Sprachreisen in die USA Absurde Hürden

Kuriose Visa-Vorschriften wurmen Studenten und Geschäftsleute, die einen ganz normalen Englischkurs in den USA buchen wollen. Nur mit viel Zeit, Energie und Sorgfalt gelingt die Sprachreise. Inzwischen raten manche Veranstalter ihren Kunden sogar, auf andere Länder auszuweichen.

Von Bärbel Schwertfeger


Immer Ärger mit dem Visum: Sprachschüler ausgebremst
Silvia Kling

Immer Ärger mit dem Visum: Sprachschüler ausgebremst

Der Weg zum Sprachkurs in den USA ist mühsam. Hat man sich durch die Broschüren der Sprachreiseveranstalter gewühlt und ein passendes Angebot gefunden, kommt der Stress mit dem Visum. Denn jeder, der seine Englischkenntnisse in mehr als 18 Unterrichtsstunden pro Woche verbessern will, braucht ein Studentenvisum - und Angebote unter 20 Stunden gibt es kaum.

Das bedeutet: Er muss erst einmal bei der kostenpflichtigen Nummer 0190/850055 anrufen, um einen Termin für eine persönliche Vorsprache beim Generalkonsultat in Frankfurt oder bei der Botschaft in Berlin zu bekommen. Wer Pech hat, hängt in der teuren Warteschleife (1,86 Euro/Minute). Dann kann es je nach Andrang ein paar Wochen dauern, bis man einen Termin bekommt, auch wenn die US-Botschaft behauptet, derzeit stünden Termine innerhalb von ein bis zwei Tagen zur Verfügung.

Millimetergenaue Vorschriften

Nun muss man verschiedene Anträge ausfüllen. Doch die Vorschriften werden häufig geändert, und wer nicht das jeweils aktuelle Formular parat hat, wird gleich wieder nach Hause geschickt. Auch die Auswahl eines Passfotos sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn die Vorschriften sind millimetergenau. Zum Beispiel: "Der Kopf von der Kinnspitze bis zu den Haaren sollte ca. 25-35 mm groß sein und die Augenhöhe sollte sich ca. 28-35 mm - von der unteren Kante des Fotos gemessen - befinden."

Der Besuch in Frankfurt oder Berlin will gut vorbereitet sein - inklusive Aufbewahrungsort für persönliche Utensilien, denn Handys, Aktenkoffer oder Kinderwagen müssen draußen bleiben. Die Botschaft empfiehlt ernsthaft, die Gegenstände "einem Freund oder Verwandten zu geben, der außerhalb des Geländes auf Sie wartet".

Welche Fragen die Sprachschüler in spe beim Vorsprechen beantworten müssen und welche Ablehnungsgründe es gibt, bleibt ein Rätsel. Die US-Botschaft schweigt dazu. So berichtet der Sprachreise-Veranstalter Carpe Diem in Münster von einer 19-Jährigen, die nach dem Abitur und vor dem Studium ein paar Wochen lang ihre Sprachkenntnisse in den USA verbessern wollte. Sie wurde abgelehnt, weil sie keinen festen Job hat und man daher befürchtete, sie könne als Wirtschaftsflüchtling in den USA bleiben.

Unterricht im Ausland: "Das Procedere ist zu aufwändig"
GMS

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Noch absurder ist die Situation für Geschäftsleute. "Machen Sie mal einem Manager, der zehnmal im Jahr mit einem Touristenvisum für mehrere Wochen in die USA reist, klar, dass er für einen einwöchigen Sprachkurs ein Studentenvisum braucht", sagt Rüdiger Ulrich, Produktmanager beim Carl Duisberg-Center (CDC) für Sprachreisen.

Die Regelung habe vor allem bei Firmenkunden erhebliche Auswirkungen, bestätigt auch Joachim Pitsch, Geschäftsführer der Freiburger Dialog-Sprachkurse: "Die schicken ihre Mitarbeiter nicht mehr zum Sprachkurs in die USA, weil das Procedere zu aufwändig ist." Schließlich könne man nicht von einem Mitarbeiter in Garmisch verlangen, dass er sich einen Tag frei nimmt und nach Frankfurt oder Berlin fährt, um dort zu erklären, warum er seine Englischkenntnisse in New York verbessern will.

Tricksen ist heikel

Absurd ist dabei vor allem die 18-Stunden-Regel. Warum kann ein Sprachschüler, der nur zehn Stunden in der Woche Englisch büffelt, mit dem normalen Touristenvisum einreisen, während der Teilnehmer eines normalen 20-stündigen Standardkurses ein Studentenvisum braucht? Auch dazu schweigt die US-Botschaft.

Wer dennoch versucht, mit einem normalen Touristenvisum einzureisen, kann schnell das Nachsehen haben. Denn die US-Sprachschulen sind verpflichtet, bereits im Vorfeld die Daten ihrer Sprachschüler an die Einwanderungsbehörde weitergeben. Sieht der Einreisebeamte, dass jemand bei einem Sprachkurs angemeldet ist, so kann er ihn gleich wieder auf eigene Kosten zurückschicken.

Allerdings ist selbst das Visum keine Garantie für die Einreise. "Die Einwanderungsbehörde in den USA besitzt das Recht, die Einreise zu verweigern. Sie entscheidet ebenfalls, wie lange der Besucher in den Staaten bleiben darf", heißt es.

"Die Leute suchen sich andere Ziele"

Für die amerikanischen Sprachschulen sind die Regelungen natürlich eine Katastrophe. Die ersten Schulen mussten bereits schließen. "Da bricht eine ganze Industrie zusammen", sagt CDC-Manager Ulrich.

Doch ein Ende ist nicht in Sicht. Selbst die Bemühungen des Fachverbandes Deutscher Sprachreise-Veranstalter, die US-Behörden zu einer Änderunge der Bestimmungen zu motivieren, blieben erfolglos.

"Auf kurz oder lang wird das zum Knock-out-Kriterium für Sprachreisen in die USA", glaubt Torsten Pankok, Marketingmanager bei Carpe Diem-Sprachreisen. "Die Leute suchen sich einfach andere Ziele."

Etliche Veranstalter raten daher inzwischen von Sprachreisen in die USA ab und empfehlen stattdessen zum Beispiel einen Kurs in Kanada. Denn dort wurden die Einreisebestimmungen sogar erleichtert - EU-Bürger können hier sogar ein halbes Jahr ohne Visum studieren.



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