In Kooperation mit

Job & Karriere

Promotion "Den Nutzen nüchtern kalkulieren"

Forschen in Einsamkeit und Freiheit ist das traditionelle deutsche Gelehrten-Ideal. Dieter Langewiesche hat fast 80 Doktoranden betreut. Im Interview erklärt der Tübinger Historiker, was bei der Promotion zählt und wie man es vermeidet, sich zu verzetteln.

SPIEGEL ONLINE: Herr Langewiesche, Sie hatten bis April dieses Jahres den Lehrstuhl für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Tübingen inne. Was sollten Promotionswillige bedenken, bevor sie mit der Doktorarbeit starten?

Dieter Langewiesche: Man sollte streng prüfen, zu welchem Zweck man die Doktorarbeit schreiben will. Ist sie wirklich notwendig? Ist sie eine Voraussetzung für den Beruf? Und falls nein: Welche Nachteile können für den Berufseinstieg entstehen, wenn man durch die Promotion drei oder gar vier Jahre altert? Kurz: Man sollte den Nutzen nüchtern kalkulieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist es hilfreich, wenn man für die Doktorarbeit schon auf einer früheren Arbeit aufbauen kann?

Langewiesche: Es ist nicht notwendig, spart aber ganz sicher Zeit, wenn man auf die Magister- oder Diplomarbeit zurückgreifen kann. Und der Doktorand hat schon eine genauere Vorstellung vom Thema.

SPIEGEL ONLINE: Es besteht immer die Gefahr, dass man sich bei seiner Arbeit verrennt oder verzettelt. Wie kann man das vermeiden?

Langewiesche: Man muss klare Fragen an das Thema formulieren, früh eine Gliederung erstellen, den Umfang der Dissertation früh festlegen und danach den Umfang der Kapitel kalkulieren. Das verhindert, zu viel Zeit mit Nebenschauplätzen zu vertun. Es hilft auch zu erkennen, ob weitere Informationen redundant werden. Rechtzeitig zu merken, wann man genügend Material beisammen hat, um schreiben zu können, ist ein Zentralproblem.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeit an der Dissertation kann ein einsames Geschäft sein, gerade in den Geisteswissenschaften. Wie sollte man damit umgehen?

Langewiesche: Das halte ich für ein Vorurteil. Ich führe mit Kollegen regelmäßig Doktorandenkolloquien durch, meine Doktoranden fahren auch zu Kolloquien an anderen Unis. Der Geisteswissenschaftler ist also keinesfalls vereinsamt!

SPIEGEL ONLINE: Keine Stelle an der Uni, auch kein Stipendium - kann man eine Dissertation trotzdem durchziehen?

Langewiesche: Davon rate ich ab. Es gibt natürlich Fälle, in denen neben der Berufstätigkeit promoviert wird. Das sind aber Ausnahmen. Deutschland leidet nicht an einem Mangel an Promotionsstipendien. Wer keines erhält, tut gut daran, sich selbstkritisch zu prüfen - und seinen akademischen Betreuer.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist der Betreuer für das Gelingen der Doktorarbeit?

Langewiesche: Man sollte sich genau überlegen, bei wem man seine Arbeit schreiben möchte. Ein vertrauensvolles Verhältnis zum Doktorvater oder zur Doktormutter ist sehr hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Eigenschaften braucht man, um eine Promotion zu meistern?

Langewiesche: Die intellektuellen Voraussetzungen sind am wichtigsten. Üblicherweise werden sie an der Examensnote gemessen. Aber sie allein sollte nicht entscheiden. Man braucht die Fähigkeit, selbständig zu arbeiten, und den Willen, für die Zeit der Promotion andere Wünsche zurückzustellen, auch finanzielle.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind fertige Doktoren verhältnismäßig alt. Wie wichtig ist Pragmatismus beim Schreiben der Dissertation?

Langewiesche: Das Alter der Promovierten hängt davon ab, wie schnell man studiert und Examen gemacht hat. Der Pragmatismus muss sich also auf das gesamte Studium beziehen. In der Promotionsphase ist er ebenfalls wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich bei der Motivation für eine Promotion in den vergangenen Jahren etwas verändert?

Langewiesche: Ich habe den Eindruck, dass nüchterner der Zweck geprüft wird. Promotion um der Promotion willen geht nach meiner Beobachtung zurück.

SPIEGEL ONLINE: 58 Doktoranden wurden bislang bei Ihnen promoviert, 18 Vorhaben laufen noch. Wieso haben Sie so viele Doktorarbeiten betreut?

Langewiesche: Junge Leute auf ihren Forschungen zu begleiten und sie erfolgreich zu sehen, gehört zu den Glücksmomenten des Hochschullehrers. Ich betreue noch die jetzigen Doktoranden, nehme aber keine neuen mehr an, da ich es für wichtig halte, dass der akademische Betreuer im wissenschaftlichen Leben steht.

Das Interview führte Jochen Blind

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.