Studentenjob Croupier Helfer im Millionenspiel

Morgens sitzen sie brav im Hörsaal, abends werfen sie Jetons. In der Spielbank Wiesbaden können sich Studenten zum Croupier ausbilden lassen. Zur Arbeit im Casino gehört mehr als gutes Fingerspitzengefühl. "Rien ne va plus" heißt es für viele schon nach den ersten Kurstagen.

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Mona hat es geschafft. Das Türmchen aus weiß glitzernden Jetons bleibt stehen. Vorsichtig beginnt sie von neuem, legt die Chips in einer Reihe aus und stapelt sie mit nur einer Handbewegung aufeinander. Gewinnen kann sie mit den Jetons nichts, dafür aber ihr Studium finanzieren. Zusammen mit 25 anderen Studenten nimmt die 27-Jährige an einem Croupier-Kurs der Spielbank Wiesbaden teil. Drei Stunden verbringt sie jeden Tag im Übungsraum des Casinos im ersten Stock, wirft und stapelt Jetons, hantiert mit dem Rateau - dem Schieber - und lernt Zahlenkombinationen auswendig.

Dass Roulette kein Kinderspiel ist, merken die angehenden Croupiers schon nach den ersten Stunden. "In der Regel hält nur ein Drittel der Auszubildenden bis zum Ende durch", sagt Ausbildungsleiter und Saalchef Michael Wondruschka. Seit mehr als 30 Jahren lässt der erfahrene Croupier Jetons und Spielkarten über die Tische flitzen. "Die Arbeit am Spieltisch sieht einfach aus, aber bis ein Croupier alles perfekt beherrscht, vergehen rund sieben Jahre."

Ganz solange müssen die Studenten nicht warten, bis sie auf die Spieler im Saal direkt unter ihnen losgelassen werden. Drei Monate dauert die Ausbildung zum sogenannten Kopfcroupier und Black Jack-Dealer. "Kopfcroupiers sitzen gegenüber vom Kessel. Sie zahlen keine Gewinne aus, sondern bedienen die Gäste", erklärt Ausbilderin Melanie Hawig, die vor zwölf Jahren selbst als studentische Aushilfe in der Spielbank Wiesbaden angefangen hat. Nach der Vorlesung ins Casino - das habe zunächst "super funktioniert", berichtet Hawig. "Dann hat mir die Arbeit so viel Spaß gemacht, dass ich immer öfter hier war und immer seltener in der Uni." Nach fünf Jahren brach Hawig schließlich ihr Lehramtsstudium ab und machte ihren Nebenjob zum Hauptberuf. Bereut habe sie es nie, sagt sie. "Croupier ist mein Traumberuf."

Nicht alle halten durch

Mit dem Glücksspiel seinen Lebensunterhalt verdienen will auch Sven Perues, 23. Der VWL-Student aus Heidelberg träumt von einer Karriere als Croupier in Las Vegas. Um seinem Traum ein Stück näher zu kommen, legt er jeden Tag die rund 100 Kilometer lange Strecke nach Wiesbaden zurück. Dabei ist der Croupier-Kurs für die Studenten auch eine Art Vabanquespiel. Wer nach den drei Monaten die Abschlussprüfung nicht schafft, hat seine Zeit umsonst investiert. Geld bekommen die Auszubildenden während des Kurses nicht.

Dass es gar nicht so leicht ist, im Kurs mitzuhalten, hat Sven im vergangenen Jahr gemerkt. Damals scheiterte er schon beim Einstiegstest. Diesmal hat er ihn bestanden, doch bevor er in den Spielsaal darf, muss er seine Fingerfertigkeit und sein Zahlengedächtnis in zwei weiteren Prüfungen unter Beweis stellen. "Das Handwerkliche kriege ich ganz gut hin, aber das Auswendiglernen der Zahlen fällt mir schon schwer", sagt Sven und wirft einen Jeton in Richtung seines Rateaus.

Rund 180 Zahlenkombinationen müssen Croupiers im Schlaf aufsagen können. Ein bis zwei Stunden pauke sie dafür jeden Tag, berichtet Nina Hühne, 22. Das Türmchen vor ihr stürzt zusammen, die Jetons kullern über den Tisch. Auch bei Sven will das Aufeinanderstapeln der Chips noch nicht so richtig klappen. Einfacher vorgestellt habe er sich das alles, sagt er. Mona bestätigt lachend: "Ich dachte, es ist cool, Croupier zu sein, aber ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse".

268 Bewerbungen sind bei der Spielbank Wiesbaden für den Croupier-Kurs eingegangen. Bei der ersten Unterrichtstunde waren 53 Teilnehmer dabei, zwölf von ihnen gaben innerhalb der ersten zehn Kurstage auf. Von den 41, die übrig geblieben sind, wollen 15 hauptberuflich als Croupier arbeiten, die anderen als studentische Aushilfen. "Einige meinten wohl, sie könnten gleich als Poker-Dealer anfangen", erklärt Hawig den Teilnehmerschwund.

Gute Jobaussichten

Auch Johannes Jessen, angehender Wirtschaftsingenieur, ist enttäuscht, dass die Croupiers in Wiesbaden erst nach rund zwei Jahren Erfahrung in Roulette und Black Jack an die Poker-Tische dürfen. Der 22-Jährige will den Kurs trotzdem mitmachen. "Die Arbeit macht Spaß und die Bezahlung ist super." Das Gehalt der studentischen Aushilfen wird, wie das der hauptberuflichen Croupiers, aus Trinkgeldern bezahlt. Je nach Tageszeit und Wochentag verdienen die Studenten zwischen 9,50 Euro und 13,50 Euro die Stunde.

"Für einen Stundenlohn von sechs, sieben Euro würde ich mir das hier nicht antun", sagt Amerikanistik- und Indologiestudentin Mona. Johannes und Nina stimmen ihr zu. Bestehen sie den Kurs, müssen sie mindestens zwei Tage pro Woche acht bis zehn Stunden am Spieltisch sitzen - mit weißem Hemd, schwarzer Weste und Fliege. Diese Vorstellung schreckt sie jedoch nicht ab. "Casinos haben mich schon immer fasziniert", sagt die angehende Architekturstudentin Nina. Mona bestätigt: "Die Atmosphäre im Spielsaal ist einfach toll."

Einen Arbeitsplatz haben die Absolventen des Kurses so gut wie sicher. "Bis jetzt wurde jeder angestellt", berichtet Wondruschka. Schmunzelnd fügt er hinzu: "Das liegt daran, dass die meisten den Kurs gar nicht schaffen."



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