Studenten als Erntehelfer Für'n Appel und'n Ei

10.000 Studenten aus Nicht-EU-Ländern jobben pro Sommer in Deutschland. Für ihr Gehalt würde ein deutscher Student morgens nicht einmal die Augen öffnen - und schon gar nicht wie die polnischen Studenten Michal und Aleksander zur Knochenarbeit im Dauerregen antreten.

Von Caroline Schmidt


Es regnet nicht. Es schüttet. Über Michal Syryczynskis Brille, über seine Öljacke rinnen Regentropfen, sein blondes Haar klebt unter der grünen Kapuze verschwitzt an seinem Kopf. Unter seinen Füßen gluckert es leise, aber das hört er nicht. Schnell pflückt er zwei, drei große, fast unnatürlich gerötete Äpfel gleichzeitig ab und wirft sie in eine gelbe Kiste, greift wieder in das Bäumchen, zieht die nächsten Äpfel ab und schaudert: Über die Hände läuft das kalte Regenwasser die Arme hinunter und durchnässt sein kariertes Hemd.

Seit elf Wochen rackert Michal, 23, hier beim Obstbauern Gerd Lefers im Alten Land nahe Hamburg. Seit elf Wochen pflegt er Weihnachtsbäume und pflückt Pflaumen und Äpfel, vom kleinen Cox Orange bis zum großen Elstar, von morgens bis abends, bei Regen und Sonnenschein. Nur dass die Sonne in den vergangenen Wochen immer seltener schien.

Veräppelt fühlen sich die Studenten nicht

Ein paar Apfelbäumchen weiter denkt Aleksander Solarek, 25, dass er besser seine Regenhose angezogen hätte, nicht die blaue Latzhose, die ihm nun nass um die Beine schlottert. Er ist seit vier Wochen hier. Beide kommen aus Polen, Michal studiert Umweltschutz an einer privaten Hochschule in Bydgoszcz. Aleksander hat diesen Sommer sein Medizinstudium in Breslau beendet. Jetzt hat er nur noch ein Jahr Praktikum im Hospital vor sich, dann ist er fertig mit seiner Ausbildung.

Wenn ihre gelben Kisten voll sind, schleppen die beiden Studenten sie mit schweren Schritten zu einer von den vier großen Holzkisten, die auf Anhängern hinter dem kleinen, schmutzig-roten Trecker stehen. Dreieinhalb Stunden brauchen sie, um alle Kisten mit Äpfeln zu füllen. Das bedeutet 80 Mark. Vorher haben sie sieben Stunden lang Fallobst aufgesammelt, macht knapp 20 Mark.

Zehneinhalb Stunden Regen mit kurzen Unterbrechungen, zehneinhalb Stunden an den Armen entlang rinnendes Wasser für 100 Mark. Kein deutscher Student würde für ein derart niedriges Gehalt morgens die Augen öffnen. Doch die beiden fühlen sich überhaupt nicht ausgebeutet. "Das macht keinen Spaß, aber wenigstens ist es nicht so stressig wie das Studium", sagt Aleksander zufrieden auf Deutsch und dann noch mal auf Polnisch zu Michal, der kein Deutsch kann, dafür aber ein paar Brocken Englisch. Der lacht und sagt "and" und reibt den Daumen gegen Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand: "good money".

Der Lohn für die Plackerei: Eine kleine, eigene Wohnung

"Wenn ich nächstes Jahr anfange zu arbeiten, werde ich viel weniger verdienen". Aleksander nickt. Das Einstiegsgehalt eines Arztes in Polen: 500 Mark im Monat. Das ist zwar für polnische Verhältnisse nicht so wenig - mit 100 Mark kann man in Polen viel anfangen, zum Beispiel mit der Bahn einmal quer durchs Land fahren. Doch seine 52-Quadratmeter-Wohnung am Rande Breslaus hätte er sich nicht kaufen können.

Ungefähr 50.000 Mark kostet die Wohnung, seine Eltern haben ihm 25.000 spendiert, den Rest hat er sich in Deutschland zusammen gejobbt. Seit sechs Jahren kommt er hierher, immer für zwei oder drei Monate jeden Sommer. In Nürnberg hat er Gebäude gereinigt und bei Bauer Lefers Äpfel geerntet.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Die großen Kisten sind voll, Michal schwingt sich auf den Trecker. Er startet, die Räder drehen kurz durch im Matsch, dann wackelt das Gefährt Richtung Hof. Auch Michal will sich vom Geld, das er hier verdient, eine Wohnung kaufen. Nicht so groß wie Aleksanders, aber 25 Quadratmeter sollten es schon sein. Er ist zum ersten Mal hier. Und von den 14.000 Mark, die eine solche Wohnung in in Bydgoszcz kostet, hat er schon mehr als ein Drittel verdient.

Also sprach der Bauer: "Sind halt Studenten"

Im Hof springt Michal auf einen kleinen, gelben Gabelstapler und hebt die Kisten von den Anhängern. Er arbeitet schnell. Schließlich werden sie im Akkord bezahlt. Bauer Lefers kommt und zählt die Kisten. Später sagt er, dass die zwei selbst schuld seien, dass sie nur so wenig verdienen: "Sind halt Studenten, die pflücken ohne System." Mit System könne man an einem Tag sogar auf 140 Mark kommen.

Feierabend. Zusammen gehen Michal und Aleksander ins Gerätehaus. Hier haben sie ihr Zimmer, in dem sie umsonst wohnen dürfen. Eine Küchenzeile, ein Tisch, zwei schmale Metall-Liegen von der Bundeswehr. Vielleicht werden sie gleich fernsehen, oder Aleksander wird Filmbeschreibungen für sein Lexikon ausschneiden.

Jedenfalls werden sie wie jeden Abend früh schlafen gehen, denn morgen müssen sie wieder um sieben Uhr raus. Hoffentlich sind bis dahin ihre Sachen trocken.



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