitskräften versorgen.

Der Streik ist der vorläufige Höhepunkt des französischen Praktikantenprotests, der mittlerweile auch in der Politik Gehör findet. Angefangen hatte alles mit der Wut einer jungen Frau, die sich Katy nennt. Katy ist 32 Jahre alt, hat zwei Universitätsabschlüsse und eine zweistellige Anzahl Praktika im Lebenslauf, viele davon waren unbezahlt. Als ihr Anfang September anstatt einer Arbeitsstelle wieder nur ein Praktikum angeboten wurde, schrieb sie einen zornigen Weblog über das ewige Praktikantendasein, und viele junge Franzosen mit dem gleichen Problem antworteten ihr.

So entstand in wenigen Wochen im Internet die Bewegung "Génération Précaire", die bislang etwa 10.000 Unterschriften für die Reform des Praktikantenstatuts gesammelt hat.

"Katy" ist nur ein Pseudonym, ihren richtigen Namen will sie nicht verraten. Wie auch die anderen rund 20 Aktivisten, die bei "Génération précaire" - der Generation von ewigen Praktikanten, die keine Festanstellung bekommen und deshalb in eine schwierige soziale Lage rutschen - den Praktikantenprotest organisieren. Sie fürchten, dass sie von den Unternehmen zukünftig nicht einmal mehr ein Praktikum angeboten bekommen, wenn die von ihrem Engagement erfahren.

Die gesichtslosen Mitarbeiter

Bei ihren Aktionen treten sie immer in schwarzen Kleidern und mit weißen Masken auf. "Die weißen Masken sollen einerseits unsere Anonymität schützen", sagt Sarah, die seit den ersten Wochen mit dabei ist. "Andererseits stehen sie für die Situation der Praktikanten. In den Unternehmen sind die Praktikanten die unsichtbaren Mitarbeiter. Sie kommen und gehen, niemand erinnert sich an ihr Gesicht."

Sarah kümmert sich bei "Génération précaire" um die Pressearbeit, sie hat viel zu tun. Seit sich die erzürnten Dauerpraktikanten im Oktober aus dem Internet heraus auf die Straßen von Paris gewagt haben, werden sie von den französischen Medien aufmerksam begleitet.

Denn Sarah und ihre Mitstreiter wissen ihren Protest öffentlichkeitswirksam zu inszenieren, zum Beispiel mit Flashmobs in Kantinen von großen Pariser Unternehmen. Sie fallen dort zur Mittagszeit ein, verteilen Flugblätter und sammeln Spenden, sozusagen als Entschädigung für die ausgebeuteten Praktikanten.

Eine Million Praktika pro Jahr

Sarah hat Kommunikationswissenschaft studiert, kann fünf Praktika vorweisen und sucht seit sechs Monaten eine Arbeit. Die 25-jährige sagt, sie sei ein typischer Vertreter der "Génération précaire. "Etwa eine Millionen junge Franzosen machen jedes Jahr ein Praktikum", sagt sie. "Darunter befinden sich mehrere zehntausend verdeckte Arbeitsverhältnisse, wo Praktikanten echte Stellen besetzen, anstatt ausgebildet zu werden."

In den vergangenen Wochen haben sich Praktikanten-Vertreter mit allen großen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden und mit Abgeordneten der Nationalversammlung getroffen, um für ein Praktikantenstatut im Arbeitsrecht zu werben. Der Bildungsminister hat verkündet, dass sein Ministerium sich mit den Forderungen der Praktikanten befassen werde. Eine Delegation von "Génération précaire" sprach während des Generalstreiks beim französischen Arbeitsminister vor.

Auch aus anderen europäischen Ländern wird dem französischen Praktikantenprotest immer mehr Interesse entgegen gebracht. "Wir bekommen sehr viele Mails aus Italien, Deutschland oder Spanien", sagt Sarah. "Die Ausbeutung von Praktikanten ist kein französisches Problem. Wir sind nur die ersten, die sich dagegen wehren."



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Lewi, 15.11.2005
1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
2.
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
holala, 16.11.2005
3.
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
Lewi, 16.11.2005
4. Einheitlicher Status
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
ThomasGerhardt, 16.11.2005
5.
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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