Quereinstieg bei der Großbank Wenn ein Historiker aus der Kutte springt

Die Professoren an der Uni nannten es "Talentverschwendung", als Nikolaus Braun die akademische Laufbahn quittierte. Und bei einer Großbank fremdelte der promovierte Historiker zunächst. Inzwischen ist Braun, 33, Filialleiter und kein typischer, aber ein überzeugter Banker - die ungewöhnliche Karriere eines Quereinsteigers.

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Während in der Küche das Schnitzel anbrannte und sein Sohn tobte, verabschiedete sich am Telefon der mit summa cum laude promovierte Historiker Nikolaus Braun von der Wissenschaft. Am anderen Ende der Leitung lud die Commerzbank zum Vorstellungsgespräch für eine Banklaufbahn. "Ich war auf Kampf eingestellt", erinnert sich Braun, "ich wollte klar machen, dass die Bank Geisteswissenschaftler braucht." Er überzeugte. Nach einem eineinhalbjährigen Trainee-Programm wandelte sich der Historiker Dr. Braun zum Filialleiter Dr. Braun.

Umgesattelt von Uni auf Bank: Nikolaus Braun

Umgesattelt von Uni auf Bank: Nikolaus Braun

Manche Kollegen haben es ihm nicht leicht gemacht, haben ihn spüren lassen, dass er ein Quereinsteiger ist, der studierte Herr. Und dann auch noch Geschichte: "So weit ist es also schon gekommen", ließ sich eine Kollegin über den Bankneuling aus. Andere machen nach ihrer mittleren Reife eine Bankausbildung und arbeiten sich in der Filiale hoch. Mit Anfang dreißig werden sie dann vielleicht Filialleiter. Der Historiker hingegen kommt von der Universität, wo "ich meinem Idealismus frönen konnte", wie Braun sagt. Dabei hat er sich in der Bankenbranche "nie überfordert" gefühlt, wie ein Schwamm habe er das Wissen aufgesogen. Und außerdem könne ein Betriebswirtschaftler vielleicht nur zehn Prozent seines im Studium erworbenen Wissens im Bankberuf anwenden, und selbst damit komme er im täglichen Bankgeschäft nicht weit. Den Rest müsse er neu lernen. Deshalb, sagt Braun, habe er lieber gleich hundert Prozent neu gelernt.

Das angebrannte Schnitzel liegt jetzt knapp vier Jahre zurück, Braun ist 33 Jahre alt, leitet seit Mai 2003 die Commerzbank in der Münchner Hohenzollernstraße mit 4000 Kunden und macht dabei keine typische Bankerfigur. Nichts wirkt gespielt, nichts ist ins Förmliche übersteigert. In seinem Büro im ersten Stock lümmelt er auf seinem Drehstuhl, das linke Bein angewinkelt unter das rechte geschoben. Er schaut seinem Gegenüber beständig in die Augen, lächelt und findet manches "cool". Wenn das Telefon klingelt, greift Braun sich den Hörer, beschreibt mit seinem Kopf per Nickbewegung einen Halbkreis, als ob die Krawatte zu eng geknotet wäre, und tippt den Namen des Anrufers in seinen Computer. Sogleich weiß er um dessen Intimstes: Geld und Kontostand. Braun ist höflich und korrekt, redet mit dem Kunden kaum über Geld, aber eigentlich doch, weil es ja darum im Endeffekt nur geht: "Die Gespräche mit dem Kunden sind meine Stärke."

Akademische Karriere klar vorgezeichnet

Jetzt ist er doch ganz der Banker, wie er da vorm Computer sitzt und Anleihen empfiehlt oder einen potenziellen Kunden zu überzeugen versucht, sein Geld bei der Commerzbank arbeiten zu lassen: "Ich finde Sie spannend, Ihre Biografie und Ihren Beruf, kommen Sie doch einmal zum Gespräch vorbei." Nur leicht verdreht durch den zwischen Kopf und Schulter geklemmten Hörer sitzt der Filialleiter Dr. Braun dann da in seinem Boss-Anzug, weißem Button-Down-Hemd und der unaufdringlichen, mit weißen Linien durchzogenen schwarzen Krawatte, geht Zahlenkolonnen auf seinem Monitor durch und lächelt den Kunden durchs Telefon an.

"Talentverschwendung" sei das, sagen die Unikollegen und Professoren, als sie hören, dass Nikolaus Braun "aus der Kutte springt", wie sie das Quittieren der akademischen Laufbahn nennen. Und dabei war er doch der Primus: Dissertation über Gewalt, Propaganda und politische Strategien im irischen Bürgerkrieg. Als er dafür im Oktober 2000 den Jahrespreis des Deutschen Historischen Instituts bekommt, sitzt Braun schon in der Bankfiliale, kopiert und sortiert Akten. Reine Schikane im Rahmen seiner Trainee-Ausbildung. Er beißt sich durch: "Das Klima war im Ganzen zwar skeptisch, aber letztlich kooperativ."

Warum lässt einer mit solchen Voraussetzungen die akademische Karriereleiter in der Ecke stehen? Einer wie Braun, dem diese Leiter praktisch an die Wiege gestellt wurde: "Als ich auf die Welt kam, war schon klar, dass ich promovieren würde - in Jura, VWL, BWL oder Medizin. Meine Ausbildung begann im Kindergarten und endete mit der Promotion." Alles andere, sagt Braun, wäre für ihn wie ein abgebrochener Schulabschluss gewesen. Der Vater hat in VWL und Jura promoviert, der Großvater war Professor für Chemie. Der Junior nun sollte und wollte Medizin studieren.

"Stets von der Gnadensonne des Doktorvaters abhängig"

Weil er ein Semester auf seinen Mediziner-Test warten musste, studierte Braun aber vorübergehend Geschichte: "Danach war ich seelisch und körperlich abhängig" - aus dem Medizinstudium wurde nichts. Die neun Jahre an der Uni seien "beglückend gewesen", ein "wunderbares Studium". Sein Kopf beschreibt wieder den Halbkreis, schnell und zweifach diesmal: "Aber gut, dass ich aus dem Uni-Sumpf heraus bin. Hier in der Filiale habe ich einen Marktwert, der ist messbar an den Bruttoerträgen der Bank. Das gibt es an der Uni nicht. Dort verkrüppelt das Ego, die Psyche wird deformiert, weil man stets von der Gnadensonne des Doktorvaters abhängig ist."

Arbeitsplatz Großbank: "Hundertmal mehr das pralle Leben als die Uni"
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Braun wirkt wie ein Idealist, der vom Rationalismus gekapert worden ist. Er ist schwer zu fassen, hat seine eigene Definition für Realität: "Der irische Bürgerkrieg ist wesentlich realer als Geld. Da sind Menschen für Symbole gestorben." Umgekehrt aber müsse man auch Universität und Bank als Arbeitgeber vergleichen: "Die Bank ist hundertmal mehr das pralle Leben als die Uni, da treffe ich auf die verschiedensten Kunden und Mitarbeiter."

Die Menschen und ihre Geschichten stehen für Braun im Vordergrund, und da kommt der Idealist mit dem Banker überein: "Im eigentlichen Sinne interessiert mich Geld nicht; Anleihen zum Beispiel sind nur Handwerk, ich mache das ordentlich und solide." Talent aber, das habe "etwas mit Leidenschaft zu tun". Er könne sich nicht für die Anleihe, sondern nur für den sie kaufenden Kunden begeistern. Seine Quintessenz: "Das Reale am Geld sind die Menschen, mit ihnen macht man das Geschäft, wenn man ihre Ziele und Wünsche ernst nimmt."

Die elektronische Peitsche

Vielleicht hat einer wie Braun im Bankgeschäft gerade deshalb Erfolg, weil er nicht zwischen den Welten trennt, sondern ständig - bewusst oder unbewusst - hin und her wechselt: "Die beiden Kulturen überschneiden sich", sagt Braun, "auch wenn es für viele wie Himbeereis mit Ketchup wirkt, für mich ist das keine Geschmacksverirrung, sondern ein stringenter und legitimer Lebensweg." Er müsse jetzt schließlich Geld verdienen und für die Familie sorgen. Das ist der Wechsel zwischen den Welten und doch ihre Verquickung zum Erfolg, zum Profit.

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Die Bank profitiert vom Historiker: Er hört den Kunden zu und kann für sie die Informationen aus dem Finanzsprech übersetzen, kann sich auf sie einstellen. "Wenn man sich mal in den Kopf eines irischen Hungerstreikenden versetzt hat, ist einem nichts Menschliches mehr fremd. Da komme ich auch wunderbar mit einem Diplomingenieur von Siemens aus."

Es gehe vor allem um soziale Kompetenz. Und der Historiker Braun profitiert von der Bank: weil sein Erfolg messbar wird. Stets kann er auf seinem Bildschirm verfolgen, ob seine Filiale das ihr von der Zentrale gesetzte Ziel erreicht. Die grün dargestellte Hundert-Prozent-Marke hat Braun immer vor Augen. Er nennt das "meine elektronische Peitsche". Er sei "gern vergleichbar".

Bank-Logo statt roter Stern

Braun will "hier Spaß haben und einen Haufen Geld" verdienen und macht alles "mit Herz und zu hundert Prozent". Das verlangt er auch von anderen: "Wenn jemand keine Lust hat, im Team mitzuarbeiten, dann würde ich den gern hire-and-fire-mäßig rauswerfen können."

Mit Hierarchien in seiner Filiale hat das nichts zu tun. Braun verkehrt mit seinen Mitarbeitern "von gleich zu gleich", wie er sagt. Zwischendurch muss er die Kollegin an der Kasse auch mal fragen, wie lange eine Auslandsüberweisung dauert. Hierarchien seien nicht sonderlich profitbringend, erklärt er dann. Und wieder überschneiden sich die Kulturen, weil er gleich einen historischen Beleg nachreicht: "Die irischen Kämpfer hatten keine klare Führungsstruktur, sie hatten nur das gemeinsame Ziel, die Engländer aus dem Land zu treiben." Und in der Bank haben sie das gemeinsame Ziel, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen.

Natürlich, provozieren will er auch ein bisschen, ein Anpasser ist er nicht. Früher hatte er ein Che-Guevara-Poster in der Küche der alten Filiale hängen - den roten Stern überklebt mit dem Logo der Commerzbank. In seiner aktuellen Filiale will er zur Motivation vielleicht ein Bild des Kinderserienhelden Wickie der Wikinger an die Wand pinnen: "Weil der mit Grips gegen Vorurteile und Stärkere kämpft."

Unter Brauns transparenter Schreibtischunterlage liegt ein alter Geldschein aus der Sowjetunion mit Lenin-Bildnis darauf: "Nicht, dass ich das kommunistische Gesellschaftssystem gut fände, aber man sollte nicht vergessen, dass es auch Alternativen gibt." Und so besucht er noch heute zwei- bis dreimal pro Jahr das Oberseminar seines "Lieblings-Professors" und spricht mit dessen aktuellen Kandidaten. Manchen zeigt er dabei die Möglichkeit eines Wechsels in einen ganz anderen Bereich auf.

Wahrscheinlich ist er der Richtige, um anderen Mut zu geben, mal über den Tellerrand hinauszuschauen. Es braucht wohl diesen Mut, damit sich Talente erschließen: indem einer sich ausprobiert, seine Fähigkeiten sucht und sie verbindet.

Nikolaus Braun selbst denkt stets an persönliche Alternativen, er will seine beiden Talente auf einer höheren Ebene wieder vereinen. Das analytische Denken, das wissenschaftliche Diskutieren und Schreiben fehlen ihm derzeit, sagt er. Aber deshalb will er noch lange nicht zurück an die Uni. Es zieht ihn in den Bereich des Strategischen Marketings: "Wenn ich in fünf Jahren noch Filialleiter bin, dann ist etwas schief gelaufen."

Einen weiteren Traum erfüllt er sich gerade: Der Vater zweier Kinder schreibt sein erstes Kinderbuch. "Das werde ich mit dem Wissen aus dem Bankjob sehr konkret vermarkten", sagt Nikolaus Braun, der Wanderer zwischen den Welten.



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