Studentenjob Stagehand Kisten schieben für den Superstar

Egal, ob Kylie singt, Robbie oder Motörhead: Sie kommen als erste, gehen als letzte und verbringen die Show mit dem Rücken zur Bühne. Stagehands arbeiten, wo andere abrocken. Bezahlt werden sie fürs Kistenschieben. Doch ihr wahrer Job ist es, den Mythos von Sex & Drugs im Rock'n'Roll zu hüten.

Von Mathias Röckel


Vor dem Robbie Williams-Konzert (in Mannheim): Stagehand mit Sphinx-Blick
Matthias Surek

Vor dem Robbie Williams-Konzert (in Mannheim): Stagehand mit Sphinx-Blick

An diesem Tag gastiert die Bernard Allison Blues Band im Freiburger Jazzhaus, und auch eine Blues-Band besteht vor allem aus ziemlich schwerem Metall. Zumal, wenn es wie hier keinen ebenerdigen Zugang zur Bühne gibt und die Rampe nicht passt.

Gut 30 Stufen steigen die Stagehands unter der Last von Gitarren, Verstärkern und Scheinwerfern hinab. Matthias Surek vom lokalen Konzertveranstalter Tournado: "Das wichtigste Merkmal unserer Bühnenhelfer ist Teamfähigkeit und nicht einzuknicken, wenn der Roadie ruft 'Vier Mann, vier Ecken!' - womit er eine extra-schwere Ladung ankündigt."

Bald ist der Truck leer, aus der Fracht soll binnen Stunden eine Showbühne entstehen. Anders als die Stagehands begleiten die Roadies eine Band während der ganzen Tournee. Und wissen alles. Sie verlangen nicht allzu viel von ihren Gehilfen, solange die nur ihre Anweisungen befolgen. Es wird geschraubt, aufgetürmt, verkabelt und kilometerweise Klebeband verklebt, von dem jeder weiß, dass man es Gaffa zu nennen hat.

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Studentenjob Stagehand: It's only Rock'n Roll, but I like it

Der Einsatz beginnt meist mit Ankunft der Trucks und endet, wenn alles wieder eingeladen ist. Das dauert von zwölf Stunden bei kleinen Hallengigs bis zu mehrere Tagen bei Open-Air-Festivals. Ab acht Euro aufwärts verdienen die Helfer pro Stunde; 14 Euro sind es, wenn sie ihr eigenes Gewerbe betreiben und Rechnungen schreiben. Macht pro typischem 18-Stunden-Einsatz zwischen 144 und 252 Euro - abzüglich der schnellen Pizza im Stehen, für die meist noch Zeit bleibt, bevor die Gäste hereingelassen werden.

Sobald es ein Publikum gibt, verwandeln sich die Stagehands. Eben noch Kistenschieber und Handlanger, sind sie nun Teil der Inszenierung. Ihren Backstage-Pass gleich einem Sheriff-Stern an die Brust gesteckt wachen sie am Einlass, den Notausgängen und an jener eher unscheinbaren Tür, die den Bühnen- vom Saalbereich trennt.

Bloß kein Blick hinter die Fassaden

Hinter der Tür ist Backstage. Backstage räkelt sich Kylie im Whirlpool, ist Robbie von Strapsmodellen umzingelt, wohnen Lemmy und seine Bourbon-Flasche. So will es der Mythos von Sex & Drugs & Rock'n'Roll. Ein Blick hinter diese Tür wäre ein Blick hinter die Fassaden - schlecht für den Mythos. Und so lässt sein Hüter nur die mit einem stummen Nicken vorbei, die ebenfalls einen Backstage-Pass tragen. Die anderen hält sein Sphinx-Blick fern.

Fans: Müssen leider draußen bleiben
DPA

Fans: Müssen leider draußen bleiben

Matthias Surek war schon bei Dutzenden Bands wie Sting, Metallica, Robbie Williams, The King backstage. Was passiert dort Ungeheuerliches? Drogenexzesse, Groupies und stundenlange Jam-Sessions? Surek: "Die Künstler kommen meist zu spät, müssen gleich auf die Bühne, trinken zwischen den Zugaben viel Wasser und sind schon zum Duschen wieder in ihrem Hotel." Doch diese Wirklichkeit ist zu profan, um sie den Fans zumuten zu können. Und so müssen sie leider draußen bleiben.

Bernard Allison und Band steuern auf die letzten Akkorde zu. Das Publikum ausgelassen, aber nicht unbeherrscht; keine Ohnmacht, keine Prügeleien. Der Normalfall. "Längst vorbei sind die Tage, als die Rolling Stones meinten, sie müssten als Ordner die Hell's Angels rekrutieren. Unsere Stagehands sind hier, um auf die Gäste aufzupassen", sagt Matthias Surek.

Auch Stagehands können nett sein

Die meisten der Helfer sind Studenten. Bezahlt werden sie vom örtlichen Konzertveranstalter, der den Auftritt für die Bands abwickelt, sich um die Saalmiete kümmert, die Hotels bucht und zur Not auch eine neue Trommel für den Schlagzeuger organisiert. Neue Mitarbeiter suchen die Veranstalter über Inserate, Subunternehmen, Personalagenturen, Studentenvermittlungen und Mundpropaganda. Der Job ist eine Männerdomäne, aber auch einige weibliche Stagehands behaupten sich.

Wenn sie nicht gerade grimmig die Privatsphäre der Musiker verteidigen, können Stagehands sogar richtig nett sein. Als sie nach dem Konzert schon an den Mikrofonen schrauben, kommt ein weiblicher Fan auf den Träger eines Backstage-Passes zu und fragt höflich, ob sie den wohl haben könne.

Die Show ist gelaufen, die Band im Hotel. Backstage ist wieder, was es vor der Show war: kahle Wände, Heizungsrohre, Feuerlöscher.

Klar kann sie! Warum auch nicht?



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