Quereinsteiger Zeit für flexible Schlaumeier

Geisteswissenschaftler, so scheint es, haben den Unternehmen in der Konjunkturkrise gerade noch gefehlt. Dennoch zeigen die Erfahrungen mancher Absolventen: Ein "sinnloses" Studium gibt es nicht. Die Berufsaussichten für Quereinsteiger mit guter Bildung sind nicht so übel, wie viele Studenten glauben.


Hochschulabsolventen: Als Quereinsteiger wirklich chancenlos?
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Hochschulabsolventen: Als Quereinsteiger wirklich chancenlos?

Gemessen an dem, was er heute beruflich macht, war das Studium für Andreas Sturm sinnlos. Denn wozu braucht man als Key Account Manager bei Access 7, einem Solution Provider für breitbandige Kommunikationsdienste in Frankfurt, Kenntnisse ausgerechnet über Trainingslehre oder Basketballtaktik?

Als Sturm Anfang der neunziger Jahre an der Technischen Hochschule Darmstadt sein Magisterstudium der Sport- und Politikwissenschaften begonnen hatte, wusste er genau, was er wollte: Etwas studieren, was seiner Leidenschaft entsprach - und das war Sport. Was er allerdings lange Zeit nicht wusste: "Ein Berufsziel stand völlig in den Sternen."

"Gebildete Kundschaft, das passt zusammen"

Erfahrungen von Absolventen: Was bei der Bewerbung zählte
DER SPIEGEL

Erfahrungen von Absolventen: Was bei der Bewerbung zählte

Nach gut neun Semestern startete er endlich seine berufliche Orientierungsphase und fand heraus, dass man im Vertrieb ganz schnell ganz ordentlich verdienen kann. Weitere neun Semester später führte sein Weg ihn 1999 von der Hochschule ins Erwerbsleben - und immer weiter fort von seinen Studieninhalten. Die damals noch boomende New Economy nahm beinahe jeden auf, die Kommunikationsdienstleister Telepassport, dann Star Telecom, waren Sturms Zwischenstationen.

Seine Karriere ging schnell voran, heute ist der 34-Jährige ein Musterbeispiel für einen gelungenen Quereinstieg. Der Behauptung, seine Studienjahre seien vertane Zeit, widerspricht er dennoch heftig. An der Hochschule habe er gelernt, seine Zeit einzuteilen, Arbeit zu organisieren, frei vor großen Gruppen zu sprechen und zu präsentieren. Wenn Andreas Sturm seine Kunden betreut, trifft er meist auf gleichaltrige Akademiker. Er nennt das "gebildete Kundschaft, und das passt gut zusammen".

Akademiker sind seltener arbeitslos

Der Bildungs- und Berufsforscher Ulrich Teichler von der Universität Kassel stellte vor zwei Jahren fest, dass Absolventen in der Regel doppelt so viel verdienen wie ihre nicht studierten Kollegen. Außerdem sinkt laut Teichler das Risiko, arbeitslos zu werden, für Akademiker auf die Hälfte. Das belegen auch die jüngsten Arbeitsmarkt-Statistiken, wenngleich sie ein eher düsteres Bild der Perspektiven für Geisteswissenschaftler zeichnen.

Teichler betonte in einem SPIEGEL-Gespräch, dass intellektuelle Kompetenz nach wie vor auf dem Arbeitsmarkt gefragt sei. Schließlich müsse der moderne Mensch "zunehmend die Fähigkeit besitzen, selbstverständlich mit virtuellen Welten umzugehen. Er muss künftig häufiger mit Menschen kommunizieren, die er gar nicht kennt. Er muss sich in knappester Form schriftlich verständigen können", so Teichler.

Es kommt also gar nicht so sehr auf spezialisiertes Wissen an, vielmehr ist die Fähigkeit gefragt, komplex zu denken. Abstrahieren und vergleichen kann man aber nur mit dem nötigen intellektuellen Rüstzeug - und mit Lebenserfahrung.

Manchmal sind die krummen Wege die geraden

Heike Kuss vom Hochschulteam des Arbeitsamtes Berlin Mitte ist sogar sicher, "dass der belesene Betriebswirtschaftler fitter ist für den Arbeitsmarkt als der unbelesene, auch wenn dieser eher seinen Abschluss macht". Quereinsteigern aus den Geisteswissenschaften hingegen rät sie zu zusätzlichen Kenntnissen in Betriebswirtschaft oder Informatik: "Sobald sie sich interdisziplinär orientieren, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten."

Auf dem Weg zum ersten Arbeitsvertrag: Bildung schadet nie
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Auf dem Weg zum ersten Arbeitsvertrag: Bildung schadet nie

Jedenfalls theoretisch. "Viele Großunternehmen sind bei ihren Trainee-Angeboten ganz starr", klagt Heike Kuss. "Warum laden die nicht einmal einen Generalisten ein?"

Karl-Wilhelm Giersberg ist Geschäftsführer des mittelständischen Kommunikationsunternehmens Heag-Medianet in Darmstadt. Bei Einstellungsgesprächen macht der Professor "keinen Unterschied zwischen einem geraden oder gewundenen Lebenslauf. Eine einjährige Weltreise etwa zeugt von einer gewissen Selbstständigkeit". Gern erwähnt Giersberg die berufliche Karriere eines früheren Mitarbeiters, der als Sozialarbeiter begonnen und als Controller beim Darmstädter Energieversorger Heag geendet hatte.

Die Wirtschaft gibt sich skeptisch

Das klingt romantisch - doch auch Heike Kuss weiß, dass der Quereinstieg in erster Linie in Berufsfeldern wie PR, Öffentlichkeitsarbeit oder Vertrieb gelingt. Ein Ingenieur benötigt das Fachstudium, und wer Philosophie studiert hat, wird keinen Job als Oberarzt finden.

Bewerbungstraining: Kommunikation ist zentral

Bewerbungstraining: Kommunikation ist zentral

Bei der Bahn AG beurteilt man Quereinsteiger ohnehin mit Skepsis: "Grundsätzlich sind uns auch Quereinsteiger willkommen. In der Realität gibt es jedoch seit Jahren nur wenige, die es geschafft haben", sagt Susanne Friedrich, Leiterin der Abteilung Hochschulmarketing und Nachwuchskräfte-Entwicklung. "Wir stellen in diesem Jahr rund 700 Hochschulabsolventen ein. Gefragt sind insbesondere Absolventen der Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsingenieurwesen, (Wirtschafts-) Informatik, Maschinenbau, Elektrotechnik/Nachrichtentechnik, Bauingenieurwesen und Jura."

Ganz chancenlos sind Quereinsteiger aber auch bei der Bahn nicht. Allerdings müssen sie unter anderem einen "exzellenten akademischen Hintergrund" oder "interessante 'Schlenker'" in ihrem Lebenslauf aufweisen, fordert Friedrich. "Insgesamt ist für uns wichtig, dass für uns schon beim Eingang der Bewerbung nachvollziehbar wird, warum man sich als Quereinsteiger für ein neues Gebiet interessiert. Denn spätestens im Einstellungsgespräch oder Assessmentcenter wird es sonst schwierig, unsere Personalprofis zu überzeugen, dass der angestrebte Job keine Verlegenheitslösung ist."

Auf die Potenziale kommt es an

Bei Audi in Ingolstadt betrachtet man das Thema Quereinstieg etwas entspannter. Als "prinzipiell möglich" bezeichnet diese Karriereform Marcus Fischer, zuständig für Personalmarketing Neue Medien. "Wir haben Verwendung für fast jeden Beruf, das geht vom Biologen bis zum Geisteswissenschaftler."

Fischer spricht vom einem potenzialorientiertem Recruiting: "Talente wollen wir langfristig binden, daher der genaue Blick auf das Entwicklungspotenzial." Sozialkompetenz ist dabei ein wesentlicher Faktor. Quereinstieg im nicht-akademischen Bereich ist eher schwierig, da es bei Audi keine Jobs für un- und angelernte Kräfte mehr gibt.

Ihno Schneevoigt hat als Personalchef der Allianz-Versicherung einmal gesagt, dass sich die Wirtschaft immer mehr akademisiere. Salopp formuliert scheint die Zeit angebrochen zu sein für die flexiblen Schlaumeier, die ein bisschen Hegel gelesen haben, Frankreich nicht nur von Postkarten kennen und auch mit dem Schweine-Zyklus der Volkswirtschaftslehre etwas anfangen können.

Steffen Gerth, Jobpilot.de



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