Rita Band "Es tut gut, gebraucht zu werden"

Ein Jahr lang machte sie Pause, dann juckte es Rita Band wieder in den Fingern. Dreimal die Woche arbeitet die 65-jährige Rentnerin nun ehrenamtlich bei der Berliner Bahnhofsmission und will so lange weitermachen, wie sie kann.


Rita Band dagegen hat es nur ein Jahr lang zu Hause ausgehalten, dann suchte sie sich eine neue Aufgabe. Mit 60 Jahren bekam sie Frührente, weil ihre Stelle im Altersheim weggekürzt wurde. Eine Weile ruhte sie sich aus, aber dann fühlte sie sich überflüssig. Und merkte, wie sie langsamer wurde: Sie blieb viel zuhause, legte sich oft hin. "Der ganze Körper stellt sich auf das Langweilige ein", sagt Rita Band, "ich weiß ja, wie das ist mit den alten Menschen." Bei vielen hat sie beobachtet, wie schnell man abbaut, wenn man nichts mehr zu tun hat.

Rita Band
Anne-Dore Krohn

Rita Band

Mit 61 auf Jobsuche? Rita Band sah sich gleich nach Ehrenämtern um. "Ich hab' ja meine Rente", sagt sie, "Geld verdienen musste ich nicht." Inzwischen schuftet sie drei Mal die Woche in der Bahnhofsmission, sortiert Lebensmittel, schmiert Brote, verteilt Essen an Obdachlose und Drogensüchtige. Montags, mittwochs und samstags steht sie um sechs Uhr auf der Matte.

Arbeit und Freizeit wechseln sich nun in ihrem Alltag ab. Sie hat vier Enkel, pflegt den Garten, acht Wellensittiche flattern durch ihre Wohnung, sie geht mit dem Hund Gassi. "Beschäftigung gibt's genug, aber eine richtige Arbeit ist einfach besser fürs Selbstbewusstsein."

Ein Tagesrhythmus sei unverzichtbar. Vor kurzem war sie beim Arzt, der war zufrieden mit ihr. "Ich hab' so viel Glück, ein bisschen davon kann ich auch abgeben", sagt Rita Band, "gleichzeitig, ganz egoistisch, halte ich damit meine Gesundheit aufrecht. Ich sage immer: Eine Hand wäscht die andere, und beide waschen das Gesicht."


Ingrid A., 50: "Ich bin meine eigene Sozialarbeiterin"

Als sie mit 40 Jahren "berentet" wurde, fühlte sich das an wie "Ab auf den Müll", sagt Ingrid A. Dann rappelte sie sich auf und arbeitet heute viel ehrenamtlich. Arm sei sie nicht, so die Berlinerin: "Ich hab' Zeit, das empfinde ich als großen Reichtum."


Werner Berthold, 69: "Arbeiten ist eine einseitige Sache"

Erst als Rentner merkte er, wie wohl man sich fühlen kann ohne Arbeit. Seitdem plädiert er für ein Grundeinkommen für alle und hat ein Buch geschrieben: "Gedanken eines glücklichen Arbeitslosen". Er sagt: "Wenn man arbeitet, kommt man ja gar nicht zum Denken", sagt Berthold.



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