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Strafarbeit Warum Junglehrer an der Schule verzweifeln

Nach dem Studium erleben viele Referendare einen holprigen Berufsstart. Niemand an der Uni hat sie auf das Unvermeidliche vorbereitet: den Unterricht mit schwierigen Schülern. Und prompt ereilt sie der Praxisschock im Klassenzimmer - ein Report aus deutschen Schulen.
Von Christian Siepmann

Die 30 Siebtklässler wollen keine Ruhe geben. Sie tuscheln und tuscheln, einige haben sich zu Mitschülern umgewendet, andere beschießen sich mit Papierkügelchen. Anne Gurk muss jetzt durchgreifen. "Basti, wir sehen uns nach der Stunde", ruft sie, als sie das zweite Kreuz wegen Störens hinter dem Namen des blonden Jungen einträgt. Zur Strafe wird er ein vierstrophiges englisches Gedicht schreiben müssen.

"Sanktionen zu verteilen habe ich erst im Referendariat gelernt", sagt die blonde Münchnerin, ein silbernes Sternchen-Piercing blitzt auf ihrem linken Nasenflügel. Drei Viertel des in Bayern zweijährigen Vorbereitungsdienstes hat die 29-Jährige hinter sich. Derzeit unterrichtet sie 13 Wochenstunden Englisch und Deutsch am Carl-Spitzweg-Gymnasium in Germering, einer Schlafstadt des Münchner Speckgürtels.

Knapp 40.000 Menschen leben hier, manche in einem der vielen dichtgedrängten Reihenhäuschen, andere in Betonblocks aus den siebziger Jahren. Das Spitzweg-Gymnasium besuchen 1200 junge Germeringer. Eine gewöhnliche Schule - für Anne Gurk jedoch bis vor kurzem unbekanntes Terrain.

Mittelhochdeutsch fließend, Pädagogik holprig

Ihr Start ins Berufsleben nach knapp sieben Jahren Uni verlief holprig. "Ich wusste nicht einmal, wie ich im richtigen Tonfall die Klasse begrüße", erinnert sich Gurk, es graust sie immer noch, wenn sie an ihre erste Stunde im Klassenzimmer denkt. Den Unterrichtsstoff, wie etwa King Arthur und die Ritter der Tafelrunde, den konnte sie sich anlesen. Doch am allerwenigsten war sie auf das vorbereitet, was unvermeidlich zu jeder Schule gehört: Schüler.

Wie sie erfolgreich den Unterricht steuern kann, Themen didaktisch so aufbereitet, dass die Schüler sie auch verstehen, mit welchen Tricks sich die Klasse disziplinieren lässt, das alles hat sie die Uni nicht gelehrt. "Das Studium hat mich darauf vorbereitet, im Referendariat vor Walther von der Vogelweide zu bestehen, nicht vor Schülern", sagt die angehende Gymnasiallehrerin.

Fließend Mittelhochdeutsch lernte Gurk in ihrem Lehramtsstudium: Englisch und Deutsch in München und Dublin. Gerade mal drei Stunden unterrichtete sie in all der Zeit an einer Schule, als Teil studienbegleitender Praktika.

Wie Anne Gurk ergeht es Tausenden von Lehramtsabsolventen, die im Halbjahrestakt von den Hörsaalbänken an die Lehrerpulte wechseln. Einerlei, ob sie Sprachen, Sozialwissenschaften, Mathe oder Sport studiert haben: In stickigen Klassenzimmern vor lärmenden Kindern dämmert ihnen zum ersten Mal, welchen Job sie da eigentlich gewählt haben - der Praxisschock ist groß.

Natürlich, Berufsanfänger aller Fachrichtungen berichten von Reibereien und Irrwegen beim Start in den Job. Aber anders als Betriebswirten oder Juristen müsste es angehenden Lehrern noch vor ihrer allerersten Vorlesung klar sein, womit genau sie sich später einmal befassen werden. Angesichts der klaren Zukunftsperspektive ist es erstaunlich, wie schlecht ihre Ausbildung sie bisher darauf vorbereitet - zum Leid der Schüler und der Junglehrer selbst.

An der Didaktik hapert es

Woran liegt es? "Die Fachdidaktik wird derzeit an den Unis nicht ausreichend vermittelt", sagt Ewald Terhart, Pädagogikprofessor und Schulexperte an der Uni Münster. Sein Kollege Wilfried Schubarth von der Uni Potsdam bemängelt, dass viele Schulen sich nicht darum bemühten, den eigenen Lehrernachwuchs weiterzubilden. Und Hans Gerhard Neugebauer, Leiter eines Studienseminars in Leverkusen, wo angehende Lehrer parallel zum Referendariat berufspraktisch ausgebildet werden, sieht das Problem in der "Unverbundenheit der beiden Ausbildungsphasen".

Dass Handlungsbedarf besteht, haben auch die Hochschulpolitiker erkannt. Sie doktern derzeit kräftig am Aufbau des Lehramtsstudiums herum. Bis auf das Saarland und Sachsen-Anhalt beabsichtigen nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz alle Bundesländer, die für die übrigen Studiengänge vorgesehenen neuen Abschlüsse Bachelor und Master auch in der Lehrerbildung einzuführen.

Und einige Länder wie Nordrhein-Westfalen nutzen die Umstellung dazu, den Weg in den Lehrerberuf zu reformieren. Vom Wintersemester 2011/12 an soll im schüler- und studentenreichsten Bundesland während des Masterstudiums ein einsemestriges Schulpraktikum Pflicht sein. Dafür wird das Referendariat auf 18 Monate verkürzt.

Überforderte Junglehrer bleiben sich selbst überlassen

Im föderalen deutschen Bildungssystem werkelt jedes Kultusministerium einzeln vor sich hin. Was die Studenten bis zum zukünftigen Master-Abschluss gelernt und geübt haben, variiert stark. Der Wechsel in ein anderes Bundesland, manchmal unerlässlich, um der schwankenden Nachfrage nach Lehrern zu folgen, wird so gehörig erschwert.

Blick ins Klassenzimmer: der Schulalltag ist für viele Lehrer ein Schock

Blick ins Klassenzimmer: der Schulalltag ist für viele Lehrer ein Schock

Foto: DPA

Das Reformchaos belegt eine fatale Tendenz der deutschen Lehrerausbildung: Es wird traditionell viel über Studienstrukturen und -abschlüsse gestritten, wenig über die Inhalte. Im Oktober 2008 einigte sich die Kultusministerkonferenz (KMK) auf ländergemeinsame Fachprofile im Lehramtsstudium. Sie beschreiben, was Studierende am Ende ihres Studiums wissen und können sollen.

Das ist ein Fortschritt, doch allzu greifbar ist er nicht geraten. Andreas Keller, Hochschulexperte bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), kann ausgerechnet bei den wichtigen Didaktik-Standards nur "dürftige Stichwörter" feststellen.

Wie erreicht und tröstet man Kinder?

Die Junglehrer sind weitgehend sich selbst überlassen - und dem Rat ihrer Kollegen. Daniela Knieriem, 29, steht in einem gelb tapezierten Raum vor den 31 Schülern der Klasse 5c des Montessori-Gymnasiums in Köln-Bickendorf. Auf den Tischen der Schüler liegen bunte Glücksbringer, mal ein Playmobil-Polizist, mal ein braunrosa geschecktes Plastikschwein. In der Biologiestunde geht es um die Freilandhaltung von Hühnern.

Knieriems Ausbildung dauert nur noch wenige Tage, sie wird schon wie ein Routinier eingesetzt. Aus der letzten Sitzreihe schaut Referendarin Christine Steinberg, 29, zu, um sich Knieriems Didaktik-Kniffe abzugucken. Eben noch musste sie mit dem kleinen Jan vor die Tür gehen und ihn trösten - seine Katze war am Morgen gestorben. Wie man in solchen Momenten an ein Kind herankommt, dass es solche Situationen überhaupt geben kann, darauf hatte sie ihr Lehramtsstudium für Italienisch und Biologie in Bologna und Köln nicht vorbereitet.

Das Unterrichten sollen angehende Lehrer in drei Schritten lernen, das ist in fast allen Bundesländern so: Erst hospitieren sie bei Kollegen, die bereits Routine haben. Dann unterrichten sie selbst unter deren Beobachtung. Schließlich machen sie ihren eigenen Unterricht, ohne Hilfestellung.

Doch trotz dieser behutsamen Steigerung im Referendariat überwältigt die Junglehrer nach Jahren oft lockeren Studiums vor allem eines: chronische Arbeitsüberlastung.

Oft 70-Stunden-Woche für Referendare

"Ich habe eigentlich immer gearbeitet, manchmal bis in den frühen Morgen", erzählt Daniela Knieriem. Unter angehenden Lehrern gilt die Faustregel, dass sie sich für jede Schulstunde mindestens zwei Stunden lang vorbereiten müssen, manchmal auch drei oder vier. Hinzu kommt der Besuch verpflichtender Ausbildungsseminare. 60- oder 70-Stunden-Wochen sind nicht ungewöhnlich, manchmal bleibt wenig Zeit für Schlaf.

"Faule Säcke", so zog der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder über Lehrer her - auf Referendare jedenfalls trifft die Schmähung nicht zu. In Bayern beispielsweise unterrichten angehende Gymnasiallehrer im zweiten und dritten Halbjahr ihrer Ausbildung bis zu 17 Wochenstunden, ein strammes Programm.

Das Kultusministerium hält die Höhe der Unterrichtsverpflichtung für angemessen. Für Ilse Schaad, Tarifexpertin der GEW, ist sie "Ausbeutung billiger Arbeitskräfte" durch den Staat. Obwohl bayerische Referendare rund zwei Drittel des Pensums ihrer Kollegen bewältigen, verdienen sie weniger als 1300 Euro im Monat ohne Familienzuschlag, gerade mal 40 Prozent von dem, was fertig ausgebildete und verbeamtete Gymnasiallehrer nach Hause tragen. Außerdem wird ihre Arbeitsleistung auf den Stellenbedarf an Bayerns Schulen angerechnet. Nach dieser Logik nehmen sich die künftigen Lehrer ihre Arbeitsplätze selbst weg.

Das Referendariat als permanenter Ernstfall

Während sie das Unterrichten lernen, werden die Referendare permanent geprüft und bewertet. Es ist nicht die Zeit des Ausprobierens, des Spielens mit eigenen Ideen, mit den eigenen Talenten. Es ist der permanente Ernstfall, denn von diesen Beurteilungen hängt die Gesamtnote ab - und damit die Zukunftschancen. Kaum ein Junglehrer hält diese Dauerprüfung an sich für verwerflich, jedem ist klar, dass es künftigen, gutbezahlten Staatsdienern kaum erspart bleiben kann, unter Druck und Beobachtung zu bestehen.

Allerdings beklagen sich viele Referendare über die Willkür ihrer Gutachter, denn beurteilt wird eine sehr spezielle Form des Unterrichts: die Lehrprobe. Unter den gestrengen Blicken einer Riege von Prüfern in der letzten Bankreihe sollen die Anfänger in einer einzigen Stunde all das zeigen, was manch fertig ausgebildeter Lehrer in seiner ganzen Laufbahn nicht schafft: variierende Unterrichtsmethoden, hervorragende Fachkenntnisse, eine überzeugende Lehrerpersönlichkeit.

Referendare in der Mühle: "Nur wer gute Nerven hat, kommt durch"

Aber was, wenn die Schüler in dieser Stunde nicht in Topform, wenn sie unausgeschlafen sind? Was, wenn die Prüfer ein mieses Wochenende hatten? In Bayern müssen angehende Lehrer drei solcher benoteter Lehrproben über sich ergehen lassen. Ins Gewicht fällt auch das Abschlussgutachten der Schule. Nach welchen Kriterien es erstellt wird, erfährt der Nachwuchs in vielen Fällen nicht.

"Es fehlt an Transparenz", beklagt Daniela Knieriem. "Dabei wird uns ständig ins Hirn gedonnert, dass unser Unterricht und die Bewertung der Schüler transparent sein müssen." Es habe sich gezeigt, dass "Referendare nach Kriterien beurteilt werden, die nicht wissenschaftlich standardisiert, sondern eher handgestrickt sind", sagt Pädagogikprofessor Terhart.

Für den Junglehrer heißt das, dass er sich an die Vorstellungen der Altvorderen anpassen muss, auch wenn diese sich seit Jahren nicht mehr geändert haben. "Einmal musste ich mich die längste Zeit einer Nachbesprechung dafür rechtfertigen, dass ich einem Schüler sein heruntergefallenes Federmäppchen aufgehoben hatte, denn das passte nicht ins Lehrerbild eines der Prüfer", berichtet eine Referendarin aus Bayern.

"Meine Nerven sind ruiniert!"

In diversen Internet-Foren wird Junglehrers Leid ausgetauscht, beispielsweise die Versetzung in ungeliebte Provinzkaffs. "Es kann nicht angehen, dass ich so lange studiert habe, dann ins letzte Loch geschickt werde", beschwert sich ein Diskutant bei Referendar.de, dem Zentralorgan des Berufsstands. Ein Kollege bekommt einfach "keinen Draht zu den Kids", ein anderer klagt über die "Müttermafia", die ihr eigenes Versagen auf die Lehrer projiziere.

Carolin, die das Referendariat gerade hinter sich hat, zieht eine ernüchterte Bilanz: "Ich bin zehn Kilogramm leichter, und meine Nerven sind ruiniert! Mein Mann und meine Tochter sind noch bei mir, das sah aber eine ganze Zeit recht übel aus! Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Gefühltes Alter: 55! Tatsächlich: 27!"

Viele halten es nicht so lange durch. Fast jeder Junglehrer kennt mindestens einen Leidensgenossen, der das Referendariat abbricht. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. "Ein Mensch sucht sich zwar seinen Beruf, aber der Beruf sucht sich auch seine Menschen", so beschreibt Ewald Terhart das Phänomen.

Bundesländer buhlen um Junglehrer

Eigentlich sind die Jobaussichten gut. Allein von 1999 bis 2007 fanden jährlich mehr als 20.000 Lehramtsbewerber ihren Platz an öffentlichen deutschen Schulen, oft gab es deutlich mehr Einstellungen als Absolventen des Referendariats, auch Seiteneinsteiger erhielten ihre Chance. Sprich: Wer es schaffte, sich durch den Vorbereitungsdienst zu beißen, hatte die Stelle.

Doch die Nachfrage nach Junglehrern schwankt, manche fühlen sich an den berühmten Schweinezyklus erinnert. Werden Kräfte gesucht, entscheiden sich viele Studienanfänger für ein Lehramtsstudium. Haben sie dann aber die akademische Ausbildung und das Referendariat endlich hinter sich gebracht, ist die Nachfrage gesunken.

Das schreckt wiederum neue Anfänger ab, die dann einige Jahre später fehlen. Hessen etwa warb im letzten Jahr mit der aufwendigen Kampagne "Hauptrollen in Hessen zu vergeben" und zog mittels günstigerer Bedingungen Kandidaten aus ärmeren Bundesländern ab.

"Kritik nicht so persönlich nehmen"

Wer gerade vor der Studienwahl steht, sollte sich von solchen Botschaften nicht täuschen lassen. Wie seine Jobchancen in ein paar Jahren stehen, darüber sagt die heutige Jagd auf Lehrer nichts aus. Die KMK erstellt im Moment keine deutschlandweiten Prognosen, die Zukunft ist kaum planbar. Denn ständig drehen die Bildungspolitiker an Stellschrauben wie der Schülerzahl pro Klasse, dem Stundenkontingent der Lehrer oder der Länge der Schulzeit.

Bayerns Kultusministerium etwa prophezeit, dass bereits 2011 das Lehrerangebot den Bedarf der Gymnasien übertreffen wird. Die Aussichten sind dann abhängig von den studierten Unterrichtsfächern. Dasselbe gilt auch für Nordrhein-Westfalen, wo bis 2012 jährlich mehr als 2000 Lehrer an Gymnasien und Gesamtschulen neu eingestellt werden sollen; danach werden wohl nur noch wenige hundert im Jahr gebraucht.

Christine Steinberg sitzt nach der Biologiestunde an einem der sieben Gruppentische im Lehrerzimmer des Kölner Montessori-Gymnasiums. Vor ihr auf dem Tisch liegen stapelweise Arbeitsblätter, Schulbücher und eine Packung Emser Pastillen. Neonröhren verströmen ihr kühles, grünliches Licht, durch die lange Fensterfront fällt der Blick auf die graue Waschbetonwand einer Turnhalle.

Ihr mache die Arbeit mit Schülern Spaß, sagt Steinberg. Und das solle auch in den noch ausstehenden eineinhalb Jahren Referendariat so bleiben. "Man muss unbedingt lernen, Kritik und Bewertungen nicht so persönlich zu nehmen", sagt sie. Stress machen sich angehende Lehrer allerdings auch untereinander. "Einer Mitreferendarin habe ich schon gesagt: Ich muss mich von dir fernhalten, du tust mir im Moment nicht gut", erzählt Steinberg.

Und sie will sich immer wieder darauf besinnen, was Daniela Knieriem in der Rückschau über ihr Referendariat sagt: "Nur wer gute Nerven hat, kommt durch."

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