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Rüge der OECD Deutschland produziert zu wenig Top-Talente

Es gibt mehr Studenten in Deutschland als je zuvor - doch im internationalen Vergleich fällt die Bundesrepublik zurück, warnt die OECD: Der Anteil der Hochqualifizierten steige langsamer als in anderen Industriestaaten, Fachkräfte fehlten hierzulande.
Hörsaal in Leipzig: Mehr Studenten, aber noch zu wenig Absolventen

Hörsaal in Leipzig: Mehr Studenten, aber noch zu wenig Absolventen

Foto: Jan Woitas/ dpa

Die Analyse klingt dramatisch: "Deutschlands Beitrag zum weltweiten Pool an Talenten schrumpft rapide." Sie stammt von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), genauer: von Andreas Schleicher. Besser bekannt als "Mr. Pisa", er koordinierte die Pisa-Studien weltweit und kritisierte früher das deutsche Bildungssystem mehrfach scharf, auch wenn er der Bundesrepublik im vergangenen Jahr "Riesenfortschritte" attestierte.

Jetzt hat Schleicher den OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick" vorgestellt, der jährlich erscheint und die Bildungspolitik der Industriestaaten vergleicht - und dieser Vergleich fällt für Deutschland erneut nicht besonders vorteilhaft aus. Zwar studieren in Deutschland mehr junge Menschen als je zuvor, doch im internationalen Vergleich produziert die Bildungsrepublik, die von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Jahren ausgerufen wurde, demnach zu wenige Hochqualifizierte. (Der ganz Bericht ist hier auf der Seite der OECD nachzulesen. )

Die Studienautoren untersuchen, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil von Hochqualifizierten in den einzelnen Ländern entwickelt hat, also wie viele Absolventen von Hochschulen und Berufsakademien es früher gab und wie viele es mittlerweile sind. Sie vergleichen dafür zwei Altersgruppen: Zum einen jene Menschen, die zwischen 55 und 64 Jahre alt sind und bald aus dem Berufsleben ausscheiden; zum anderen solche, die zwischen 25 und 34 Jahre alt sind und am Beginn ihrer Karriere stehen.

Die gute Nachricht ist: Auch in Deutschland haben über die Jahre etwas mehr Menschen die Hochschulen und Berufsakademien mit einem Abschluss verlassen. Mit 2,48 Millionen jungen Hochqualifizierten gibt es demnach ein paar mehr als in der älteren Generation, deren Zahl die Forscher mit 2,46 Millionen angeben.

Warum nicht nur Akademiker fehlen, sondern auch Meister

Die schlechte Nachricht: Das Wachstum fällt der OECD zufolge im Vergleich mit anderen Ländern gering aus. In den Staaten, für die es Daten gab, hat sich die Zahl der Absolventen demnach mehr als verdoppelt: von knapp 40 Millionen auf mehr als 81 Millionen. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben demnach wichtige Konkurrenten auf dem Weltmarkt die Zahl ihrer Studenten und Hochschulabsolventen weitaus stärker steigern und die Zahl der Geringqualifizierten stärker reduzieren können als die Bundesrepublik.

Schon im vergangenen Jahr hatte die OECD kritisiert, dass Deutschland immer noch zu wenig Hochschüler hat, auch wenn die Quote ansteigt. Im damaligen Vergleich schnitt die Bundesrepublik auch nur mittelmäßig ab.

Doch es fehlen in Deutschland nicht nur Akademiker, sondern auch Meister und Techniker sowie andere qualifizierte Fachkräfte, heißt es in dem aktuellen Bericht. Gleichzeitig ist aber die Nachfrage nach Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt wegen der wachsenden Anforderungen in der Wirtschaft weltweit erheblich gestiegen. In keinem anderen Industrieland sei das Bildungsniveau in den vergangenen 50 Jahren "so außergewöhnlich langsam angestiegen" wie in Deutschland, sagte der Bildungsexperte Schleicher.

Dabei sind die Job-Aussichten für Hochqualifizierte gut. Selbst zum Höhepunkt der Wirtschaftskrise 2008/2009 ist demnach die Erwerbsquote von Akademikern in Deutschland weiter gestiegen. Wegen des knappen Angebots an akademischen Arbeitskräften müssen deutsche Arbeitgeber laut Bericht deutlich mehr für diese qualifizierten Beschäftigten zahlen als in anderen OECD-Ländern. Im Schnitt seien dies 20.000 US-Dollar pro Jahr mehr.

Deutschland gibt wenig für Bildung aus - wie kann das sein?

Die Bildungsausgaben liegen in Deutschland nach OECD-Kriterien immer noch deutlich unter dem Schnitt der anderen Industrienationen. Demnach gab Deutschland im Jahr 1995 noch 5,1 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts aus. 2008 waren dies laut Bericht nur noch 4,8 Prozent. Der OECD-Schnitt lag in diesem Jahr bei 5,9 Prozent. Damit lag Deutschland auf Platz 30 unter 36 Industrienationen. Für Studenten gibt Deutschland jedoch mehr aus als der OECD-Schnitt.

Allerdings werden private und öffentliche Bildungsausgaben in der Studie zusammengerechnet. Insofern ist fraglich, wie vergleichbar die Zahlen aus einzelnen Ländern sind. Denn es stehen so ungleiche Systeme wie das dänische Modell dem privatwirtschaftlichen Ansatz der USA gegenüber.

Vor einem Fachkräftemangel in Deutschland warnen Experten schon lange. Nach Überzeugung von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) droht die Entwicklung sich negativ auf den gesamten Arbeitsmarkt auszuwirken. Wenn den Unternehmen Spezialisten fehlten, würden ganze Projekte nicht verwirklicht, sagte die Ministerin. Dann fehlten auch die dazugehörenden Arbeitsplätze für Angehörige anderer Berufe wie Technische Zeichner, Laboranten, Gebäudereiniger oder Pförtner.

Bildungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen räumte ein, dass einiges verbessert werden müsse. "Wir sind noch nicht am Ziel, wir wissen aber auch, wir sind auf den richtigen Weg." Dabei verwies sie darauf, dass es in Deutschland noch nie so viele Studenten gegeben habe wie heute. 84 Prozent der jungen Menschen erzielten einen Lehrabschluss oder hätten das Abitur - zum Vergleich: im OECD-Schnitt 82 Prozent.

Kritik kam von SPD, Grünen und Linken: Das OECD-Zeugnis enthülle die "Bildungsrepublik" als Schönfärberei und Wunschdenken, sagte Kai Gehring, grüner Fraktionssprecher für Hochschulpolitik. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, warf der Regierung einen "Raubbau" an den Länderfinanzen vor. Ohne handlungsfähige Länder sei "der Bildungsaufbruch nicht zu machen". Die Bildungspolitikerin der Linken, Rosemarie Hein, nannte es einen "Skandal, dass eines der reichsten Länder dieser Erde ausgerechnet bei der Bildung knausert".

otr/dpa/dapd
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