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Sexismus in der Wissenschaft "Schon wieder shoppen gewesen?"

Babys bedeuten das Karriereende, wichtige Entscheidungen werden im Pub getroffen, und wer sich neue Kleidung kauft, geht lieber shoppen als ins Labor: Fünf Wissenschaftlerinnen berichten von Sexismus am Arbeitsplatz.
Frau am Mikroskop: Männerdominiertes Umfeld

Frau am Mikroskop: Männerdominiertes Umfeld

Foto: Corbis

Es war ein dummer Spruch über zu emotionale Frauen in Laboren, den Nobelpreisträger Tim Hunt am Rande einer Konferenz vor Wissenschaftsjournalistinnen gesagt hatte, dennoch hatte seine abfällige Bemerkung über Frauen in Laboren Konsequenzen. Der Biochemiker musste seine Honorarprofessur am University College London (UCL) aufgeben.

Hunts Bemerkung führte nicht nur zu seinem Rücktritt, sondern lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die Arbeitsatmosphäre in Laboren. Forscherinnen meldeten sich zu Wort und berichteten von einer Welt, die von Männern dominiert werde.

Sexistische Sprüche und Ungleichbehandlung erlebten auch diese Wissenschaftlerinnen aus Großbritannien und den USA, die SPIEGEL ONLINE erzählten, was sie in ihrer akademischen Laufbahn erlebt haben. Einige von ihnen wollen aus Angst vor negativen Konsequenzen am Arbeitsplatz lieber anonym bleiben.

Wissenschaftlerin Palser: "Es spielt keine Rolle, ob jemand eine Familie hat oder nicht"

Wissenschaftlerin Palser: "Es spielt keine Rolle, ob jemand eine Familie hat oder nicht"

Foto: Arturo Kerbel-Stein

Eleanor Palser, Wissenschaftlerin am UCL, London

"Wissenschaft fühlt sich immer noch sehr wie ein 'Boy's Club' an. Kommentare über Frauen in Laboren animieren nicht gerade dazu, in der Wissenschaft zu bleiben. Der Druck zu publizieren, ist sehr hoch. Da spielt es keine Rolle, ob jemand eine Familie hat oder nicht. Studien beweisen auch, dass Frauen zweieinhalbmal qualifizierter als Männer sein müssen, um als gleichqualifiziert zu gelten. Und wenn Wissenschaftlerinnen es mal auf eine Professorenstelle schaffen, dann verdienen sie auch noch weniger Geld als Männer."

UCL: "Die Arbeit von Wissenschaftlerinnen wird ständig angezweifelt"

UCL: "Die Arbeit von Wissenschaftlerinnen wird ständig angezweifelt"

Foto: Daniel Deme/ picture alliance / dpa

Eine andere Wissenschaftlerin am UCL, London

"Wenn ich etwas Neues anhabe, dann bekomme ich zu hören: 'Na, dieses Wochenende schon wieder shoppen gewesen?' Was so viel heißt wie, 'Du warst also nicht im Labor'. Ein Mann würde so etwas nie zu hören bekommen, wenn er mit einem neuen Anzug bei der Arbeit erscheint.

Die Arbeit von Wissenschaftlerinnen wird zudem ständig angezweifelt. Grundsätzlich gehen viele davon aus, dass sie ohnehin irgendwann heiraten, Kinder kriegen und dann die Forschung aufgeben. Auch ist der Glaube verbreitet, dass Frauen nie wieder an ihre wissenschaftlichen Erfolge anknüpfen können wenn sie Kinder haben, weil sie dann 'immer andere Prioritäten wie etwa die Familie' haben werden. Ein Kind zu kriegen, wird als fehlende Hingabe an die Wissenschaft aufgefasst und damit als Karriereende."

Wissenschaftlerin Baker: "Manchmal werden Frauen richtig ausgegrenzt"

Wissenschaftlerin Baker: "Manchmal werden Frauen richtig ausgegrenzt"

Foto: Marianne Baker

Marianne Baker, Mitarbeiterin am Cancer Research UK Centre of Excellence, London

"Ich habe schon Bemerkungen über schwangere Wissenschaftlerinnen gehört, die unmöglich waren: Zum Beispiel hieß es, die Kollegin sei sehr kompetent, aber tue jetzt eben das, was Frauen eben so täten. Mit so einem Kommentar beleidigt man nicht nur Schwangere, sondern alle Frauen. Die akademische Welt ist eben immer noch sehr sexistisch geprägt. Nur 20 Prozent aller Professoren in England sind weiblich. Nicht nur, weil sie Kinder bekommen, sondern auch weil ihnen von naturwissenschaftlichen und technischen Fächern abgeraten wird. Manchmal werden Frauen richtig ausgegrenzt, zum Beispiel, wenn wichtige Entscheidungen an Freitagabenden in Pubs gefällt werden. Wer seine Kinder abholen muss, der wird am Montag vor vollendete Tatsachen gestellt und kann nicht mehr mitentscheiden."

Kelly Hogan: "Sprüche im Tim-Hunt-Stil ertragen"

Kelly Hogan: "Sprüche im Tim-Hunt-Stil ertragen"

Foto: privat

Kelly Hogan, Wissenschaftlerin am Department of Environmental Health Sciences in Ann Arbor, Michigan

"Vor 20 Jahren haben Wissenschaftlerinnen noch verheimlicht, wenn sie schwanger wurden oder geheiratet haben. Oft hatten sie keine andere Wahl als Sprüche im Tim-Hunt-Stil zu ertragen. Wenn der sexistische Kommentar dir galt, dann hast du nichts gesagt. Heute sind die Dinge wesentlich besser, aber es gibt noch viel zu tun: Wir müssen unterrepräsentierte Gruppen in die Wissenschaft integrieren."

Institut (Archivbild): "Wer Kinder bekommt, verliert Zeit"

Institut (Archivbild): "Wer Kinder bekommt, verliert Zeit"

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Wissenschaftlerin am UCL, London

"Frauen haben es hier am Institut sehr schwer. Wer Karriere machen will, muss publizieren. Frauen, die ein Kind bekommen, verlieren mindestens sechs Monate Zeit. Und wenn Männer in Elternzeit gehen, dann wird von ihnen erwartet, trotzdem zu publizieren. Umso schlechter ist dann der Stand von Frauen in der Wissenschaft, wenn Kommentare wie die von Tim Hunt kommen."

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