Stress im Job Autsch, mein Gehirn!

Stress kann einem nicht nur auf Herz und Magen, sondern auch auf den Kopf schlagen. Der Konstanzer Psychologie-Professor Thomas Elbert erforscht, wie sich unter sozialem Druck das Gehirn verändert. Die erschreckende Erkenntnis: Stress lässt das Hirn schrumpfen.

Von Frank van Bebber


Der Schweiß fließt, das Herz rast, der Magen brennt: Mit klassischen Stresssymptomen drängen Akademiker in die Arztpraxen. Keiner aber sitzt im Wartezimmer und stöhnt: Autsch, mein Gehirn. Ausgerechnet beim wichtigsten Organ wirkt sich Stress so schleichend aus, dass Betroffene es zuerst gar nicht merken. Dabei sind Forscher wie der Konstanzer Psychologie-Professor Dr. Thomas Elbert längst sicher: Dauerstress hat im Gehirn dramatische Folgen. Stresshormone beeinflussen nicht nur den Körper, lösen etwa Zittern aus, sondern verändern auch das Gehirn.

Stress bei der Arbeit: Eine zu hohe Belastung kann das Gehirn verändern
DPA

Stress bei der Arbeit: Eine zu hohe Belastung kann das Gehirn verändern

"In gewissen Hirnbereichen schrumpft die Struktur und die Verästelungen werden weniger", sagt Elbert, Mitglied einer Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema Stress. Die Psychologen vertrauen längst nicht mehr nur auf Befragungen. Mit moderner Technik schauen sie Menschen und Tieren ins Gehirn. Sie haben weniger die Stressauslöser im Visier. Entscheidend für die Folgen sei die Reaktion auf diese, sagen sie. Die Fähigkeit, sich anzupassen, ohne sich kaputt zu machen.

Anpassung kostet Kraft: Ständigen Wechsel zwischen kalt und heiß überleben Tiere weniger lang als nur heiß oder nur kalt. Ein Effekt, der nicht nur bei körperlicher Belastung eintritt, auch sozialer Druck hat Folgen. Bei Affen beeinträchtigt der dauernde Kampf um die soziale Stellung in der Gruppe die Funktion und Struktur der für das Gedächtnis relevanten Bereiche des Gehirns, wie etwa des Hippocampus. Beim Menschen sind ebenso Folgen nachweisbar. "Wir beobachten massive Effekte", sagt Elbert. "Das gilt dann auch für geistige Leistungen."

Unter Stress verändert sich das Gehirn

Ein Wissenschaftler müsse etwa Vorlesungen vorbereiten, mit Kollegen diskutieren, anderswo Vorträge halten und auf Flughäfen herumsitzen, sagt Elbert. Gefordert sei ständige Anpassung an eine sich ändernde Umwelt. "Ich muss meinen Denkstil hin und herschalten. Das ist eine Belastung, der Hirn und Körper nur begrenzt standhalten können", erklärt er. Dabei kommt es auf die Dosis an: "Ein wenig Stress ist gut, dann verästeln und vernetzen sich die Gehirnzellen besser." Bei Dauerstress oder extremen, traumatischen Ereignissen aber schlägt dies ins Gegenteil um. Zum Beispiel bei einem Professor, der ständig hin und hergerissen wird. "Am Anfang wirkt er nur zerstreut, am Ende reagiert er aus individueller Angst heraus", beschreibt Elbert.

Doch die Angst rational in den Griff zu bekommen, ist nicht einfach. Das Gehirn ist von der Evolution aufs Gegenteil trainiert. Haften bleiben Lehren aus Situationen, sagt Elbert, nicht exakte Fakten. Niemand muss wissen, wann er auf eine heiße Herdplatte fasste, es reicht, dass sich das eingeprägt hat: Achtung, heiß! Ein Muster, das sich einprägt: Ist das Hirn unter beständigem Beschuss von Stresshormonen, verändert es sich. Jener Teil des Hirns, der für Gedächtnisleistung zuständig ist, nimmt ab. Besser vernetzt werden jene Bereiche, die Furcht und Angst erzeugen, etwa die Kerne der Amygdala, und den Körper so in Alarmstimmung halten.

Genau darum sei es eben wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, sagt Elbert. Denn dies entscheide darüber, ob eine Situation als Stress empfunden werde.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.