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Keine Rettungsgassen für Helfer "Das ist zum Verzweifeln!"

Gaffer und passive Autofahrer sind ein massives Problem für Rettungswagen, wie bei dem verheerenden Busunfall auf der A9. Marco König fährt seit 20 Jahren solche Einsätze - und beobachtet eine zunehmende Rücksichtslosigkeit.
Rettungsgasse auf der A2 in Hannover

Rettungsgasse auf der A2 in Hannover

Foto: Peter Steffen/ picture alliance / Peter Steffen/dpa
Zur Person

Marco König, 47 Jahre, ist seit 2006 Vorsitzender des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst. Er ist ausgebildeter Notfallsanitäter und lebt in Lübeck.

"Es ist leider die absolute Ausnahme, dass Menschen auf der Autobahn im Stau eine Rettungsgasse bilden. Die allermeisten stehen in der Mitte ihrer Fahrbahn und machen sich offenbar keine Gedanken darüber, wie hier ein Rettungswagen zu einem Unfallort kommen soll. Erst wenn sie uns mit Martinshorn und Blaulicht kommen hören, fangen die Leute an, an die Seite zu fahren und eine Gasse zu bilden. Aber das ist viel zu spät.

Die Fahrzeuge stehen so dicht, dass es sehr lange dauert, Platz zu machen. Wenn dann noch jemand mit einem Anhänger auf dem mittleren Fahrstreifen steht, ist es für ihn fast unmöglich, zu rangieren. Das ist alles sehr eng. Wir müssen unser Tempo dadurch drastisch reduzieren und können oft nur im Schritttempo zu einer Unfallstelle fahren.

Ich habe außerdem oft erlebt, dass Autofahrer die Gasse hinter dem ersten Rettungsfahrzeug wieder zumachen! Dabei sind wir oft mit mehreren Wagen unterwegs, vor allem, wenn es mehrere Verletzte gibt. So verzögert sich die Ankunft für jedes Fahrzeug wieder.

Video: Rettungsgasse - so geht's

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"Daran gewöhnt man sich nicht"

Wenn ich am Steuer sitze und so schnell wie möglich zu Verletzten kommen will, ärgert mich das maßlos. Daran gewöhnt man sich nicht. Es kommt zu erheblichen Zeitverzögerungen, die einfach überflüssig sind. Dabei zählt jede Minute, wenn Menschen schwer verletzt sind, um ihnen zu helfen und sie ins Krankenhaus zu bringen. Manche können nur so überhaupt gerettet werden.

Ich habe schon Patienten im Wagen gehabt, die so schwer verletzt waren, dass sie kurz nach der Ankunft im Krankenhaus gestorben sind. So etwas ist manchmal schlimm zu ertragen. Ob man ihren Tod verhindert hätte, wenn es schneller eine Rettungsgasse gegeben hätte und sie schneller Hilfe bekommen hätten, weiß ich nicht. Das lässt sich hinterher nicht mehr nachweisen.

Aber selbst wenn ich zum Beispiel von einem Motorradfahrer ausgehe, der nicht lebensbedrohlich verletzt ist, sondern "nur" einen Oberschenkelhalsbruch hat, auf der Straße liegt und auf uns wartet, muss man doch bedenken: So ein Mensch hat sehr starke Schmerzen. Wenn wir zwei bis drei Minuten schneller bei ihm sein können, um ihm zu helfen, ist das für diesen Menschen essenziell.

Ich weiß nicht, warum sich so viele Autofahrer darüber offenbar keine Gedanken machen. Ob ihnen nicht klar ist, dass es letztlich auch sie selbst betreffen könnte? Es ist vielleicht ähnlich wie mit der Ersten Hilfe. Ich arbeite seit mehr als zwanzig Jahren im Rettungsdienst und beobachte immer öfter, dass zwar mehrere Menschen an einer Unfallstelle stehen und gucken - aber niemand hilft!

"Die bewegen sich nicht"

Oder im Stadtverkehr: Wenn ich mich mit dem Rettungswagen einer Ampelkreuzung nähere, dann müssten die Autofahrer eigentlich vorsichtig in die Kreuzung hineinfahren, um dem Rettungswagen Platz zu machen - auch wenn die Ampel rot zeigt! Denn hier geht es unter Umständen um die Rettung von Menschenleben. Aber bei vielen Autofahrern ist die Sorge größer, dass sie sich strafbar machen - und sie bleiben stehen. Da nützt es auch nichts mehr, wenn ich Blaulicht und Martinshorn anhabe. Die bewegen sich nicht. Das ist zum Verzweifeln!

Ich bin nicht sicher, wie sich das ändern lässt. Der Vorschlag von Verkehrsminister Dobrindt, Autofahrer strenger zu bestrafen, wenn sie keine Rettungsgasse bilden, geht vielleicht in die richtige Richtung. Aber ich bin sehr skeptisch, ob er sich umsetzen lässt. Denn wie will man den Menschen ihr Vergehen nachweisen?

Wenn ich im Rettungswagen zu einem Unfallort unterwegs bin, vielleicht sogar weiß, dass da Kinder unter den Opfern sind, dann mache ich mir in dem Moment keine Gedanken über andere Autofahrer, geschweige denn notiere ich mir Kennzeichen oder ähnliches. Und Polizeibeamten dürfte es Ähnlich gehen."

Protokoll: Silke Fokken

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