Prüfungsaffäre Liebe, Noten, Nestbeschmutzer

An Sachsens kleinster Uni rumort es. Ein Professor soll seiner Lebenspartnerin eine Stelle und zuvor eine Eins im Examen verschafft haben - durch massiven Druck auf einen Prüfer. Der pikante Vorwurf beschäftigt jetzt Wissenschaftsministerium und Arbeitsrichter.

Von Hermann Horstkotte


Das Klima unter den Hochschullehrern in Zittau ist vergiftet. Dort studieren rund 300 Studenten am Internationalen Hochschulinstitut (IHI) im Dreiländereck zwischen Deutschland, Tschechien und Polen. An Sachsens kleinster Uni regnet es seit Monaten bitterböse Briefe, Mails, Dienstaufsichtsbeschwerden. Es geht um reichlich delikate Anschuldigungen - und falls sie zutreffen sollten, um einen handfesten Prüfungsskandal: Der frühere Hochschul-Chef, so die Vorwürfe, habe einen Prüfer bedrängt, seiner Lebensgefährtin eine Eins im Diplom zu geben. Anschließend soll er die Freundin obendrein auf eine befristete Stelle bugsiert haben und nun ihre Beschäftigung auf Dauer betreiben.

Hat er, hat er nicht? Es geht um Bernd M., Lehrstuhlinhaber für Umwelttechnik. Als Gründungsdirektor leitete er das IHI bis 2003. Mit seinem Nachfolger trägt er heftige Konflikte aus: Albert Löhr, bekannter Unternehmensethiker mit einem dicken Buch über "Macht und Organisation", wirft M. nahezu komplettes Versagen im Amt vor. In einem Schreiben vom Februar 2005 kritisierte Löhr, dass M. seine Lehrverpflichtung nicht hinreichend erfülle, das "exzellent ausgestattete Labor" nicht effektiv nutze, keinen Beitrag zur akademischen Selbstverwaltung leiste. Kurzum: Faulheit auf der ganzen Linie, von der Lehre über die Forschung bis zur Gremienarbeit.

"Ich fühle mich hier mittlerweile wie im Irrenhaus!", sagt Bernd M. Er ließ die Vorwürfe nicht auf sich sitzen und reagierte mit einer achtseitigen Entgegnung. Der heutige Institutsdirektor nahm aber nicht nur die akademische Arbeit seines Vorgängers ins Visier. Löhr zürnte in seinem Brief auch über das "kecke Ansinnen" des "sehr geehrten Herrn Kollegen", M. wolle "mit der Entfristung des Vertrages Ihrer Lebenspartnerin einen offenen Nepotismus betreiben, der auch noch von mir abgesegnet werden soll".

Eins statt Drei auf Druck des Chefs?

Die Partnerin, das ist Simone W. Sie war ab Frühjahr 2003 für zwei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin auf Probe von Bernd M. und ist schon länger seine Lebensgefährtin - ohne Versteckspiel. Wenn es nach dem Pärchen ginge, hätte die Diplom-Ingenieurin längst eine Dauerstelle am Institut. Geht es nach dem gegenwärtigen Hochschulleiter Löhr, muss sie sich irgendwo einen anderen Arbeitsplatz suchen. Damit befassen sich jetzt die Arbeitsgerichte.

Albert Löhr spricht von Nepotimus, also reiner Günstlingswirtschaft. Das sächsische Wissenschaftsministerium hat sich dem angeschlossen und meint inzwischen, dass schon bei der Einstellung zur Erprobung bei Simone W. ihr "fachliche Qualifikation schlechter war als die der anderen Bewerber" und sie den Job "nur aufgrund ihrer persönlichen Verbindung zu Herrn Prof. M. als damaligem Direktor des IHI, der auch den Dienstvertrag unterschrieb, bekam". Alle Mitglieder der Findungskommission hätten sich für eine andere Bewerberin ausgesprochen, Bernd M. habe sich darüber hinweggesetzt.

Diese Auffassung stützt sich vor allem auf eine nachträgliche Umdeutung von Simone W.'s Diplomabschluss im Jahre 2001. Sie stammt von einem der beiden damaligen Prüfer, Jörg Oehlmann. Der war zu der Zeit Privatdozent in Zittau, Schüler von M. und bei ihm beschäftigt. Inzwischen ist Oehlmann selbständiger Zoologieprofessor in Frankfurt am Main. Bei ihm fragte Institutsdirektor Löhr im Frühjahr 2005 nach der sehr guten Prüfungsnote für Simone W.'s Diplomarbeit über wildlebende Wanderratten vier Jahre zuvor.

Oehlmann antwortete mit Schreiben vom 1. April, er sei dazu von seinem Lehrer gedrängt worden - "dieses Gespräch gehört sicherlich zu den unangenehmsten, die ich je führte", so Oehlmann. Wörtlich habe Bernd M. ihm mitgeteilt: "Mensch Oehli, das ist doch glasklar: Das Mädchen hat hier eine erstklassige Arbeit gemacht und soll auch dafür belohnt werden. Ich hoffe, wir haben uns da verstanden!"

Der andere Prüfer zweifelte nicht

Oehlmann will das so verstanden haben: "Ich sah keine andere Möglichkeit, als ein 'noch sehr gut (1,3)' für die Diplomarbeit vorzuschlagen. Ohne diese massive Einflussnahme M.'s wäre ich zu einem komplett anderen Ergebnis für die Bewertung gekommen, das keinesfalls besser als '3,0' ausgefallen wäre." Natürlich sei er sich "darüber klar, dass ich in dieser Sache meiner Verantwortung als Hochschullehrer nicht gerecht geworden bin". Er habe aber durch den "aufgebauten Druck" den Fortschritt der Projekte im Labor gefährdet gesehen und Schaden von den Doktoranden und Post-Docs fern halten wollen, schildert Prüfer Oehlmann den Vorfall und bedauert sein "zu wenig standhaftes Verhalten" im Nachhinein.

Zum Schluss gab es für die schriftliche Arbeit und ihre mündliche Verteidigung ein glattes "sehr gut". Bernd M. indes weist gegenüber SPIEGEL ONLINE die Darstellung seines früheren Mitarbeiters als glatten "Rufmord" zurück. Auch Bernd Delakowitz, der andere Prüfer, lässt an der offiziellen Note nicht rütteln. Davon zeigt sich das Ministerium freilich ganz unbeeindruckt, weil Delakowitz "keine Angaben zu den Begleitumständen der Benotung" mache, sondern lediglich das "förmliche Ergebnis" bestätige.

Die "Begleitumstände" - damit meint das Ministerium M.'s angeblichen Einsatz für die Höchstnote seiner Simone. Prüfer Delakowitz hingegen erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Alle Diplomanden unserer Hochschule müssen in den Diplomarbeiten eidesstattlich versichern, dass die Arbeiten selbstständig von ihnen verfasst und keine anderen Hilfsmittel als die angegebenen benutzt wurden. Und die Arbeit, die W. vorlegte, war eben sehr gut." Er, Delakowitz, habe nie "ernsthafte Zweifel oder Irritationen an der gemeinsamen Notengebung bekommen".

Auch die DFG ist alarmiert

Die Diplomarbeit wurde einige Monate später in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, von Simone W. und den Mitautoren Oehlmann, Bernd M. und Delakowitz (ohne Kennzeichnung des jeweiligen persönlichen Anteils). Bei Erscheinen schickte Oehlmann sofort eine E-Mail an die "liebe Simone": "Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! Liebe Grüße aus Frankfurt, Dein Jörg."

Die Prüfungsaffäre hält Jahre später nun nicht nur Arbeitsrichter, sondern auch das sächsische Wissenschaftsministerium auf Trab. Einerseits geht es um M.'s Dienstaufsichtsbeschwerden gegen den heutigen Institutsdirektor Löhr, andererseits um die heikle Rolle des Prüfers Oehlmann. In dessen Selbstvorwürfen sah das Ministerium noch in einem Schreiben vom 1. November nichts Schlimmeres, als dass Oehlmann sich mit seiner Darstellung "nicht gerade in ein für ihn günstiges Licht setzt". Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nimmt Ministeriumssprecherin Angelika Wahrheit die Sache jetzt aber ernster: "Die Angelegenheit wird in rechtlicher Hinsicht geprüft" - sieben Monate nach Bekanntwerden.

Inzwischen liegt auch dem "Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft" (DFG) für wissenschaftliches Fehlverhalten ein Antrag vor, ein förmliches Verfahren über Oehlmanns Sündenbekenntnis zu eröffnen. Über das weitere Verfahren will das dreiköpfige Gremium bei der nächsten Sitzung am 23. Januar entscheiden. Bis dato hat es Streit um Noten noch nie aufgegriffen. Aber diesmal geht es immerhin, wie aus dem Umkreis verlautet, um eine Grundsatzfrage - um das Vertrauen der Examenskandidaten in Chancengleichheit statt Nepotismus.

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