Studentenjob Rikschafahrer Die Taxifahrer mit den strammen Waden

Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, sich mit Taxifahren das Studium zu verdienen. Es ist aber was Besonderes, wenn das Taxi drei Räder hat und der Fahrer stramme Waden. In immer mehr Großstädten jobben Studenten als Rikschafahrer, zur Not auch im Nikolauskostüm - zum Beispiel in Köln.

Von Michael Hahn


Startbereit: Rikschafahrer Dietzel vor einer Tour durch Köln-City
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Startbereit: Rikschafahrer Dietzel vor einer Tour durch Köln-City

Autofahrer verpassen staunend die Grünphase an der Ampel. Kinder zerren an den Armen ihrer Eltern, erwachsene Menschen in der Straßenbahn drücken sich an den Fensterscheiben die Nasen platt - alles, um Frank Dietzel in Aktion zu sehen. Der 29-jährige angehende Fotoingenieur ist nebenberuflich Fahrer einer Fahrrad-Rikscha. Und deshalb eine Attraktion.

Seit zweieinhalb Jahren kutschiert er Kölner und Touristen durch die Domstadt. "Und es wird noch sehr lange dauern, bis das zur Normalität wird", freut er sich.

Für ein Rikscha-Taxi macht, wenn's eng wird, jeder gerne Platz. Dumme Sprüche gibt es nur selten: Höhnische Anfeuerungsrufe und das obligatorische "Wo ist denn hier die Peitsche?" überhört Dietzel inzwischen.

Ginge es nach seinen Chefs, dann wäre das große Dreirad schon ein ganz normales Verkehrsmittel für den Weg zum Supermarkt oder ins Theater. Allzu teuer ist es nicht - eine halbstündige Fahrt für zwei Personen kostet 20 Mark.

Dienstleistung oder Sklaverei?

Je mehr Rikschas fahren, desto mehr Werbefläche können die "Perpedalo"-Gründer Anja Braun und Olaf Wirths, beide 30, vermieten. Davon lebt das Unternehmen. Das Taxigeld bleibt bei den Fahrern. Doch für mehr als 12 Kutschen reicht es in Köln noch nicht.

Der fahrende Werbegag: Frank Dietzel im Nikolauskostüm

Der fahrende Werbegag: Frank Dietzel im Nikolauskostüm

Denn vielen Fahrgästen ist die Fahrt dann doch irgendwie peinlich, sie kommen sich wie Sklaventreiber vor. "Die klappen im Hochsommer das Verdeck zu, um nicht gesehen zu werden", amüsiert sich Dietzel. Er fühlt sich jedoch mitnichten als Sklave - und nach der Fahrt sind die Vorbehalte auch meist verschwunden. Der Fahrer ist sich sicher: "Es gefällt jedem!"

Auch ihm selbst: "Ich muss mich auspowern können," sagt Dietzel. Arbeiten am Schreibtisch könne er nie ertragen. Den Job auf der Rikscha nutzt er auch zur Motivsuche für die eigene Fotosammlung: Vor dem Kölner Dom, wo sich Künstler, Gaukler und Touristen tummeln, drückte er schon oft auf den Auslöser seiner Kamera.

Frank Dietzel hat keine Sekunde überlegt, als er damals am schwarzen Brett der Fachhochschule das Jobangebot entdeckte: "Das probiere ich aus!", dachte er sich gleich. Wenige Tage später steuerte er die erste Kölner Rikscha beim Fototermin für die neugierige Lokalpresse.

Bergwertung auf der Rheinbrücke

Olaf Wirths ist zufrieden mit seinem Start-up aus dem Studium heraus. Gut 30 Fahrer radeln inzwischen für ihn. Mit seinem Erfolg will er Nachahmer anspornen. Die Rikscha-Landkarte soll dichter werden: "Es gibt noch viel zu viele weiße Flecken!"

Doch in einigen anderen Städten freuen sich Unternehmen auch schon über den fahrenden Werbegag - und Studenten über einen ausgefallenen Job. Rikscha-Taxen gibt's auch in Düsseldorf, Münster, Hamburg, Rostock, Berlin und München.

Wer Taxi fährt, trifft skurrile Typen. Das gilt nicht nur für motorisierte Chauffeure. Einmal wollte ein Straßenmusiker mitfahren: "Ich hab' kein Geld, aber ich spiel' was," hat er gesagt. Dietzel hat ihn mitgenommen. Ein lauer Sommerabend in Köln - und dazu Gitarrenklänge in der Rikscha. "Was willst du mehr?" - Dietzel liebt seinen Job.

Echte Probleme gibt's selten, denn nachts bleiben die Rikschas in der Garage. Nur einmal hatte Dietzel einen Besoffenen an Bord, der nach mehreren Milieu-Kneipen auch noch ein Kölner Bordell ansteuern wollte - ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Doch dann war Endstation für den Schluckspecht: Für ihn endete die Fahrt in einer Gefängniszelle.

Er war einmal ein Nikolaus: Frank Dietzel privat

Er war einmal ein Nikolaus: Frank Dietzel privat

Alltäglicher ist das Hungergefühl. Wenn plötzlich der Blutzuckerspiegel sinkt, schwindet die Kraft in den Beinen. Aber die nächste "Tankstelle" für den Kölner Rikscha-Fahrer ist nie weit: "Ein Schokoriegel ist immer irgendwo zu kriegen."

Auch korpulentere Fahrgäste sind kein Problem. Dank guter Kettenübersetzung und Motorradbremsen rollt jeder Fahrgast sicher durch die Domstadt. Richtig bergauf geht es dort selten. Steil wird's eigentlich nur auf den Kölner Rheinbrücken: "Da weiß man, was man getan hat," klagt Dietzel.

Aber Kraft in den Beinen haben bei "Perpedalo" alle. Die meisten von ihnen sind Studentinnen und Studenten - aber: Kaum jemand von ihnen studiert Sport.

"Immer ein Grund, die Mädels anzusprechen"

Rikscha-Fahren ist ein abwechslungsreicher Job. Bei Champagnerfahrten werden frisch Verliebte durch's abendliche Rheinpanorama chauffiert. Dann ist Diskretion gefragt. Auch ein bisschen Stadtgeschichte müssen die Fahrer parat haben, bei der Stadtrundfahrt erklärt der Fahrer selbst.

Häufig sind die Rikschas auch als Shuttle-Dienst für Unternehmen unterwegs. So wie neulich beim 14. Deutschen Absolventenkongress. Für das Staufenbiel-Institut schlüpften die Fahrer sogar extra ins Nikolaus-Kostüm.

Wie viel Geld Frank Dietzel am Abend in der Tasche hat, hängt ganz vom Wetter und von der Spendierlaune seiner Fahrgäste ab. An einem guten Tag sind es 200 Mark. Manchmal aber auch nur 50. "Ich mach's, weil es mir Spaß macht," sagt er. Und einen Zusatz-Ansporn verrät er auch noch: "Es gibt immer einen Grund, die Mädels anzusprechen!"



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