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Streit über Juniorprofessur Pulverdampf, Triumphgeheul, Trotzreaktionen

So viel Aufruhr war an Deutschlands Universitäten selten. Nach dem Karlsruher Urteil zur Juniorprofessur wankt Bildungsministerin Bulmahn, Unionspolitiker jubeln, und junge Forscher bangen um ihre Zukunft. "Jetzt erst recht!", schwören manche Juniorprofessoren - mehr als nur eine Duchhalteparole.

Seit das Bundesverfassungsgericht am Dienstag entschieden hat, dass die bundeseinheitliche Einführung von Juniorprofessuren verfassungswidrig sei, herrscht Verwirrung an Deutschlands Hochschulen. Wer im Bildungsbereich etwas auf sich hält, hat in den letzten zwei Tagen eine eigene Stellungnahme zur Juniorprofessur in die Umlaufbahn geschossen. Da fürchten junge Wissenschaftler um ihre beruflichen Chancen, grimmige alte Herren feiern einen Sieg über die Freunde von Uni-Reformen, einige Länderminister hoffen auf eine völlige Entmachtung von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn.

Weit davon ist die SPD-Politikerin nicht entfernt. Das Karlsruher Urteil ist mehr als nur eine vorübergehende Schlappe - es stellt die bildungspolitischen Zuständigkeiten des Bundes insgesamt in Frage. Welches der rivalisierenden Systeme, Juniorprofessur oder Habilitation, besser ist, war dabei kein Thema für die Richter. "Wir haben uns nicht damit befasst, ob die Juniorprofessur sinnvoll ist", sagte Vizepräsident Winfried Hassemer bei der Urteilsverkündung. Schon gar nicht wollte sich das Gericht in die Politik einschalten oder Vorgaben für die Föderalismuskommission machen, die gerade über der Neuordnung der Kompetenzen von Bund und Ländern brütet.

Aber genau das hat die Mehrheit der Richter - das Urteil fiel mit fünf gegen drei Stimmen - jetzt erreicht. Bulmahn steht vor einem Scherbenhaufen. Was der Bund in der Bildungspolitik überhaupt noch darf, ist ungewiss - nahezu nichts, jubeln schon ihre zahlreichen Gegner in den Bundesländern. Das Gericht hat klargestellt, dass der Bund in Rahmenregelungen auf Detailvorschriften verzichten müsse. Diese Linie bedeutet für die Bildungsministerin ein schlechtes Signal. Denn die Entscheidung über eine zweite Verfassungsklage zum Hochschulrahmengesetz steht noch aus und wird für Anfang 2005 erwartet. Darin wehren sich einige Länder gegen das bundesweite Studiengebührenverbot sowie die Verankerung Verfasster Studentenschaften.

Watschentag für Bulmahn

Unüberhörbar ist das Triumphgeheul aus jenen unionsregierten Ländern, die alle Initiativen aus dem Hause Bulmahn stets erbittert bekämpfen: Die Richter hätten "dem Bund eindrucksvoll und klar die Schranken aufgezeigt", so Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber. Sein Wissenschaftsminister Thomas Goppel sekundierte, Bulmahn sei "auf der Nase, nein, auf dem Steiß gelandet", wie die "Zeit" Goppel entlockte. Thüringens Justizminister Harald Schliemann sagte, das Urteil sei "ein Meilenstein im Kampf der Länder um den Erhalt ihrer Eigenständigkeit, wir sind deshalb froh über dieses Stopp-Signal aus Karlsruhe".

Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg frohlockte über die "massive und dabei völlig verdiente Quittung für die verfehlte Hochschulpolitik", Ministerpräsident Erwin Teufel sprach von einer "schallenden Ohrfeige". Und die FDP-Politikerin Ulrike Flach forderte Bulmahn nach dem "Waterloo" gar zum Rücktritt auf; sie habe "die Warnsignale ignoriert und sollte die Konsequenz ziehen".

Solche Reaktionen machen deutlich, worum es ging - ums Prinzip, um einen Landgewinn im endlosen Stellungskrieg zwischen Bund und Ländern. Worum es nur ganz am Rande ging: den richtigen Weg zur ersten Professur für junge Wissenschaftler. Denn für ein gar so schlimmes Übel halten selbst die Kläger-Länder die Juniorprofessur nicht. So teilte das bayerische Wissenschaftsministerium gleich nach dem Urteil mit: "Generell befürworten wir aber die Juniorprofessur." Auch Sachsen sieht sie künftig als gleichwertige Qualifikation neben der Habilitation. Neun Bundesländer haben die Juniorpfessur ohnehin längst in ihren Gesetzen verankert.

Rückfall in die Kleinstaaterei

Das Monopol der Juniorprofessur, die ab 2010 die Habilitation komplett ersetzen sollte, ist allerdings gebrochen. Bulmahn kündigte an, das Hochschulrahmengesetz rasch zu novellieren. Die Juniorprofessur solle jungen Wissenschaftlern bessere Karriereperspektiven bieten und sei durch das Urteil nicht generell in Frage gestellt, verteidigte sie ihr Vorhaben - andernfalls bestehe die Gefahr, dass "Deutschland für junge Wissenschaftler an Attraktivität verliert".

Die Kontrahenten werden sich zusammenraufen müssen, und das zügig. Gelingt das nicht, so sind die Nachwuchsforscher Opfer des Hickhacks. Womöglich werden sie dann leichter von Niedersachsen nach Frankreich oder Spanien wechseln können als nach Bayern. Denn schnell könnte es zu einem Flickenteppich kommen: Ein Land setzt allein auf Juniorprofessuren, die Nachbarn halten an der Tradition der "Habil" fest. Schon sind die Qualifikationswege nicht mehr kompatibel - und Juniorprofessoren schauen in die Röhre.

Die Länder geben sich indes alle Mühe, die verunsicherten jungen Wissenschaftler zu beruhigen: Beide Wege sollen zur Professur führen, der Wettbewerb werde es schon richten. Voraussetzung dafür sind allerdings gleiche Chancen für alle Kandidaten. Daran dürfte es hapern. Für die Berufung auf die erste Professur zählt die Forschung weit mehr als die Lehre. Aber Juniorprofessuren haben oft eine schlechtere Ausstattung und weniger Zeit für Forschung, weil sie stärker in der Lehre eingespannt sind als Habilitanden.

Überdies sind die deutschen Universitäten nicht gerade für ihre Biegsamkeit berühmt. Genauer: Sie lieben Traditionen, sie hassen frischen Wind, sie scheuen Veränderungen, und nichts macht Professoren nervöser als Statusfragen. Über Neuberufungen entscheidet in der Regel ein Zirkel strukturkonservativer Lehrstuhlinhaber, allesamt selbst habilitiert. Warum also sollten sie den alten Zopf Habilitation aus freien Stücken abschneiden und die neuen Juniorprofessoren zum Zuge kommen lassen?

Totgesagte leben länger

Manche der bundesweit 933 Juniorprofessuren scheinen fest entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Sie wissen schon eine Antwort: "Weil wir mehr können und weil uns die Zukunft gehört." Das sagt zum Beispiel Henning Zülch, 31, seit Oktober 2002 einer von sechs Juniorprofessoren an der kleinen TU Clausthal. "Die Karlsruher Entscheidung ist auch die Chance zu beweisen, dass Juniorprofessoren wettbewerbsfähig sind", so der Experte für Internationale Bilanzierung.

Zülch ist fest überzeugt von den Stärken der Juniorprofessoren: "Wir arbeiten nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis, sondern selbstständiger und damit motivierter. Wir können selbst Forschungsanträge einreichen und halten eigene Vorlesungen. Wir sind ein neuer Typus des Professors - jung, dynamisch, mit Managerqualitäten."

Henning Zülch lässt Kampfgeist aufblitzen. Für ihn ist die Wissenschaft der Traumberuf schlechthin. Mit 29 Jahren ist er wegen der Juniorprofessur an der Uni geblieben und nicht in die Wirtschaft abgewandert, zusammen mit anderen Kollegen will er Lobbyarbeit leisten. "Jetzt erst recht", ist sein Schwur, "wir werden uns durchsetzen."

Nicht alle Juniorprofessoren blicken so zuversichtlich in die Zukunft - zumal es schon einmal einen ähnlichen Versuch gab, die akademische Bastion der Habilitation zu schleifen, doch die "Assistenzprofessur" ging 1976 baden. Just an das amerikanische Modell des Assistant Professor lehnt sich auch der neue Juniorenstatus an. Doch manche Juniorprofessoren schreiben nebenher bereits an einer dickleibigen Habilitation: lieber zweigleisig fahren, man weiß ja nie. Die Gefahr, dass die Gelehrtengemeinde sie später als Wissenschaftler zweiter Klasse beargwöhnen wird, ist real.

Danke für nichts, Papa

Die Junioren kritisieren nicht allein das Lebenszeit fressende opus magnum, das große Werk jedes Habilitanden: "Dieses Buch kostet einen Jahre, und in internationalen Kreisen liest es - gerade wenn es auf Deutsch ist - niemand", so Claudia Kemfert, 35, die als bundesweit erste Juniorprofessorin auf eine C4-Professur in Berlin berufen wurde. Ebenso ärgert die Junioren auch die Verklärung jener Abhängigkeit, die konservative Standesvertreter gern Förderung nennen - eine Art gütiger Patron hält demnach schützend die Hand über den unerfahrenen und forschen Jungforscher.

Solche akademische Folklore kann Michael H. Grote nicht mehr hören: "Jetzt reicht's!", schreibt der Frankfurter Juniorprofessor für Mergers & Acquisitions in einer wütenden Stellungnahme, "wir sind Anfang dreißig. Wir haben eine hervorragende Ausbildung genossen. Wir gehören in aller Regel zu den besten unserer Jahrgänge. Kommilitonen haben leitende Stellen in Unternehmensberatungen, Investmentbanken, großen Forschungsorganisationen und internationalen Institutionen. Niemand von uns braucht einen Beschützer! Wir wissen, was wir können, wir wissen, was wir wollen, und wir können uns durchsetzen! Wir lehnen das Angebot des Schutzes dankend ab."

Grote wirft den Altvorderen vor, ihnen gehe es allein um die Sicherung ihrer Pfründe - weil sie bei Wegfall der Assistentenstellen wieder mehr Lehre und Arbeit am Lehrstuhl selbst erledigen und weil die Mittel auf mehr Köpfe verteilt werden müssten. Nun sei es den Ländern gelungen, dem Bund ein Schnippchen zu schlagen, so der 34-Jährige. An eine vernünftige und rasche Einigung zwischen den Streithähnen mag er nicht recht glauben: "Mal schauen, wie lange es dauert. Mal schauen, wie faul der Kompromiss wird. Mal schauen, wer noch kommt, auf eine solche Position. Mal schauen, wer bleibt."

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