Studenten im Chaos Computer Club Hackordnung der Daten-Moralisten

Hacker gelten als revolutionär oder kriminell, doch viele sind längst im Establishment angekommen: Die Spezialisten des Chaos Computer Clubs, oft Studenten, wirken vielleicht ein bisschen paranoid, doch sie wachen über die digitalen Bürgerrechte - und legen sich dafür auch mit Politikern an.

Physikstudentin Lila vom CCC in München: "Wir wollen bessere Technologien erzwingen"
Marek Vogel

Physikstudentin Lila vom CCC in München: "Wir wollen bessere Technologien erzwingen"

Von Judith Liere


Ja, ja die Nerd-Klischees. Sie stimmen alle: Hacker sind meist männlich, haben eine Gesichtsfarbe, die auf zu wenig Kontakt mit Tageslicht schließen lässt, tragen oft fusselige Bärte, lange Haare und T-Shirts, auf die technische Insiderwitze gedruckt sind.

Sie reden nicht viel, sondern tippen meistens, und wenn sie etwas sagen, dann kann das so klingen: "Kannst du mir den Port 4223 aufmachen?" "Nee, bau dir halt 'nen Tunnel durch einen offenen."

Es stimmt auch, dass Hacker literweise koffeinhaltigen Mate-Eistee trinken. Nur so können sie nächtelang entschlüsseln, verbessern und Lücken finden.

Denn darum geht es: Hacken, das ist an sich nichts Kriminelles, sondern ein kreativer Umgang mit Technik, so sehen es die Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC), der bekanntesten deutschen Hackergemeinschaft. Als der CCC in den Kinderschuhen steckte, gab es noch kein World Wide Web, sondern BTX, das exklusiv von der Post kontrolliert wurde. 1984 hackte sich der CCC in das System und konnte die Hamburger Sparkasse um 135.000 Mark erleichtern. Das Geld wurde sofort zurückgezahlt - dem CCC ging es lediglich darum, die Lücken in dem als sicher gepriesenen System aufzudecken.

"Techniknerds sind faul und versuchen, alles zu automatisieren"

Dieses Prinzip gilt auch knapp drei Jahrzehnte nach der Vereinsgründung noch. Getragen wird es hauptsächlich von Studenten, denn die stellen die Kerntruppe des CCC. "Wir wollen bessere Technologien erzwingen. Haben wir eine Sicherheitslücke entdeckt, informieren wir die jeweiligen Firmen", erklärt Lila. "Lila" ist ihr Spitzname, sie ist eine 21-jährige Physikstudentin aus der Münchner CCC-Ortsgruppe. Wie viele andere Clubmitglieder lässt sie sich fast nur noch so ansprechen. "Ist praktischer, weil es so keine Namensdopplungen gibt."

Lila sitzt mit ihrem Laptop auf einem alten Sofa in den Clubräumen des Münchner CCC. Neben Lila sitzen Andi, Franz und Sva, ebenfalls vor ihren Rechnern. Die beiden 21 und 23 Jahre alten Jungs studieren Informatik, Sva, 29, Ethnologie und Philosophie, dazu Informatik im Nebenfach.

Die 95 Quadratmeter große Wohnung ist mit Jalousien verdunkelt und vollgepackt mit Technik. Überall blinkt es, an den Wänden, in den Ecken, auf dem Tisch. Rote Leuchtdioden, blaue Leuchtdioden, weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund. Zwischen allerlei Kabeln stehen "Simpsons"-Figuren, hängen Schaltpläne und Poster mit Sprüchen wie "Alles Zweifelhafte muss angezweifelt werden" und "Auch in diesen Räumen kann die Verfolgung von Straftaten nicht verhindert werden".

Die Wohnungstür lässt sich per W-Lan öffnen. Sva gibt eine kurze Befehlszeile, bestehend aus einer Buchstaben-Sonderzeichen-Kombination, in ihren Laptop ein, schon springt ein kleiner Motor an, der am Türschloss angebracht ist und dreht den Schlüssel. Lila tippt einen anderen Befehl in ihr Handy: Die Lampen über dem Couchtisch leuchten nicht mehr grün, sondern blau. Dafür muss man nicht einmal vom durchgesessenen Sofa aufstehen. "Techniknerds sind faul", sagt Sva, "wir versuchen, alles zu automatisieren."

Nette Spielereien, doch dem CCC geht es um mehr. Der Verein sieht sich als Nichtregierungsorganisation "für den Schutz digitaler Bürgerrechte". Andi sagt: "So wie sich Greenpeace um die Umwelt kümmert, kümmern wir uns um alles, was mit Computern zu tun hat."

Dass Hackern oft das Vorurteil anlastet, sie seien kriminell und würden die ausgespähten Daten zur eigenen Bereicherung nutzen, ist ein ewiges Ärgernis im CCC - wie auch der sogenannte Hackerparagraf. Er definiert das Programmieren von Software, die die Beschaffung zugangsgeschützter Daten ermöglicht, als Vorbereitung einer Straftat. Franz findet das absurd: "Das ist so, als würde man den Besitz eines Hammers unter Strafe stellen, nur weil man damit auch ein Fenster einschlagen kann, um irgendwo einzubrechen."

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merapi22 21.01.2011
1. Bürgerrechte sichern, Bürgerrechte einfordern!
Zitat von sysopHacker gelten als revolutionär oder kriminell, doch viele sind längst im Establishment angekommen: Die Spezialisten des Chaos Computer Clubs, oft Studenten, wirken vielleicht ein bisschen paranoid, doch sie wachen über die digitalen Bürgerrechte - und legen sich dafür auch mit Politikern an. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,737171,00.html
Warum hält Regierung und Wirtschaft so viel vor den Bürgern geheim, warum soll der Bürger nicht wissen - was und WER hinter allen steckt und steht! Seit WikiLeaks wissen wir das Politiker und Wirtschaftslenker auch nur - normale Menschen sind! Das vieles was geheim gehalten wird, nur die Unmoral deckt! Zum Glück haben die Hacker sich endlich zu einer globalen Partei zusammengeschlossen, die Endlich Missstände beseitigt, wenn diese in Regierungsverantwortung ist - die Piratenpartei!
Karotte335 21.01.2011
2. Hack?
Genau, dem CCC gelang es die PIN eines neuen Personalausweises zu knacken und eine Schulklasse gelang dies in 2 Unterrichtsstunden. Der CCC hat nachgewiesen, dass eine Eingabe einer PIN über die Tastatur von einem Keylogger ausgelesen werden kann und der tolle Lehrer hat mit seinen Schülern Lötkolbenbewaffnet den Chip des neuen Perso zerstört. Allein mit der ersten Aktion mit dem Keylogger, hat sich der CCC selbst entblödet. Nach dem Motto, wenn er denn nicht zu knacken ist, müssen wir den e-Perso halt mit den Mitteln der PR niedermachen.
takeo_ischi 21.01.2011
3. .
Zitat von Karotte335Genau, dem CCC gelang es die PIN eines neuen Personalausweises zu knacken und eine Schulklasse gelang dies in 2 Unterrichtsstunden. Der CCC hat nachgewiesen, dass eine Eingabe einer PIN über die Tastatur von einem Keylogger ausgelesen werden kann und der tolle Lehrer hat mit seinen Schülern Lötkolbenbewaffnet den Chip des neuen Perso zerstört. Allein mit der ersten Aktion mit dem Keylogger, hat sich der CCC selbst entblödet. Nach dem Motto, wenn er denn nicht zu knacken ist, müssen wir den e-Perso halt mit den Mitteln der PR niedermachen.
Sie scheinen mit der Thematik nicht ganz klar zu kommen und Ihr Post ist leider recht wirr. Hier (http://web.piratenpartei.de/Pressemitteilung-101109-Piratenpartei-beweist-AusweisApp-des-ePerso-ist-unsicher) und hier (http://www.piratenpartei.de/Pressemitteilung-110117-Neue-Schwachstelle-beim-ePerso-aufgedeckt-Piraten-zeigen-einfachen-Weg-zum-Ausspaehen-der-PIN) können Sie sich anlesen wie das beim e-Perso so geht. Der e-Perso ist zu knacken und das ist nicht nur bloße PR wie viele Lohnschreiber zur Volksbeschwichtigung so gerne zu verkünden pflegen. Dass es so einfach geht und man deshalb in Hackerkreisen nicht viel Fame ernten kann, kann man nicht dem Hacker anlasten, sondern sollte man schon den Leuten unter die Nase reiben, die uns mit dem teuren Müll zwangsbeglücken. Man muß 25 € zahlen für Funktionen, die man wenn man nicht ganz blöd ist niemals verwenden sollte.
spiegel-hai 21.01.2011
4. .
Zitat von sysopHacker gelten als revolutionär oder kriminell, doch viele sind längst im Establishment angekommen: Die Spezialisten des Chaos Computer Clubs, oft Studenten, wirken vielleicht ein bisschen paranoid, doch sie wachen über die digitalen Bürgerrechte - und legen sich dafür auch mit Politikern an. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,737171,00.html
die machen continuierlich seit vielen Jahren und seit "Generationen" solide Arbeit, und zwar im wesentlichen OHNE durchgeknallte Selbstdarsteller. Bis WL DAS Standing erreicht hat, ist noch viel Arbeit zu tun!
Phobeus 21.01.2011
5. Danke
Vielen Dank für diese gute Berichtserstattung. Man ist es in letzter Zeit insbesondere auch beim Spiegel nicht mehr gewohnt. Da die Thematik in letzter Zeit immer häufiger in den Medien auftaucht, schüttle ich oft nur noch mit dem Kopf. Daher ein Dank von ganzen Herzen, dass jemand "Hacker" als jemand darstellt, den es um das Wissen über Computertechnik geht und nicht um den kriminellen Hollywood-Hacker, der eigentlich nur auf der Suche nach Kernwaffen ist. Wer etwas gegen Hacker hat, sollte sich wesentlich intensiver mit dem Thema befassen. Es sind Leute, die sich für Bürgerrechte im digitalen Zeitalter einsetzen... entsprechend wenig verwunderlich ist es, dass die Berichterstattung oft sehr negativ ist.
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