Sommerjob Sennerin Eine Sportstudentin im Höhenrausch

Wenn das Vieh zurück ins Tal muss, ist der Sommer endgültig vorbei. Nina Strobl, 22, jobbt in den Semesterferien als Sennerin. Vier einsame Monate hat sie hoch oben mit 17 Kühen verbracht, jetzt geht es zurück ins Studium. Am liebsten würde Nina auf dem Berg bleiben.

Von Stefan Brunner


Unten im Tal endet für Ninas Kommilitonen gerade eine Partynacht. Der Disco-Beat wummert noch in ihren tauben Ohren, erschöpft lassen sich die Nachtschwärmer ins Bett fallen. Es ist fünf Uhr morgens im bayerischen Berchtesgaden. Oben auf dem Berg wacht Nina Strobl gerade auf, streckt ihre langen Arme und Beine, wischt sich den Schlaf aus den Augen und schlüpft in Blaumann und Gummistiefel. Der frühe Tag der Sennerin beginnt.

Wie 350 andere Bergromantiker hat sich die Sportstudentin diesen Sommer dem isolierten Almleben verschrieben. Ihre Aufgabe: vier Monate lang die 17 Kühe und Kälber von Bauer Franz Stangassinger auf den Bergen hüten, melken, die Milch zu Käse und Butter verarbeiten.

Nina wirft Holzscheite in den Ofen. "Für das heiße Wasser", sagt die 22-Jährige, "nach dem Melken brauche ich einen starken Kaffee." Dann geht sie hinaus in die Dunkelheit, um die Kühe von der Weide zu holen. "Das genieße ich." Sie schwärmt vom Panorama, wenn die Bergwipfel mit dem ersten Morgenlicht aus der Finsternis hervortreten. Die Nacht hat den Boden feucht und weich gemacht. Unter Ninas kräftigem Tritt formt sich der Morast zu steilen Stufen, hinauf zu den höher gelegenen Wiesen. Dort, in 1300 Metern Höhe auf der Südseite des Jenner, grast das Vieh.

Liebevoll spricht Nina von ihren "Damen", allen Kühen hat sie Namen gegeben. "Rosei" ist das erste Schwergewicht, auf das sie an diesem Morgen stößt. Die Berchtesgadenerin klopft das Fell der Kuh und schreit der Damenrunde weiter oben ein "Guten Morgen" entgegen. "Gamsei, Seugei, Liabei - auf geht’s!"

Heute ist kein Tag wie jeder andere. Heute ist Almabtrieb, ein Festtag, aber auch ein trauriger Tag, weil er das Ende von Ninas "wunderbaren" vier Monaten in den Höhen des Berchtesgadener Nationalparks beschreibt; gleichzeitig das Ende der Semesterferien. Mit feierlichem Zeremoniell werden die Kühe später am Tag geschmückt und ins Tal zurückgeführt. "Morgen muss ich dann nach Innsbruck umziehen." Dort setzt Nina ihr Studium fort, das sie im nahen Salzburg begonnen hat. "Und übermorgen sitze ich schon in der Vorlesung."

Die anderen nennen sie "Heidi von der Alm"

So austauschbar sind die Lebensextreme also? "Mitnichten!" Die Arbeit hier oben bedeute ihr viel mehr als das Studieren. Oberflächlichkeit nennt sie im Zusammenhang mit den Sportstudenten. "Die belächeln mich, nennen mich 'die Sennerin' oder 'die Heidi von der Alm'. Nina sagt da kaum noch einer." Auf dem Berg trage sie doch viel mehr Verantwortung. "Hier muss ich drei Stunden arbeiten, um Käse zu haben. Im Studentenwohnheim in Innsbruck brauche ich nur den Kühlschrank aufzumachen."

Mittlerweile gibt es für Senner-Jobs mehr Bewerber als Almstellen. Was nicht allen klar sein dürfte: Ohne Selbständigkeit und Selbstbewusstsein geht es nicht auf dem Berg. Niemand geht Nina zur Hand, weder bei den mürrischen Kühen noch bei der Käseherstellung. "Die körperliche Anstrengung ist oft brutal", sagt sie und räumt ein: "Natürlich ist es heute leichter, Sennerin zu sein. Ich habe hier ein Auto stehen und kann in der Not jederzeit ins Tal fahren." Selten hat sie davon Gebrauch gemacht, vor allem, um Lebensmittel zu holen. Etwas Zeit war nur am späten Vormittag, denn jeden Nachmittag wiederholt sich die Weide-Stall-Melk-Routine. Und blieb dann noch ein Stündchen, ging die Sportlerin klettern. "Hier gibt es herrliche Touren" - Ninas Augen funkeln.

Ab und zu kam der Bauer, der Eigentümer, der Chef herauf: Franz Stangassinger nahm dann meist Käse oder Milch mit ins Tal. Er kannte Nina schon als Kind und schwärmt von seiner Sennerin. "Sie ist eine ganz Liebe, ein Unikat, fast wie mein eigenes Kind." Im Dialekt klingen die Worte noch herzlicher. Nina ist eine, die anpackt: Als die Kühe nach einigen Wochen alles abgegrast hatten, musste sie mit ihnen für zwei Monate auf die Hochalm in 1600 Metern Höhe ziehen. Dort stand noch frisches Gras, allerdings mit recht hohem Kräuteranteil. So gab es ein neues, anderes Futterproblem. "Die Kühe hatten Zellen, wie man sagt. Die Molkerei im Tal hat das beim Milchtest festgestellt. Ich musste dann allen eine Spritze in den Euter geben."

Inzwischen ist es halb sechs, Rosei und die 16 anderen Vierbeiner sind gefunden. Nina treibt sie zur Almhütte, den besonders Trägen weist sie mit der Gerte die Richtung. Im kleinen Stall neben der Küche bindet sie die Tiere an, wäscht das Euter mit warmem Wasser und melkt vor: Zwei bis dreimal drücken, denn die erste Milch müsse raus, sei nicht gut, so die Expertin. "Außerdem muss ich sehen, ob die Milch weiß ist" - auch ein Gütekriterium. Ein bisschen kuhkörperwarme Milch schöpft sie für sich selbst ab, für den Kaffee um sieben Uhr, und setzt dann die Melkmaschine an.

Etwa zehn Liter Milch gibt heute jede Kuh, zum Sommeranfang waren es noch 20 Liter. Weniger Futter, weniger Ertrag. Ohnehin ist die Haltung von Milchviehherden nicht rentabel. 700 Euro kostet ein Kalb, die Besamung noch einmal 200 Euro, der Transportweg der Milch ins Tal ist lang. Ninas Kühe dienen vor allem der Käseherstellung, dem "Kaasen", das sie vorab in einem einwöchigen Kurs in Wien gelernt hat. Normalerweise macht sich Nina nach dem Kaffee an die drei- bis vierstündige Käseherstellung. Mit 35 Grad kommt die Milch aus dem Euter und wird mit dem Tauchsieder auf 38 Grad erhitzt. Während Nina das Zwischenprodukt mit Buttermilch impft, schickt meist die Sonne ihre ersten Strahlen auf den Watzmann gegenüber.

Mit reichlich Papierblumen ab ins Tal

30 Minuten haben die Milchsäurebakterien Zeit, sich zu vermehren. Dann kommt Lab hinzu, ein Extrakt aus dem Kälbermagen. Binnen einer Stunde wird die Milch dick wie Joghurt. Mit der Käseharfe schneidet Nina dann Ein-Zentimeter-Würfel und gibt diesen "Bruch" in Formen. 20 bis 30 Liter Milch braucht sie, damit ein Käselaib mit 20 Zentimetern Durchmesser herauskommt. Den Käse isst die Vegetarierin selbst oder verkauft ihn an hungrige Wanderer. Die sind beeindruckt vom leckeren Hart- und Schüsselkäse. Und vor allem von Ninas Sennerinnenleben. Mancher hat auf der Wasserfallalm schon geschworen, sich bald selbst als Almhirte zu beweisen.

Das Kaasen gehört zu Ninas Tagesroutine. Doch heute ist alles anders, der Almabtrieb muss vorbereitet werden. Die ersten Helfer blieben schon über Nacht, schliefen in der Stube, auf der Kücheneckbank, auf dem Heuboden, sogar im Stall. Der Rest des Feierpersonals kommt morgens zur Alm gewandert. Man putzt Kuhglocken, fettet Ledergurte, fixiert getürmte Papierblumen am Kopf der Kühe. Die Tradition malt ein buntes Festtagsbild ins Alpenland: Dirndl und Lederhosen, zwei Trompeter, die den "Alpbacher Jodler" in die Berge hinausschicken, ein "Vater unser" der kleinen Abtriebsgemeinde. Gänsehaut allenthalben.

Nina geht in sich versunken von Kuh zu Kuh, nimmt wehmütig Abschied von ihren Damen. Schon gestern hat sie erste Tränen vergossen. Aber heute gibt es keinen Aufschub mehr. Will sie Erinnerungen wach rufen, kann sie künftig lediglich beim Bauern im Tal vorbeischauen - so wie in den Wochen vor ihrem Amtsantritt als Sennerin, als sie das Melken und all die Regeln für den Umgang mit den Kühen lernte.

Doch Nina will nicht ins Tal, sie will nach oben, bald endgültig dem Ruf der Berge folgen. Zehn Minuten von der Hochalm entfernt haben ihre Eltern einen Berggasthof gepachtet. Das Schneibsteinhaus möchte sie übernehmen, wenn der Vertrag in sieben Jahren ausläuft. Dann will sie ihr Wissen aus dem bereits absolvierten Touristikstudium mit der Sportwissenschaft und ihren Bergerfahrungen kombinieren - und Bergführerin werden.

Doch erst einmal geht es heute hinab. Am späten Vormittag setzt sich der feierliche Zug in Bewegung. Beobachtet von begeisterten Wanderern, begleitet von vielen Freunden und Verwandten führt Nina die Kuhherde ins Tal. Dort hat Franz Stangassinger schon Schnitzel und Kartoffelsalat für die Helfer vorbereitet. Auch Ninas Kommilitonen aus der anderen Welt sitzen gerade verschlafen beim Essen. Für sie beginnt ein Tag, der für Nina längst seinen Höhepunkt erreicht hat.



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