Professoren als Schriftsteller Dürfen die das?

Auch Wissenschaftler fabulieren gern. Sie schreiben aus schierer Lust an der Sprache Romane und sehen das als Werbung für ihr Fach. Im akademischen Betrieb reagieren ehrpusselige Kollegen mitunter pikiert - weil sie um die Reputation der seriösen Wissenschaft bangen.

Von Mareike Knoke


Der Deutschlehrer ist an allem schuld. Ohne sein nimmermüdes Lob der Aufsatzkünsten des kleinen Alexander gäbe es heute vielleicht keine "Jüdin von Trient" und kein "Jesustuch". Auch der Wissenschaftsstandort Deutschland mit seinen für Nachwuchswissenschaftler ebenso bürokratischen wie schwer überwindlichen Barrieren auf dem Weg zur Professur ist nicht ganz unschuldig daran, dass der Moraltheologe und Philosoph Prof. Dr. Alexander Lohner anfing, historische Romane zu schreiben. Gerne wäre er nämlich Theologie-Professor in München geworden. Doch daraus wurde nichts.

Stattdessen wurde Alexander Lohner Lehrbeauftragter im Fachbereich Philosophie an der Uni München, Honorarprofessor an der Uni Kassel und arbeitet außerdem als Referent für das katholische Entwicklungshilfe-Werk Misereor. "Nachdem klar war, dass es erst einmal mit einer Professur nichts wird, habe ich mich auf das besonnen, was mir auch schon immer Spaß gemacht hat und was ich auch gut kann", sagt der 44-Jährige, der gerade an der Veröffentlichung von Roman Nummer drei arbeitet. Und davon nicht mehr lassen mag "selbst wenn ich doch noch auf eine Professur berufen würde. Denn warum sollte ich mein Talent brachliegen lassen?" Und so verbringt er die langen Bahnfahrten zwischen seinen Jobs in München, Kassel und Aachen mit dem Spinnen von Roman-Handlungsfäden.

Von den Rezensenten verschiedener Zeitungen gab es Lob. Wie war die Reaktion der Kollegen? "Mir gegenüber wurde nur Positives geäußert", sagt Lohner. Er schließt aber nicht aus, dass es nicht den einen oder anderen gegeben hat, der "die Augenbrauen hochgezogen und gesagt hat: 'Mit Wissenschaft verträgt sich so was nicht'." Heißt soviel wie: Ein Wissenschaftler soll sich ernsthafter Forschung hingeben. Eine typische Haltung für den deutschen Wissenschaftsbetrieb, der sich schwer damit tut, Grenzgänger in seinen Reihen als etwas Normales zu akzeptieren. Das ist auch Lohners nüchterne Einschätzung.

Auch Schiller ließ Freiheit walten

Dabei befindet sich Lohner als Romancier in allerbester Kollegen-Gesellschaft. Wer würde heute noch ernsthaft am literarischen Wirken des Berliner Juraprofessors Dr. Bernhard Schlink Anstoß nehmen wollen? Oder an der bienenfleißigen Belletristikproduktion des Schweizer Literaturwissenschaftlers Prof. Dr. Adolf Muschg, Emeritus der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich? Oder an der spitzen Feder des inzwischen verstorbenen Hamburger Anglistikprofessors Dr. Dietrich Schwanitz, der mit seinem Enthüllungsroman "Der Campus" für Aufsehen sorgte?

Und eines könne man ihm ganz bestimmt nicht vorwerfen, sagt Lohner: Dass er es beim gewählten Sujet - fast immer geht es bei ihm um das Mit und Nebeneinander der Weltreligionen, eingebettet in eine schmökertaugliche Geschichte - an Ernsthaftigkeit und akribischer Recherche fehlen lasse. Höchstens ein bisschen mehr Erotik hätten Leser nach der Lektüre des ersten Romans eingefordert. Außerdem, fragt Lohner: Hat nicht auch Schiller, der ja immerhin eine Zeit lang Professor für Geschichte in Jena war, in "Maria Stuart" ziemlich viel künstlerische Freiheit walten lassen, als es um die historischen Fakten ging? Eben.

Schützenhilfe bekommt Lohner von Dr. Claudia Schmölders, Kulturwissenschaftlerin und Privatdozentin an der Berliner Humboldt-Universität. Auch Wissenschaftler hätten ein narratives, wenn nicht künstlerisches Bedürfnis, sagt sie. Als ehemaliger Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs und Vizepräsidentin des Fellow Clubs hat sie in den Studierzimmern des Kollegs schon viele Prosatexte und Dichtkunst aus Wissenschaftler-Federn fließen sehen. So arbeitete vor zwei Jahren etwa der schwedische Germanist und Philosoph Prof. Dr. Lars Gustafsson in der Grunewalder Villa an einem Versroman.

Dürfen Historiker Romane schreiben?

Fabulierlust und wissenschaftliche Arbeit sind keineswegs wie die zwei Königskinder, die nicht zueinander finden können, bestätigt ein anderer schriftstellernder Wissenschaftler: der Archäologe und Historiker Prof. Dr. Jörgen Bracker. Der inzwischen 70-Jährige war viele Jahre Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte. "Die kleinen Dinge am Rande, die Menschen hinter den Ereignissen - wie sie gesprochen haben, was sie gedacht haben könnten. Das hat mich schon immer interessiert", sagt er mit hörbarer Begeisterung in der knarzigen Bassstimme. Und es hat ihn in den Fingern gejuckt, das alles aufzuschreiben. Vor kurzem zum Beispiel studierte er eine Quelle über einen Hamburger Arzt, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela gemacht hatte. "Und schon fing meine Fantasie an, eine Geschichte drum herum zu spinnen", erzählt er und klingt dabei aufgekratzt wie ein 17-Jähriger.

"Ein Historiker schreibt einen Roman. Darf er das?", wählte er als Überschrift für einen Vortrag, den er vor einigen Monaten an der Uni Bielefeld hielt. Selbstverständlich darf er. Brackers erster Roman, "Zeelander - Der Störtebeker Roman", erschien 2005 im Murmann-Verlag. Der norddeutsche Freibeuter ist eines seiner Spezialgebiete. "Eigentlich", sagt er, "habe ich das Buch ja aus Ärger geschrieben. Weil über mein Forschungsthema so viel Mist in Romanform erschienen ist." Mancher Kollege, sagt Bracker, "der behauptet, die Arbeit an einem Roman widerspreche seriöser Wissenschaft, hat keine Ahnung, wie viel Mühe in so einem 460-Seiten-Werk steckt". Lange brütete er über den Dialogen, bis die Figuren "irgendwann wie auf Schienen liefen".

Über die Reaktionen der "lieben" Kollegen hat er eine Theorie. Zum Teil ist es Neid, vermutet Bracker. "Weil man eigentlich auch ganz gerne möchte, aber sich nicht traut." Für den wissenschaftlichen Nachwuchs, den er jahrelang am Museum betreute, sei seine Romanveröffentlichung jedenfalls "ein wichtiges Signal." Warum das? "Stellen für Wissenschaftler oder gar Professorenstellen sind dünn gesät", erklärt Bracker. "Also ist es wichtig, den jungen Leuten zu zeigen: Die populärwissenschaftliche Literatur kann durchaus eine attraktive Alternative sein."

Außerdem, findet Bracker, ist ein gut geschriebenes Buch eine wunderbare Werbung für sein Fachgebiet. Es fällt ohnehin auf, dass die meisten Hochschul-Literaten - ausgenommen vielleicht Schriftsteller-Promis wie Schlink und Muschg - bei der Plot-Gestaltung gern auf Vertrautes zurückgreifen. Prof. Dr. Ulrich Schreiber, Geologe an der Uni Duisburg-Essen, sagt: "Ich begreife meinen Roman auch als Öffentlichkeitsarbeit für mein Fach." Denn: "Wir Wissenschaftler sind oft ziemlich isoliert - von den Menschen, die sich eigentlich für unser Forschungsgebiet sehr interessieren würden, wenn wir nur eine gemeinsame Sprache sprechen würden."

Erzürnte Ameisenforscher

Um Vulkanologie, sein Spezialgebiet, geht es in "Die Flucht der Ameisen" (Shayol-Verlag). Schreibers Held ist - wen wundert's - ein Geologe. Der beobachtet irgendwo in der Eifel das merkwürdige Verhalten von Ameisen und folgert daraus, dass eine Naturkatastrophe bevorsteht.

Für die ARD war es Anlass genug, Schreiber in die Sendung "W wie Wissen" einzuladen. Die Fachkollegen nahmen es positiv auf, sagt Schreiber. Ein Biologe und Ameisenforscher dagegen stänkerte via Internetforum, weil es ihm nicht gefiel, dass Schreiber sich in dem Roman in sein Fachgebiet vorwagte. Schreiber lacht heute darüber: "Nach und nach entspannt sich zwischen mir und dem zunächst erzürnten Ameisenforscher eine äußerst fruchtbare interdisziplinäre Diskussion, die noch immer anhält." Und: "Ein Zusammenhang zwischen Ameisen und Tektonik war mir schon vorher aufgefallen. Doch erst durch die Recherchen für meinen Roman habe ich es richtig als neues Forschungsthema entdeckt." Passenderweise entstand der Roman übrigens, während Schreiber auf die Bewilligung eines Drittmittelantrags für ein anderes Forschungsprojekt wartete.

Andere Wissenschaftler, wie der Jurist Prof. Dr. Erich Schöndorf, Hochschullehrer an der Fachhochule Frankfurt am Main, nutzen ihre Forschungssemester, um Romane zu schreiben. Schöndorf, bis Mitte der neunziger Jahre als Staatsanwalt tätig, hat sich mit "Feine Würze Dioxin" und "Das Projekt" auf eine Mischung aus Umwelt und Wissenschaftsthriller spezialisiert, deren Plots auf realen Fällen beruhen. "Von den Romanen", sagt er, "haben auf diese Weise auch meine Studierenden etwas. Ich mache den einen oder anderen dieser Fälle gerne mal zum Inhalt meiner Vorlesungen." Die Studierenden finden's klasse. Allein dafür hat sich das Forschungssemester gelohnt.

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