Zukunftsprognosen per Computer Gestatten, Stefan Henß, Student und Hellseher

Der Student Stefan Henß gehört zu den besten Programmierern Deutschlands. An seinem klinisch reinen Schreibtisch arbeitet er Tag und Nacht daran, dass Computer in die Zukunft schauen lernen.

Entwickler Henß: Maschinen, die denken? "Was soll daran schlecht sein?"
Katrin Binner

Entwickler Henß: Maschinen, die denken? "Was soll daran schlecht sein?"


Ein Kellerraum in Hanau, vor dem schmalen Fenster sieht man die Unterseite einer Hecke. Heller Teppichboden, ein geschwungener Schreibtisch, darauf eine Tastatur und zwei große Bildschirme. Sonst nichts. Unter dem Tisch brummt ein Computer. An der Wand steht ein Aquarium mit Zierfischen. Hier arbeitet Stefan Henß, ein junger Mann mit einem ehrgeizigen Plan: Er will den Computern beibringen, in die Zukunft zu schauen. Sie sollen lernen, die Menschen zu verstehen - und vorausahnen, wie sie handeln und fühlen werden.

Ob das wirklich gut ist?

Henß, 24 Jahre alt, dunkle Haare, blaue Augen, studiert derzeit noch Informatik an der Technischen Universität Darmstadt und zählt zu den erfolgreichsten Algorithmen-Bastlern der Welt. Auf der Internetseite "Kaggle", einer Art Weltrangliste für Programmierer, hielt er sich lange unter den ersten Zehn. Für seine Bachelorarbeit verliehen ihm seine Hochschule und der Verein "Datenlotsen" einen Preis, sein Masterstudium begann er direkt mit der Abschlussarbeit: Sie ist bereits fertig und wurde mit 1,0 benotet. Jetzt will Stefan eine Promotion schreiben und arbeitet nebenbei daran, Maschinen zum Denken zu bringen.

Biga Data setzt zurzeit viel in Bewegung

Seine ersten Programme schrieb Stefan schon als Jugendlicher. Es waren Spiele, die Namen trugen wie "Unite and Conquer", "Funny Pizza" oder "Skull Island". 2008 machte Stefan sein Abitur, dann ging er an die Uni, die er seitdem aber nur betritt, wenn es nicht anders geht.

Was ihn immer schon mehr interessierte als Schule oder Uni, war diese Sache mit der Künstlichen Intelligenz. Vor Jahren träumte er ganz konkret von einem Programm, das die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga vorhersagen kann. Tage und Nächte lang programmierte er daher in seinem Keller, schrieb die Codezeilen voll. Er speiste Parameter aus der Statistik der Teams ein und hatte bald einen funktionstüchtigen Algorithmus entworfen. Ein paar Spieltage lang schien dieser auch zu funktionieren: Stefan setzte Geld - und gewann. Dann begann er zu verlieren und legte das Programm wieder still. Er ahnte schon damals, was ihm fehlte: Informationen. Daten über Spieler-Verletzungen, den Zustand von Fußballplätzen, Neuverpflichtungen. Wer diese Daten habe, war er sich sicher, der könnte fast alles vorhersagen.

Es gibt mittlerweile eine Bezeichnung für das, was Stefan beschreibt, für die Idee, unzählige Informationen zu sammeln und damit zu berechnen, was morgen oder übermorgen wahrscheinlich passieren wird. Sie lautet: Big Data. Nichts setzt bei Handel, Banken, Versicherungen, bei Polizei, Militär und Regierungen im Moment so viel in Bewegung wie diese zwei Wörter: Big Data.

Mit Machine Learning zum Ziel

Auf den Rechnern in aller Welt sammeln sich auch dank sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter jeden Tag Billionen Daten über Menschen und das, was sie tun. Wem es gelingt, möglichst viele dieser Informationen sinnvoll zu verknüpfen, der kann recht genaue Prognosen über das abgeben, was kommen mag. Der kann in die Zukunft schauen - oder zumindest ausrechnen, wie sie womöglich aussehen wird. Auch dafür gibt es einen Fachbegriff, der in den USA sogar ein eigener Studiengang ist: Machine Learning. So soll Google zum Beispiel durch die Beobachtung des Suchverhaltens seiner Nutzer mittlerweile in der Lage sein, den Beginn einer Grippewelle zu prognostizieren.

Für Stefan ist das Machine Learning ein Schlüssel, ein entscheidender Schritt hin zum Apparat, der selbst denkt. Er kommt ins Erzählen: Es geht um Maschinen wie den Roboter "Data" aus "Raumschiff Enterprise", um Apparate, die alles können, mit der Intelligenz und dem Bewusstsein eines Menschen: malen, komponieren, unterrichten. "Was soll daran schlecht sein?", fragt Stefan.

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!
  • Frauke Thielking

    Ausgabe 6/2013

    Die Super-Streber
    Warum viele Studenten so ehrgeizig sind

    Diesmal mit Geschichten über die besten Studenten aller Zeiten, über rechtskonservative Stammtischparolen und über die Frage, ob man während des Studiums eine Familie gründen kann. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?
  • Dann abonniert den SPIEGEL im Studenten-Abo zum günstigen Sonderpreis.
Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.

Einer der wichtigsten Momente in Stefans Leben war es, als er 2011 die Internetseite "Kaggle" entdeckte. Unternehmen schreiben auf Kaggle Wettbewerbe aus für Software-Probleme, die sie selbst nicht lösen können. Bisher hat Stefan an 25 Kaggle-Wettbewerben teilgenommen - das Portal gab seiner Karriere einen heftigen Schubser nach vorn.

Den größten Erfolg feierte er mit einem Programm, das die Aufsätze von Schülern automatisch lesen und bewerten soll. Sechs Wochen arbeitete er daran, kurz vor dem Ende der Kaggle-Frist tat er sich mit zwei anderen Programmierern zusammen - gemeinsam gewannen sie. Ihre Lösung soll sowohl Rechtschreibfehler als auch Wortschatz und Grammatik beachten; angeblich kann sie sogar Schlüsse auf den Inhalt der Sätze ziehen.

Bis der Rechner zu denken beginnt

Zur Preisverleihung, immerhin 60.000 Dollar, durften Stefan und die beiden anderen Programmierer nach Washington fliegen. Stefan kletterte in der Kaggle-Weltrangliste hoch bis auf Platz fünf, von etwa 120.000 registrierten Nutzern. Eine so hohe Platzierung sichert Aufmerksamkeit von Industrie und Forschung, die kein Preisgeld aufwiegen kann.

Die Firma "bd4travel" aus Frankfurt-Eschborn, die einen Programmierer sucht, hat Stefan genauso gefunden. Das "bd" im Firmennamen steht übrigens für Big Data. Bd4travel programmiert für Online-Reiseanbieter Programme, die vorausahnen sollen, welche Vorlieben ihre Besucher haben. Man lud Stefan im Frühjahr dieses Jahres zu einem Vorstellungsgespräch ein - und bot ihm einen Job an.

Im Büro bei bd4travel im sechsten Stock am Rand von Frankfurt sitzt Stefan nun neben seinem Studium vier Tage die Woche wieder vor einem riesigen Bildschirm, auf dem sich Zeile unter Zeile voller Quellcode reiht: Befehle, Klammern, Zeichen, Punkte, Umbruch, noch mehr Zeichen. Auch hier liegt nichts auf seinem Tisch, kahle Wände ringsherum. Hinter seinem Rücken ein Fenster, in der Ferne die Frankfurter Skyline. Zeichen für Zeichen tippt Stefan in den Rechner, jetzt regelmäßig bezahlt und nicht abhängig von irgendeinem Preisgeld. Zeichen für Zeichen, manchmal 1000, manchmal 10.000 Zeilen Befehle.

Bis der Rechner genug gelernt hat und endlich zu denken beginnt.



insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Moewi 20.01.2014
1.
Zitat von sysopKatrin BinnerDer Student Stefan Henß gehört zu den besten Programmierern Deutschlands. An seinem klinisch reinen Schreibtisch arbeitet er Tag und Nacht daran, dass Computern in die Zukunft schauen lernen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/student-der-tu-darmstadt-will-mit-computer-die-zukunft-voraussagen-a-938593.html
Jaja, diese Computern - ich kann mich noch erinnern wie es war, als sie noch Taschenrechnern waren...;o)
Kiste 20.01.2014
2. Freiheit?
Toll, das Zeitalter der selbsterfüllenden Prophezeiungen beginnt: http://de.wikipedia.org/wiki/Selbsterfüllende_Prophezeiung
radeberger78 20.01.2014
3. Und ich dachte schon,
Zitat von sysopKatrin BinnerDer Student Stefan Henß gehört zu den besten Programmierern Deutschlands. An seinem klinisch reinen Schreibtisch arbeitet er Tag und Nacht daran, dass Computern in die Zukunft schauen lernen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/student-der-tu-darmstadt-will-mit-computer-die-zukunft-voraussagen-a-938593.html
er hat nen Astrologie Programm raus gebracht was mal ne vernüftige Prognose abgibt .... aber offenbar der selbe Ansatz wie immer ... mathematisches Modell .... numerische Lösung einer Differentialgleichung .... Bullshit nur das die meisten Lösung in der Natur nicht linear sind .... naja ich bin mal gespannt was da raus kommt ... vielleicht hat er ja den Stein der Weisen gefunden ... oder einfach nur das Rad zum 1 000 000 mal ;)
androce 20.01.2014
4.
Es ist irgendwie beruhigend dass auch Maschinen nie in der Lage sein werden, in die Zukunft zu sehen. Das Leben besteht nämlich mehr als nur aus Informationen.
holystony 20.01.2014
5. Also...
malen und komponieren, vielleicht werden Computer das können, warscheinlich können sie das jetzt auch schon. Aber wozu, so lange dass Menschen besser können? Hier geht ja auch nicht um Perfektion , sondern um Inspiration. Ok, hier könnte man auch argumentieren Inspiration ist nichts anderes als neu verknüpfte Informationen. Es geht aber auch um die zufriedenheit des Schöpfers mit seinem Werk. Nicht zuletzt lassen wir uns doch zuerst von anderen Menschen begeistern. Dieses würde ich auch zum Thema Unterricht anmerken. Technisch möglich ist da wohl einiges, ich denke aber dass dieses Randthemen der Informatik sein sollten. Es gäbe wohl wichtigere Aufgaben zu lösen, für die Computer besser geeignet sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UniSPIEGEL 6/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.