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Wissenschaft per Crowdfunding: Niedlich schlägt nerdig

Foto: Arlena Ulrich

Tricks beim Crowdfunding Bitte, bitte gib mir was

Können Sie bei diesen Augen eine Spende verweigern? Eben. Auf der Crowdfunding-Plattform Sciencestarter werben Forscher Geld ein. Ohne Knuddel- oder Nutzfaktor stehen die Chancen für ihre Projekte schlecht.

Die junge Robbe krümmt sich. Seitlich liegt sie auf dem Kiesbett an der Ostsee und ringt mit einem Hustenanfall. Wahrscheinlich sei die Lunge von Parasiten befallen, kommentiert Arlena Ulrich die Szene des Videos .

Die 29-jährige Tiermedizinerin wollte den Infektionsverlauf bei den Tieren untersuchen, im vergangenen April bewarb sie das Forschungsprojekt  bei Sciencestarter , einer Crowdfunding-Plattform für Wissenschaftler. Knapp 2500 Euro hoffte sie dort einzusammeln.

Letztlich überwiesen die Unterstützer ihr 4000 Euro. Kein anderes Projekt kam so deutlich übers Ziel hinaus. "Robben haben große Kulleraugen", sagt die junge Wissenschaftlerin ganz offen. "Das kommt gut in der Öffentlichkeit an."

Als erste deutsche Crowdfunding-Plattform für Wissenschaftler wurde Sciencestarter vor zwei Jahren von der Initiative Wissenschaft im Dialog  gegründet, die vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung finanziell gefördert wird.

Die Crowd zahlt den Flug nach Ägypten

Die Geldsammelei bei Privatpersonen soll eine Alternative zu den herkömmlichen Förderprogrammen sein, bei denen sich Anträge für Forschungsgeld über ein, zwei Jahre ziehen. "Bei uns geht alles recht schnell und eignet sich vor allem für kleinere Projekte", sagt Johanna Kuhnert, die die Projekte bei Sciencestarter betreut.

  • Ein Marburger Masterstudent sammelte 1000 Euro für den Flug und die Übernachtung in Ägypten, wo er an seiner Abschlussarbeit über Atheismus in Ägypten  arbeitete.
  • 5000 Euro brauchte ein Berliner Doktorand für die Anschaffung der Technik für die Messung der Himmelshelligkeit .
  • Und selbst die 18.000 Euro für die Aufrüstung einer Solinger Sternwarte  sind im Vergleich zu gängigen Uni-Projekten gering.

30 Tage Zeit hat jeder Forscher, um genügend Fans für sein Projekte zu begeistern. Wer das schafft, wird für die folgenden 60 Tage der Finanzierung zugelassen. Mehr als die Hälfte der bislang 47 zugelassenen Projekte haben die jeweils anvisierte Summe einsammeln können.

Die erfolgreichen Vorhaben sind oft nützlich oder niedlich: "Reiten für das Klima - energetische Nutzung von Pferdemist " hat das Ziel, eine Biogasanlage für Reitställe zu entwickeln. Eine Biologin will Ameisenbären in Brasilien  vor dem Aussterben retten, und ein Umweltökonom braucht Mittel für eine Erweiterung seines Klimawandel-Brettspiels "Keep Cool ".

"Effekthascherei nach populären Themen"

Um für ihr "Baby", wie sie ihr Robbenprojekt oft bezeichnet, zu werben, hat Arlena Ulrich gerne ihre Freizeit geopfert. Fast eine Arbeitswoche ging für die Produktion des Videos drauf. In Blog-Einträgen musste sie die Reise in eine amerikanische Robbenauffangstation erklären, weil sie nur dort die nötigen Blutproben nehmen könne. Sie musste einen Finanzplan aufstellen und erklären, was am Ende des Projekts herauskommen soll: ein Test auf Lungenparasiten für Robben an der deutschen Küste.

Die Crowd war ihre einzige Chance, die Forschungsreise zu finanzieren. "Es ist so wenig Geld in der Wissenschaft, dass man sich nach neuen Möglichkeiten umschauen muss." Der Deutsche Akademische Austauschdienst  hatte ihrem Antrag auf ein Stipendium eine Absage erteilt.

Der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke beschäftigt sich seit Jahren mit der Bürgerbeteiligung in der Forschung . Der emeritierte Professor an der Universität Bielefeld ist kein Gegner von Sciencestarter - immerhin fließt so Geld in Forschung, die sich für die Belange der Gesellschaft interessiert. Allerdings hätten schwer vermittelbare Ideen kaum Aussichten auf Erfolg: "Es ist Effekthascherei nach populären Themen."

Felix Büsching ist gescheitert. Der Informatiker von der TU Braunschweig hatte versucht, einen Bewegungssensor für alte Menschen zertifizieren zu lassen. Der Sensor hätte deren Gehverhalten analysiert, um zu untersuchen, warum sie stürzen. Von den erhofften 20.000 Euro bekam er nur rund 1200 Euro zusammen.

"Ich bin da recht blauäugig drangegangen", sagt Büsching. Die Beschreibung seines Vorhabens ist so ausgiebig wie verwirrend. Die Erfahrung hat ihn gelehrt: "Ich würde wahrscheinlich mit einem kleineren Projekt starten, das überschaubarer und massentauglicher ist", sagt der Informatiker.

Schlechtes Projekt - oder nur schlecht erklärt?

Projekte können floppen, weil sie schlecht erklärt sind - oder weil sie unnütz oder aussichtslos sind. Wissenschaftstheoretiker Fink hat ein schlechtes Gefühl dabei, diese Entscheidungen allein der Crowd zu überlassen. "Wissenschaft nach Mehrheitsmeinung halte ich für gefährlich", sagt er.

Er würde sich wünschen, dass bei Sciencestarter mehr moderiert werden würde, beispielsweise bei der Frage, ob von einer Ideen nur einige wenige profitieren oder die Gesellschaft vorangebracht wird. "Stattdessen wird so getan, als ob nur das Geld das Problem ist und nicht die Ideen", sagt er.

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Johanna Kuhnert aber: Strenge Vorgaben und Bewertungskriterien gebe es bei den herkömmlichen Förderprogrammen zuhauf. Ihre Plattform sei als Ergänzung zu sehen: "Wir sagen doch nicht, dass wir der alleinige Weg sein sollen, um Forschung zu finanzieren."

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