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Spanische Schuldenkrise: Der Frust der Forscher

Foto: Juliane Pfordte/ dpa

Verzweifelte Forscher in Spanien Wissenschaftler arbeiten ohne Bezahlung

Harte Zeiten für Forscher im Euro-Krisenland Spanien: Die Sparmaßnahmen treffen die Wissenschaft besonders heftig. Einige wechseln den Beruf, andere gehen ins Ausland - und manche entscheiden sich aus Verzweiflung für die Selbstausbeutung.

Wenig Kohle bei viel Arbeit, wenig Sicherheit bei viel Konkurrenz. So lauten die Klagen junger Wissenschaftler in Deutschland. "Eine verlorene Generation", lautet die Klage der Wissenschaftler in Spanien.

Amaya Moro-Martín geht noch weiter: "Es ist vielmehr eine Generation, die sich verschenkt, denn viele Forscher arbeiten gratis", sagt die Astrophysikerin. Die Wirtschaftskrise in ihrem Land trifft Wissenschaftler hart. Stellen werden gestrichen, neue Jobs sind nicht in Sicht. Einige erhalten Arbeitslosengeld, forschen aber trotzdem weiter. "Stillschweigend, denn legal ist das nicht", berichtet Moro-Martín.

Kürzlich berichtete die Tageszeitung "El País" über eine junge Spanierin, die an ihrer Universität anderthalb Jahre ohne Bezahlung arbeitete, nachdem die Regierung die Finanzierung ihres Projekts eingestellt hatte.

Seit Beginn der spanischen Schuldenkrise hat die Regierung das Forschungsbudget des Landes um fast 40 Prozent gekürzt, berichtet der Dachverband der spanischen Wissenschaftsvereine (Cosce). Ausschreibungen werden verschoben, Genehmigungen von Anträgen ziehen sich hin, ein Jahr dauert es mitunter. Viele Forscher wollen nicht länger warten und finanzieren deshalb laufende Projekte aus der eigenen Tasche.

Versprochene Posten wird es nicht geben

Andere sehen zu, dass sie wegkommen, so wie Moro-Martín. Ihr Leben steckt abgeheftet in zwei dicken Ordnern, 700 Seiten. "Das ist nutzloses Papier. All diese Dokumente, Zeugnisse und anderen Nachweise hätte ich für die Stelle gebraucht, die mir vor fünf Jahren zugesichert wurde", erzählt die 38-jährige Spanierin. Sie sitzt in ihrem Büro des Astrobiologischen Zentrums in der Nähe von Madrid. Das Zentrum gehört zur CSIC, der größten staatlichen Forschungseinrichtung Spaniens.

2008 kehrte die Astrophysikerin mit einem Postdoktoranden-Stipendium nach Spanien zurück, elf Jahre hatte sie vorher im Ausland gelebt. Mit dem Programm sollten Forscher wie Moro-Martín zurückgewonnen und langfristig an die Heimat gebunden werden. Die damalige Ausschreibung versprach, dass eine feste Stelle für ihr Profil geschaffen würde. Doch nun steckt das Zentrum tief in der Krise, den versprochenen Posten wird es nicht geben.

Für die Astrophysikerin endet im Dezember das Kapitel Spanien in ihrem Leben. Moro-Martín wird ab Januar 2014 in einem Forschungszentrum der US-Weltraumbehörde Nasa in Baltimore arbeiten. Zurückkommen würde sie gerne, sagt sie. Aber große Hoffnungen habe sie nicht.

Anderswo sieht es ähnlich aus: Die öffentlichen Forschungseinrichtungen in Spanien schreiben kaum noch feste Stellen aus. Im Jahr 2007 waren es noch 681, jetzt sind es nur noch 15, zeigt eine Aufstellung der Initiative "Investigación digna", zu der sich mehrere Verbände zusammengeschlossen haben. Der Anteil der Staatsausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt lag in Spanien nach Angaben des EU-Statistikamts Eurostat im Jahr 2011 bei 1,33 Prozent, nicht einmal halb so viel wie in Deutschland (2,84 Prozent).

Der Schuldenstand ist so hoch wie noch nie

Die Arbeitslosenquote in Spanien liegt nach Angaben des Nationalen Statistikamts (INE) bei 26,3 Prozent, der Schuldenstand des Landes liegt bei mehr als 90 Prozent - und ist damit so hoch wie noch nie. Auch in anderen Bereichen will das Land dramatisch einsparen: Unter anderem sollen Bahnlinien stillgelegt werden und Renten sollen künftig an die Lebenserwartung gekoppelt werden.

Spanien müsse trotz der Krise in Wissenschaft und Forschung investieren, findet Moro-Martín. Nur so könne erreicht werden, dass die Wirtschaft auf lange Sicht wettbewerbsfähig sei. Wirtschaftsminister Luis de Guindos verteidigte die Kürzungen zunächst als "schmerzhaft, aber notwendig", kündigte aber auch an, dass die Regierung Forschung und Entwicklung im kommenden Budget stärker berücksichtigen und zum Hebel des wirtschaftlichen Wachstums machen wolle.

Für viele käme diese Kehrtwende der Regierung zu spät: Einige Wissenschaftler haben sich bereits aus der Forschung zurückgezogen. Dazu gehört der Zellbiologe Ignacio Blanco. Nach Ablauf seines Vertrages an einem öffentlichen Forschungszentrum beschloss er, einen anderen Weg einzuschlagen. "Der ständige Kampf um Projekte und Gelder, die Zahlungsverzögerungen und die finanzielle Unsicherheit nehmen einem auf die Dauer alle Motivation", berichtet der 30-Jährige. Er lässt sich nun weiterbilden und will sich dann einen Job in der Privatwirtschaft suchen.

Auch die Studenten leiden unter der Krise: Rund 30.000 Studenten droht der Verlust ihres Studienplatzes, weil sie die Gebühren für die Einschreibung oder Rückmeldung nicht zahlen können, meldet die Zeitung "El País". Spanische Unis wollen deshalb "Patenschaften" für mittellose Studenten schaffen. Die Präsidentin der Hochschulrektoren, Adelaida de la Calle, kündigte eine Initiative zur Einrichtung eines Hilfsfonds an, der private Spenden bündeln soll. Die Rektorin sagte gegenüber der Zeitung: "Ebenso wie man eine Patenschaft für ein Kind übernimmt, kann man für einen Studenten einstehen und für ihn die Uni-Gebühren zahlen."

Von Juliane Pfordte, dpa/lgr