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Promotion Angst vor der Verschulungs-Falle

Kurz bevor sich Europas Bildungsminister in London treffen, schlagen die Technischen Unis Alarm: Sie bangen um die Qualität der Promotion in Deutschland. Kommt tatsächlich der europäische Einheits-Doktorand, der immer weiter lernen muss, statt endlich zu forschen?
Von Katrin Schmiedekampf

"Das letzte Mal wurden wir über den Tisch gezogen. Das soll uns diesmal nicht passieren", sagt Horst Hippler, Präsident des Verbands der neun großen Technischen Universitäten in Deutschland (TU9). Das letzte Mal - das war die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge. "Auf die Meinung der Universitäten wurde damals keine Rücksicht genommen", grollt Hippler.

Wie etliche andere Länder innerhalb und außerhalb der EU hat sich auch Deutschland 1999 dem "Bologna-Prozess" angeschlossen und verpflichtet, die Studiengänge vom gewohnten Diplom- und Magister-Studium bis 2010 auf Bachelor und Master umzustellen. Die neuen zweistufigen Abschlüsse sollen internationale Vergleichbarkeit schaffen, den fliegenden Wechsel ins Ausland erleichtern, den Weg in den Beruf verkürzen.

Ab Donnerstag wollen 46 Bildungsminister eine Zwischenbilanz ziehen. Die meisten Länder sind mitten in der Umstellung; Deutschland mit seinen zersplitterten Länderkompetenzen kommt eher schleppend voran. Viele Hochschulen murrten vernehmlich, besonders lautstark war stets der Protest aus dem Kreis der TU9 - sie wollten lieber am bewährten Diplom festhalten. Dazu zählen die Technik-Hochschulen in Aachen, Berlin, Braunschweig, Darmstadt, Dresden, Hannover, Karlsruhe, München und Stuttgart.

"Wir haben ein hohes Gut zu verlieren"

Aus ihrer Sicht droht neues Ungemach, denn diesmal geht es auch um die Einführung europaweit einheitlicher Regelungen für die Promotion. Und diesmal möchten der Karlsruher TH-Rektor und seine Kollegen schneller sein. "Die Promotion darf keine dritte Phase des Studiums werden", sagt Hippler und warnt vor einer Verschulung und Überreglementierung. Wie etwa in Südeuropa könnten deutsche Doktoranden künftig zum Besuch weiterer Lehrveranstaltungen verpflichtet werden - zu Lasten ihrer eigenständigen Forschungsarbeit.

Viel Anlass zum Stolz auf ihren Umgang mit Doktoranden haben deutsche Universitäten bisher nicht. Geisteswissenschaftler etwa schlingern oft völlig auf sich alleingestellt durch die Dissertation, erhalten wenig bis keine Betreuung und nur alle paar Monate eine Audienz beim Doktorvater. In den Naturwissenschaften rackern Doktoranden oft als Labor-Mulis auf halben Stellen mit halber Bezahlung - leisten aber ganze Arbeit. In den Ingenieurwissenschaften sei das anders, beteuert der TU9-Verband: "Anders als in anderen Fachrichtungen sind die Promovierenden im Allgemeinen als Vollzeitbeschäftigte der Universität tätig" - und ungewöhnlich viele arbeiteten in Unternehmen und promovierten berufsbegleitend.

Daher macht Horst Hippler sich große Sorgen. Denn egal ob ein Doktorand an der Uni oder in einer Firma beschäftigt sei - bei den Ingenieuren stellten die Promotionen intensive Kontakte zwischen Hochschulen und Wirtschaft sicher. Ein ausgesprochen erfolgreiches System, sagte Hippler SPIEGEL ONLINE: "Wenn man uns unseren Weg verbietet, haben wir ein Problem." Eine Verschulung der Promotion sei "grundfalsch", die Ingenieurwissenschaften hätten "ein hohes Gut zu verlieren".

Rätselraten: Gibt es überhaupt konkrete Pläne zur Verschulung der Promotion?

Mit im Boot der TU9  sitzen der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau sowie die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG). Beide fordern, dass die Promotion weiterhin ausdrücklich der Forschung dienen soll. "Doktoranden sind berufstätige Wissenschaftler, keine Studenten", betonte der DPG-Präsident Eberhard Umbach. Die Belastung mit zusätzlichen Lerninhalten ginge auf Kosten der Forschung.

Was aber die EU-Bildungsminister genau planen, ist derzeit noch diffus. Wird es bald feste Lehrveranstaltungen mit Leistungspunkten für Doktoranden geben, müssen sie künftig gar Studiengebühren zahlen? Die Europäische Union und der zuständigen Kommissar Ján Figel bevorzugten ein Studiensystem mit der Promotion als dritte Stufe, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Demnach wenden mehr als die Hälfte der Staaten das Leistungspunktesytem auch für die Promotionsphase an.

Werden deutsche Hochschulen sich um des lieben europäischen Friedens willen beugen müssen? Diese Gefahr bestehe "ganz klar nicht", sagt eine Sprecherin des Bundesbildungsministeriums: "Eine einheitliche Promotionsordnung steht durch den Bologna-Prozess nicht zur Debatte. Deshalb werden auch deutsche Unis künftig nicht tun müssen, was andere Mitgliedsstaaten planen." Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) versichert, sie werde in London "dafür sorgen, dass erfolgreiche Promotionsmodelle nicht durch falsche Regulierungen beeinträchtigt werden". Es solle einen fruchtbaren Wettbewerb geben, die TU9 sei mit ihrem Programm sehr gut aufgestellt.

"Uns ist auch nicht genau klar, was die eigentlich vorhaben", so Christian Säfken vom Doktorandennetzwerk Thesis. Vorrangig solle es bei der Konferenz in London wohl darum gehen, die Abschlüsse miteinander vergleichbar zu machen, um die Mobilität der Studenten untereinander zu fördern. "Soweit ich weiß, sollen dafür Graduiertenschulen eingeführt werden", sagte Säfken SPIEGEL ONLINE. Solche Graduiertenschulen werden auch in Deutschland im Zuge des Exzellenz-Wettbewerbes künftig stärker gefördert.

"Keine Studiengebühren für Doktoranden"

Thesis sei nicht grundsätzlich gegen eine Angleichung der Promotion - "aber nur mit Einschränkungen". Es dürfe nicht nur einen Zugang zur Promotion geben; wenn jemand in der Industrie über ein Projekt forschen wolle, sollte man ihn nicht in eine Graduiertenschule zwingen. Auf keinen Fall dürfe es Studiengebühren für Doktoranden geben. "Wir sind alle gespannt, was in London herauskommen wird", so Säfken.

Rektor Hippler ist sicher: "Eine Vereinheitlichung führt dazu, dass die Qualität sinkt", die Graduierten-Veranstaltungen seien unnötig. "Ich weiß nicht, ob Deutschland und Großbritannien sich gegen eine Verschulung durchsetzen können", sagt er. "Wenn der Druck der anderen Staaten zu stark wird, kann es gut sein, dass sie einknicken."

Susanne Töpfer, 29, promoviert an der TU Ilmenau und teilt Hipplers Berfürchtungen. "Wenn es zu viele festgeschriebene Veranstaltungen gibt, ist es nicht mehr möglich, frei zu forschen", sagt die Ingenieurin. Es sei wichtig, sich selbst überlassen zu sein, eigene Entscheidungen zu treffen und für ein Projekt voll verantwortlich zu sein. "Genau diese Erfahrungen sind wichtig. Aus diesem Grund werden promovierte Ingenieure so gern eingestellt."

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