Promotion Zündet ein Doktortitel den Karriere-Turbo?

In manchen Branchen gilt ein Doktortitel als Standard, in anderen eher als hübsches Beiwerk. Nicht immer schindet die Promotion bei Personalchefs Eindruck - Experten warnen davor, aus reinem Karrierekalkül mit der Dissertation zu beginnen.


Etwas mickrig sieht er aus, der Lohn für die Mühen einer Dissertation: Zwei Buchstaben und ein Punkt zeugen vom Erfolg der akademischen Meisterschaft. Doch bis dahin gehen Doktoranden einen bisweilen schmerzhaften Weg. Auch Dr. Harald Rau erlebte Phasen, "in denen man am liebsten hinschmeißen möchte". Der Journalist aus dem badischen Schriesheim promovierte neben dem Beruf. Ein Kraftakt, aber auch die Quelle für neue Erfahrungen. "Ich habe eine Art von Dauerdisziplin und Durchhaltevermögen gelernt", sagt Rau, "das kann ein gutes Gefühl sein."

Très chic, so ein Doktorhut - aber kein automatischer Türöffner in der Wirtschaft
DPA

Très chic, so ein Doktorhut - aber kein automatischer Türöffner in der Wirtschaft

Ein gutes Gefühl - eine schmale Belohnung für eine besonderes akademisches Abenteuer. Der Münchner BWL-Professor Manuel Theisen rät jedem angehenden Doktoranden zum sorgfältigen Selbst-Check. Den Anstoß zur Promotion müsse "die eigene Motivation und eine realistische Einschätzung der individuellen Fähigkeiten und persönlichen Kapazität geben", außerdem das familiäre und berufliche Umfeld für stimmen. Theisen: "Überprüfen Sie ohne Selbstbetrug, ob die hohe Zusatzbelastung zu schaffen ist."

Dr. Volker Klenk, heute Geschäftsführer einer Frankfurter PR-Agentur, hat die Zusatzschichten gerne auf sich genommen. Während seiner Doktorarbeit war er vorwiegend als freier Autor tätig. "Ich wollte schon immer promovieren, weil ich großen Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten habe." Diese Voraussetzung bringt offenbar nicht jeder mit - von den bundesweit rund 60.000 Doktoranden kommt Expertenschätzungen zufolge nicht einmal jeder Zweite ins Ziel.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Das liegt auch an der Einsamkeit, die jeder Doktorand kennt. Allein mit dem Thema, isoliert vor dem Bücherberg lässt die anfängliche Begeisterung oft rapide nach. Deshalb entstand vor einigen Jahren das Doktorandennetzwerk Thesis. Es bietet Informationen, organisiert Foren, schafft Kontakte.Ob der Doktortitel ein Karrierebeschleuniger ist, kann allerdings auch Thesis nicht pauschal beantworten.

"Aus reinem Karrierekalkül mit einer Dissertation zu beginnen, davor kann ich nur warnen", sagt Kienbaum-Berater Lutz Thimm. "Wer nicht gerne wissenschaftlich und äußerst diszipliniert arbeitet, sollte die Finger davon lassen." Besonders wer nebenberuflich promoviert, steht unter Druck. "Manche Firmen, Unternehmensberatungen zum Beispiel, fördern die akademische Zusatzqualifikation und stellen ihre Mitarbeiter für eine gewisse Zeit frei", so Thimm - günstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Doktorarbeit.

Schönes Plus auf dem Gehaltszettel

Die kann sich später in Mark und Pfennig auszahlen. Mit dem Doktorhut steigt meist das Einkommen: Nach Berechnungen von Frank Grätz, eines umstrittenen Promotionsberaters aus Bergisch Gladbach, könne sich der Einkommensvorteil von Doktoren gegenüber Standard-Akademikern im Laufe des Berufslebens auf bis zu eine Million Mark summieren.

Kann, muss aber nicht: Schließlich verbringen die Wissenschaftler viel Zeit in Bibliotheken und am Schreibtisch, während andere schon kräftig Karriere in der Wirtschaft machen und entsprechend verdienen.

Nach einer Kienbaum-Untersuchung verdienen Doktoren als Berufseinsteiger im Schnitt ein paar tausend Mark mehr pro Jahr als nichtpromovierte Kollegen. Consultant Thimm: "Langfristig rechnet sich das Ganze dann, wenn der Doktor eine Führungslaufbahn einschlägt. Denn dort winken die hoch dotierten Jobs." Der "Doktor" sei im oberen Management und auch darunter recht verbreitet.

Aus der High-Potential-Studie der Gummersbacher Unternehmensberatung folgt, dass manche Branchen, etwa Medienunternehmen, gesteigerten Wert auf die Promotion als Zusatzqualifikation legen. Insgesamt gilt: "Unternehmen setzen gerne einen Doktor auf den Chefsessel", so Thimm.

Kampf gegen das "Theoretiker"-Vorurteil

Diese Einschätzung deckt sich mit der Studie "Wege zur Unternehmensspitze", für die Personalberater von Heidrick & Struggles 212 Top-Manager befragten - immerhin 37 Prozent waren promoviert. Und die Mehrheit ist überzeugt, dass sich die wissenschaftliche Zusatzschicht auch unter Karriereaspekten gelohnt hat.

Für Lothar Nadler spielte das eine Nebenrolle. "Ich habe den Doktor für mich gemacht, nicht für die Karriere", sagt der Anzeigenleiter des Wirtschaftsmagazins "DM". Mit 25 hatte er sein VWL-Studium in Freiburg beendet. Jung genug, um fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter zwecks Promotion dranzuhängen. "Die Entscheidung habe ich nicht bereut, im Gegenteil." Nebenher stellte Nadler als Dozent an der Berufsakademie Lörrach fest, dass ihm "die Lehrtätigkeit viel Spaß macht". Ein Angebot zur Habilitation lehnte er jedoch ab. "Ich wollte mich neu orientieren und in der Praxis beweisen", so Nadler.

Die Promotion kann zum PR-Instrument werden

Dort müssen die Damen und Herren Doktoren erst einmal gegen das Vorurteil kämpfen, Theoretiker und Einzelkämpfer zu sein. Viele Firmen sehen den akademische Aufsetzer jedoch gern. "Ein Doktortitel macht per se Eindruck", weiß der Düsseldorfer Unternehmensberater Rainer Brinkschulte, "bei der Besetzung von Positionen im Top-Management ist der Titel von Vorteil."

Wo der "Doktor" gefordert und gefördert wird, ist auch die Anrede als Namensbestandteil üblich. "Bei uns wäre das affig", sagt Volker Klenk. Denn bei seiner Agentur reden sich intern alle mit dem Vornamen an und sind per Du.

Im Außenverhältnis indes kann der Namenszusatz ein Bonus sein. "Von Kunden, die sehr traditionelle Strukturen haben und wo Hierarchien und Titel viel gelten, werde ich meist mit ,Dr. Klenk' angesprochen", erzählt der Agenturchef. Ein Indiz dafür, dass die Promotion auch zum PR-Instrument werden kann. Oder wie Berater Grätz behauptet: "Der Doktortitel ist Karrierehelfer für Angestellte und Aushängeschild für Selbstständige."

Von Roland Karle, jobpilot.de



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.