Studenten treffen Nobelpreisträger Nobel, Blobel, Global

Für 563 junge Wissenschaftler aus aller Welt sind es Sternstunden ihrer Karriere. Sie treffen diese Woche in Lindau 17 Nobelpreisträger. Hinter verschlossenen Türen gestehen die Top-Forscher der Medizin und Chemie: Wir sind auch nur normale Menschen.

Von Frank van Bebber


In der Lindauer Inselhalle fuchtelt Günter Blobel, 71, mit den Armen. "Du hast dich zu motivieren", ruft er. Der Mann mit den weißen Haaren ist umringt von jungen Leuten. Alle wollen wissen, wie man Nobelpreisträger wird. "Ich habe auch schrecklich falsche Entscheidungen getroffen", sagt Blobel, der 1999 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Er lehnt sich zurück, lacht, dann beugt sich der hoch gewachsene Mann wieder zu den jungen Forschern hinunter. Von Proteinen springt das Thema zur Dresdner Frauenkirche, in deren Wiederaufbau Blobel sein Preisgeld steckte. Er macht eine lustige Grimasse, streckt die Hände weit vor: "Dein Geld wegzugeben, befreit Dich!"

Es sind solche Augenblicke, für die seit 1951 über 25.000 junge Menschen nach Lindau gekommen sind. Diesmal treffen 563 junge Forscher aus aller Welt 17 Spitzenforscher der Medizin und Chemie. Die Weltstars der Naturwissenschaften zeigen sich bei den Tagungen der Nobelpreisträger einmal ganz privat. So sang die Tübinger Professorin Christiane Nüsslein-Volhard, seit 1995 mit Nobel-Ehren, 2003 in ihrem Lindauer Hotel – und stand dabei barfuss in der Lobby. Dieses Jahr steuerte sie zum Essen der Preisträger das Rezept für Lauch-Quiche bei.

Beim traditionellen Tanzabend bitten auch Superstars an ihren Tisch, wie der aktuelle Medizin-Nobelpreisträger Craig Mello, 47. Der Amerikaner ist rund 20 Jahre jünger als die anderen Nobelpreisträger, trägt langes schwarzes Haar und kommt gern zu spät. Viele nennen ihn nur "den Popstar".

Zutritt nur für Jungforscher

Für die jungen Forscher sind die Begegnungen Sternstunden ihrer Karriere. Der Konstanzer Doktorand Daniel Feurstein sagt: "Für mich ist es interessant, die Nobelpreisträger einmal im wirklichen Leben als ganz normale Menschen zu erleben. Anfänglich hat man ja doch Ehrfurcht." Ilka Fuchs von der Berliner Charité findet es "absolut faszinierend - die Preisträger sind extrem zugänglich". Lange unterhält sie sich mit Blobel. Ein paar Meter weiter steht Nobelpreisträger Leland Hartwell in einem Pulk von Studenten und schlürft Schwarztee, vor der Tür plaudern einige mit dem Forscher Ferid Murad.

Die Organisatoren der Tagung schützen die Gespräche mit den Preisträgern. Seit über 50 Jahren wehren Damen an den Türen jeden ab, der sich nicht als Jungforscher ausweisen kann. Wer Journalist ist und Glück hat, den lässt der Hausmeister in seine Schaltkanzel. Von dort aus kann man in den Saal kiebitzen: Dort sitzen elf Nobelforscher, um jeden ein Halbkreis junger Leute. Blobel hat die Ärmel hoch gekrempelt. Mellos Platz ist noch frei - er kommt zu spät.

Die Verteidigung der Saaltüren ist aber längst nicht die aufwändigste Schlacht der Organisatoren. Seit einigen Jahren arbeiten sie daran, der Tagung ein neues Image zu verpassen. Sie war Ende der neunziger Jahre in der Krise, weil ihr Ruf als Familientreffen vom Markenzeichen zum Begriff für ein verstaubtes Konzept geworden war. Kaum noch aktuelle Preisträger sowie Studenten, die bei Lindau vor allem an Nobelurlaub dachten – das ramponierte den Ruf.

Es war schließlich Alt-Bundespräsident Roman Herzog, der als Mitglied der Gremien einen Ruck initiierte. Seither setzten die Organisatoren darauf, Top-Nachwuchsforscher zu holen. Zu den besten zehn Prozent ihres Jahrgangs sollen sie gehören – und per Alumni-Gemeinschaft weiter von Lindau profitieren. Der Draht zur schwedischen Nobel-Stiftung scheint gesichert, seit sich Bettina Gräfin Bernadotte, 33, Tochter des Tagungsgründers und Mainau-Grafen Lennart Bernadotte, engagiert.

Come and visit North Rhine-Westphalia

Das Konzept geht auf: Der Direktor der Stockholmer Nobelstiftung schickt Lobworte, die Bewerberzahl explodiert. Allein in China gingen für das aktuelle Treffen 20.000 Bewerbungen ein, nur 31 hatten Erfolg. Auch Nord-Korea und Syrien schickten Teilnehmer. Insgesamt trafen 563 junge Forscher aus 64 Ländern ein.

Die Tagung gerät ins Visier der Talentjäger. Erstmals gab es einen eigenen Länderabend, Gastgeber war das Land Nordrhein-Westfalen. NRW-Forschungsminister Andreas Pinkwart (FDP) spendierte ein Büfett. Dann mühte er sich, vor den schmatzenden Talenten die Worte Exzellenz, Innovation und North Rhine-Westphalia möglichst oft in einen Satz zu quetschen. "Wir müssen eine Aufholjagd starten", sagte Pinkwart für sein Land. Immerhin, beim Zuschlag für den ersten Länderabend schlug er Bayern und Baden-Württemberg aus dem Feld. Die pikierten Südländer ließen sich für 2008 vormerken, doch auch Indien müht sich um den Termin.

Bevor sich aber in Lindau jemand zu wichtig nimmt, geben die Nobelpreisträger ihre eigene Relativitätstheorie zum Besten. Blobel ruft zum Abschied in die junge Runde, er wünsche jedem den Gewinn des Nobelpreises. Allerdings sei auch diese Ehre keine dauerhafte Befriedigung für einen Forscher. Man sei ein paar Tage begeistert, aber dann gelte es, sich neuen Dingen zuzuwenden.

Der Nobelpreis? Na ja, sagt Blobel und ruft lachend durch die Inselhalle: "Is just another prize."

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