Praktikum im Paralleluniversum Einmal Banker und zurück

Im richtigen Leben studiert er Geschichte, wohnt in einer Berliner Kiez-WG, trommelt bei einer Indie-Band. In den Semesterferien tauchte Jasper Tjaden in die graue Frankfurter Finanzwelt ein. Sechs Wochen unter polyglotten Businessmenschen - Selbstversuch eines 22-Jährigen.


In meiner Studenten-WG streife ich den neuen Dreiteiler über. Meine beiden Mitbewohner mustern noch kritisch den Krawattenknoten, dann lasse ich sie zwischen Pizzakartons und leeren Bierkästen zurück. Der Ziehkoffer rumpelt über die unfertigen Straßen im Prenzlauer Berg. Die Punks in meinem Kiez werfen verächtliche Blicke auf mich. "Schon wieder dieser Yuppie-Nachwuchs." Vor zwei Wochen zogen noch linke Demonstranten durch unsere Straße. Heute laufe ich zum Feind über.

In diesen Semesterferien tausche ich die Bibliothek gegen ein Einzelbüro im 45. Stock. Ich verlasse den Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften und werde das Innenleben der Geschäftswelt studieren. Die Verwandlung vom Berliner Schluder-Studenten zum weltläufigen Businessmanager dauert nicht lange: Berlin - Frankfurt, exakt eine Stunde und zehn Minuten.

Der Weg war einfacher als gedacht: Ausgestattet mit entsprechenden Praktika und guten Noten bewarb ich mich über eine komfortable Online-Plattform bei einer Großbank. Zwei Monate später kam die Zusage für einen Platz in der Kommunikationsabteilung: Marketing, Public Relations, Reputation. Vor mir liegen 240 Stunden hinter den Kulissen.

Schon bin ich einer von ihnen

Der Anzug zwickt noch. Am Flughafen scheint die Verkleidung mir jedoch eine magischen Aura zu verleihen. Die nette Dame am Flughafenschalter drückt bei acht Kilo Übergepäck ein Auge zu. Im Flugzeug lasse ich mir dann selbstverständlich die "Financial Times" geben. Wenn schon, denn schon.

Die Feldforschung beginnt an der Frankfurter Flughafenbar. Wie die Herren neben mir ziehe ich meine Krawatte etwas lockerer und bestelle ein kleines Bier. Fünf Euro futsch. Die Unternehmensberater fliegen zu einem Projekt ins Ausland. Vielleicht werden sie in der kommenden Woche einige Jobs erhalten, vielleicht einige abbauen. Vorerst bauen sie Testosteron ab. In Berlin werden Kunden von Verkäufern unfreundlich behandelt, in Frankfurt ist es andersrum.

Gedankenverloren ziehe ich meinen Koffer an der Paulskirche vorüber, passiere den Römer, schließlich eine schmale Main-Brücke. Das Börsenmonster schlummert an diesem Sonntagabend erschöpft in der Märzkühle. Frankfurt ähnelt dem Potsdamer Platz, nur die Menschen fehlen. Am Wochenende säumen vereinsamte Touristen und Obdachlose die Gassen, werktags strömen bis zu 318.000 Menschen in die Stadt. Morgen schon werde ich einer von ihnen sein.

Die erste Hälfte: "Win-win-Situation"

Montagmorgen. Frisch rasiert stehe ich in der Lobby. Die charmante Dame an der Rezeption überreicht mir einen Betriebsausweis. Bei der Größe des Unternehmens ist er eher Nachweis einer Art Staatsbürgerschaft: Ich bin Bürger Nummer 018092 und wohne im Büro 45.032. Das sind die Regeln dieses Staates: Die Kultur heißt corporate identity, die Religion heißt Gewinnmaximierung, die Bürokratie governance, die Bürger Kollegen; der Tag work und der Abend afterwork. Die Sprache ist eine Ansammlung von Abkürzungen und Anglizismen.

Freitag, halb eins, zweite Woche. Erfolgreich balanciere ich das Schnitzel mit Erbsen auf meinem Kantinentablett bis an den Praktikantenstammtisch. Hier ist die Gelegenheit, um die soft skills auf den Prüfstand zu stellen. Fehlstart. Schnell wie Tischtennisbälle werden hier Lebensläufe hin und her gespielt: Manhattan, Marrakesch, Master in London, Freiwilligenarbeit in malaysischen Ghettos.

Nach der Arbeit unterschreibe ich aus schlechtem Gewissen eine Mitgliedschaft bei Amnesty International. 80 Euro sind mir die Menschenrechte wert. Und im Lebenslauf sieht das ja auch gut aus. Sozusagen eine "Win-win-Situation".

Die zweite Hälfte: Zeit ist Geld

Halbzeit. Es folgen erneut wichtige Erkenntnisse aus dem Unternehmensalltag:

  1. Arbeit ist die Zeit zwischen meetings, briefings, lunch und coffee-break.
  2. Die Wichtigkeit der Mitarbeiter ist an der Schnelligkeit abzulesen, mit der sie durch die Gänge rennen.
  3. Die Wichtigkeit von Projekten lässt sich hingegen an der Länge des Hauptwortes erkennen (mein Favorit: Informationsbedarfsregulierungsanalyse)
  4. Wer nicht allein zu Mittag essen will, macht zwei Wochen im voraus Termine.
  5. Wer allein isst, hat verloren.

Eines wird schnell klar. In Frankfurt geht es um Zeit und Geld. Der gute Berliner ist Regisseur, Schauspieler, Werber oder Webdesigner. Zumindest designt er seine Küche selbst. Illegale Partys in feuchten Kellern, schräge Klamotten vom Flohmarkt: Die Maxime lautet Individualität. Auf Frankfurter Afterwork-Partys scheint es dafür niemanden zu stören, dass alle die gleiche Frisur tragen. Kurz: In Berlin sucht jeder nach Selbstverwirklichung, in Frankfurt verdient man Geld.

Schon bricht die letzte Woche meines Praktikums an. Spielend leicht fülle ich die 45 Sekunden im Fahrstuhl mit small talk, Zwischenstopps eingerechnet. Der Anzug ist nicht mehr unbequem, sondern sexy. In mein Büro scheint die Sonne durch den Morgennebel.

Rückflug: Kapuzenpulli und Turnschuhe

Es ist wie in einem lautlos schwebendem Flugzeug, und ich sitze im Cockpit: Knöpfe drücken, Schalter umlegen. Kleine Projekte, gute Gespräche, Powerpoint und Excel lassen die sechs Wochen wie im Fluge vorbeiziehen. Trotzdem: Die Businesswelt gibt mir das Gefühl, nützlich zu sein. An der Universität verstauben meine Hausarbeiten in Schubläden.

Auf dem Weg zum Flughafen überquere ich wieder die schmale Main-Brücke. Der Manager-Moloch Frankfurt sieht nicht mehr so bedrohlich aus. In diesen Hochhäusern sitzen Kumpeltypen und Feingeister, Realisten und Profis. Der Manager im Nebenraum sah nicht aus wie ein Steuerbetrüger, Milliardenzocker oder Zuvielverdiener. Er sah wie jemand aus, der am Wochenende mit seinem Sohn Fußball spielt.

Im Flugzeug lese ich ein Interview. Josef Ackermann sagt, dass man die Manager nicht immer wie "Unmenschen" darstellen solle. Verantworten sie nicht den Reichtum dieses Landes? Durch das Fenster sehe ich schon die hässlichen Hochhäuser Berlins. Ich trage einen Kapuzenpulli und dreckige Turnschuhe. Die 20 Euro Gebühr fürs Übergepäck habe ich gern gezahlt.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Nbass, 27.05.2008
1. Und das Fazit?
Ist ja nett erzählt, ich kenne die Arbeitswelt in Frankfurter Banken nur zu gut. Aber wo ist das Fazit? Der ganze Bericht strotzt danach ein Fazit zu bringen, doch ein wirkliches gibt es doch nicht. Nur dass Banker wohl (glücklicherweise) doch auch Menschen sind.. ;) Danke! :D
highlander73 27.05.2008
2. gähn
Zitat von sysopIm richtigen Leben studiert er Geschichte, wohnt in einer Berliner Kiez-WG, trommelt bei einer Indie-Band. In den Semesterferien tauchte Jasper Tjaden in die graue Frankfurter Finanzwelt ein. Sechs Wochen unter polyglotten Businessmenschen - Selbstversuch eines 22-Jährigen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,555118,00.html
Was soll uns der Bericht eigentlich sagen? Banker sind auch nur Menschen? In Berlin wird gefaulenzt? Selten einen so nichtssagenden Artikel bei SPON gelesen.
warfair 27.05.2008
3. Paralleluniversum?
Es tut mir leid, aber leider wurde die Überschrift falsch gewählt: Mir erschliesst sich nicht, wieso Herr Jasper Tjaden hier in einem Paralleluniversum gewesen sein soll. Er scheint sich ja blendend dort eingelebt. Und man bekommt auch nur einen Job als Bänker, wenn man da reinpasst. Oder? Und wieso hat man verloren wenn man alleine zu Mittag isst? Der Beitrag schneidet immer nur kurz an und am Ende ist die Metamorphose von Herrn Jasper Tjaden erfolgreich gewesen. Oder nicht?;-)
philukas 27.05.2008
4. Allgemeinplätze
Der Autor hätte sich - zumindest aus Sicht des Lesers - das Praktikum sparen können. Auf klischeebeladenen Allgemeinplätzen dümpelt der "Artikel" dahin, ohne klare Aussage und vergisst sogar am Schluss halbwegs Stellung zu beziehen. Wow, Angestellte eines Konzerns sind also keine Aliens. Welch Erkenntnisgewinn! 22-jährige Praktikanten, traditionell in den Arbeitsbereichen des Top-Managements angesiedelt, nehmen also mit, dass der Büronachbar ein Mensch ist. Da hätte es eine Unternehmensführung auch getan. Übrigens: Viele Studenten aus dem Bereich Geisteswissenschaften werden nach ihren Studium in Konzernen tätig - und das scheint bislang reibungslos zu funktionieren. Dieser "Artikel" ist ein müder Versuch, "Gestatten Elite" zu kopieren. Dann lieber das Original lesen.
naiv, 27.05.2008
5. Was ist das? ein PR-Beitrag - Elitenkritik Weichspüler
"Josef Ackermann sagt, dass man die Manager nicht immer wie "Unmenschen" darstellen solle. Verantworten sie nicht den Reichtum dieses Landes?" - Ja, klar. So sehr wie ein Bauer seine Milchproduktion verantwortet - nur erledigen die eigentliche Arbeitsleistung die Kühe(das Nutzvieh).
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