Professorinnen Wenn die biologische Uhr tickt

Neun von zehn deutschen Hochschullehrern sind männlich, so viel wie sonst nirgendwo in Europa. Einer EU-Untersuchung zufolge sind Deutschlands Professorinnen statistisch am Ende. Eine deutsche Expertin sagt: Die Erhebung ist verzerrt, das Problem des Frauenmangels dennoch vorhanden.

Von Carsten Heckmann


Der Doktorhut steht auch Frauen gut. Aber als Hochschullehrer sind sie in der Minderheit
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Der Doktorhut steht auch Frauen gut. Aber als Hochschullehrer sind sie in der Minderheit

Auf dem Campus herrscht ein Patt: Weibliche und männliche Studenten gibt es hier zu Lande ungefähr in gleicher Zahl. Doch am Professoren-Pult sieht's anders aus: Dort stehen nur selten Frauen, vor allem seltener als in anderen europäischen Hörsälen - obgleich sie auch dort klar in der Minderheit sind.

Im EU-Durchschnitt beträgt der Frauen-Anteil an Hochschullehrern 26 Prozent. An der Spitze rangiert mit 36 Prozent Finnland, dahinter mit 33 Prozent Schweden. Und Deutschland liegt mit neun Prozent abgeschlagen an letzter Stelle. Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Veröffentlichung von Eurostat, dem statistischen Amt der EU.

"Da ist ein schiefes Bild entstanden." Das meint eine Frau: Brigitte Mühlenbruch, Leiterin des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung. Beispielsweise seien Professuren mitgezählt worden, die es in dieser Form zwar in vielen Ländern, nicht aber in Deutschland gebe. Mühlenbruch prophezeit daher: "Mit den jetzt bei der Dienstrechtsreform beschlossenen Juniorprofessoren wird die nächste Statistik ganz anders aussehen."

Habilitation oder Familiengründung?

Mühlenbruch scheint überzeugt davon. Sie sage das nicht nur, weil das Kompetenzzentrum vom Bildungsministerium finanziert werde, das die Dienstrechtsreform eingeleitet hat. Sie verweist auf ihre Erfahrung: Acht Jahre lang war sie Sprecherin der Bundeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen.

Daher weiß die Fachfrau auch: "Das Problem ist natürlich trotzdem eines." Einer der Gründe liege auf dem langen Weg zum Professorentitel. "Die Habilitation steht meist zum gleichen Zeitpunkt an wie die Entscheidung über die Familiengründung", sagt Mühlenbruch, "da tickt die biologische Uhr." Zudem gebe es in Deutschland große Mängel bei der Kinderbetreuung, die zum Beispiel in Frankreich vorbildlich laufe.

Das Resultat: Nur 15 Prozent aller jungen Wissenschaftler, die sich an die Habilitation wagen, sind weiblich. Dabei stammen von den Diplomarbeiten noch immerhin 40 Prozent von Frauen. Erst danach beginnt also jene Entwicklung, die oft das "akademische Frauensterben" genannt wird.

"Durchlauferhitzer für Männer"

Für die "Todesfälle" sorgen auch Hürden, die Brigitte Mühlenbruch "Verhinderungsmechanismen" nennt. Denn die Gremien, die über Berufungen entscheiden, seien zum Beispiel überwiegend mit Männern besetzt. Zwar gebe es häufig den offiziellen Grundsatz: "Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt." Doch diese Qualifikation müsse irgendwie gemessen werden. "Und die Maße bestimmen Männer."

Solche Mechanismen gibt es aber auch in anderen Ländern. Wie kommen also deren bessere Zahlen in der Statistik zustande? Schweden kann noch für sich in Anspruch nehmen, ohnehin als Musterland der Gleichstellung zu gelten. Aber dass auch in Italien oder Spanien fast jeder dritte Hochschullehrer eine Frau ist, überrascht zunächst.

"In den südeuropäischen Ländern sind das Sozialprestige und die Bezahlung eines Hochschullehrers schlechter", erklärt dazu Brigitte Mühlenbruch, "für Männer ist die Uni dort oft nur ein Durchlauferhitzer auf dem Weg zur eigentlichen Karriere. Die Frauen bleiben hängen." Keineswegs seien also Frauen dort besser gestellt: "Auch darin ist die Statistik schief."



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