Studentenjobs auf der Documenta Dabeisein ist alles

Die Documenta in Kassel ist mehr als ein Kunstereignis, sie ist auch Arbeitgeber für Studenten und Kunst-Doktoranden und eine Kontaktbörse. Hunderte jobben dort in den Semesterferien als "D-Guides" oder Garderobieren. Und nehmen für die Ehre auch mäßige Bezahlung in Kauf - Kunst ist eben brotlos.

Von Marion Schmidt


Ute Pannen: "Mehr wie ein Projekt"
Marion Schmidt

Ute Pannen: "Mehr wie ein Projekt"

Vor den wandgroßen Bildern des argentinischen Künstlers Fabián Marcaccio hebt Ute Pannen die Stimme und die Hände. Die Gruppe, die sie heute über die Documenta führt, nimmt andächtig und ein bisschen erschöpft vor ihr Platz. Ute weist auf die strukturierten Flächen, erklärt Farben und Material, was den Künstler bewegt hat, welche Rolle die Werbung in den Bildern spielt. Sie redet schnell, deutlich und sehr anschaulich; ihre Zuhörer lauschen, nicken und klatschen zum Schluss lange.

Nach der einstündigen Führung - der dritten an diesem Tag - streift Ute Pannen erst einmal ihre schicken, spitzen Schuhe ab und schlüpft in bunte Flip-Flops. Wichtiger noch als bequeme Schuhe, sagt sie, sei eine kräftige Stimme, besonders wenn es voll sei in den Räumen und die Gruppe groß. In den Vorbereitungskursen, erzählt sie, habe sie gelernt, wie man in den Bauch atmet, um die Stimme zu schonen.

Fridericianum in Kassel: Manche Jobber schließen sich zur "Documenta-WG" zusammen
Marion Schmidt

Fridericianum in Kassel: Manche Jobber schließen sich zur "Documenta-WG" zusammen

Ute Pannen ist eine von hundert "D-Guides", die auf der Documenta Führungen für Besucher anbieten. Die 26-Jährige aus Berlin hat Kunst und Deutsch studiert und vor kurzem mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Sie möchte aber nicht Lehrerin werden, sondern lieber "was im Kunstbereich machen". Mit dem Job bei der Documenta sei für sie "ein Traum" in Erfüllung gegangen: "Für mich ist es eine Ehre, dabei zu sein".

Jobs auf der Documenta sind begehrt: Schon lange vor Beginn gab es Bewerbungen, erzählt Karin Rebbert. Sie hat die Guides ausgewählt und vorbereitet. Auf hundert Guide-Stellen hätten sich rund 800 Leute beworben, die dann ordentlich ausgesiebt wurden. "Die Guides sollten ein offenes Auftreten haben, sprachgewandt sein, Spaß an der Vermittlung von Kunst haben und natürlich Erfahrung im Umgang mit zeitgenössischer Kunst sowie aktuellen Diskursen", sagt Rebbert.

Weil sich das am besten durch ein einschlägiges Studium nachweisen lässt, sind die meisten Guides Künstler, Kunsthistoriker, Kunst- oder Kulturwissenschaftler; auch ein Rechtsanwalt und ein Schauspieler sind dabei. Die meisten sind gerade mit ihrem Studium fertig, viele haben bereits einen Doktor und suchen jetzt einen Job - die Documenta ist für sie oft mehr als ein Lückenfüller zwischen Examen und Berufsleben. Sie erhoffen sich Kontakte zu Künstlern und Kuratoren und darüber vielleicht irgendwie einen Einstieg in Museen oder Galerien.

"Für mich ist der Job mehr wie ein Projekt", sagt Ute Pannen. Ihr Kollege Gerald Geilert, 31, möchte durch die Arbeit seine Promotion über eine amerikanische Kunstzeitschrift vertiefen. Die Führungen, sagt er, seien mit jeder Gruppe eine neue Herausforderung. Neulich hatte er eine 8. Schulklasse, die war schlimm, besonders der Lehrer. Der stellte sich nämlich vor die Schüler und lästerte erst mal ordentlich über die ausgestellten Kunstwerke.

Garderobiere Yi Wu: Glücklich, dabei zu sein
Marion Schmidt

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Die meisten Besucher aber seien sehr interessiert und fragten oft nach Details. Darauf wurden die Guides in vier einwöchigen Kursen vor Beginn der Ausstellung vorbereitet. Es gab Gespräche mit Künstlern und Gruppenarbeit zu den Themen, ein Seminarapparat wurde aufgebaut - ganz wie in der Uni.

Die Documenta bietet Arbeit für insgesamt über 800 Studenten und Absolventen. Die meisten studieren in Kassel an der Gesamthochschule. Einige, wie Ute Pannen aus Berlin, kommen zum Jobben extra für die Documenta nach Kassel. Ute hat sich für die drei Monate mit drei anderen zugereisten Kolleginnen eine Wohnung gemietet und eine "Documenta-WG" aufgemacht.

Einige ausländische Studenten verbinden ihren Aufenthalt in Deutschland mit einem Job auf der Kunstausstellung. Yi Wu, 23, etwa ist erst vor vier Monaten aus China nach Kassel gekommen: Sie studiert Produktdesign und ist "sehr glücklich", dass sie gerade jetzt hier ist. Von der Documenta hatte sie schon in China gehört, jetzt ist sie selbst dabei - zwar nur in der Garderobe, manchmal auch in der Halle zur Aufsicht, aber immerhin.

Auf der Documenta zu jobben bedeutet für die meisten etwas Besonderes, selbst wenn sie an der Kasse sitzen oder in den manchmal stickigen Ausstellungsräumen Aufsicht schieben. Felix Reich, 25, hätte in den Semesterferien auch einen Job bei der Post haben können, hat sich dann aber doch für die Documenta entschieden. Mit Kunst hatte er vorher gar nichts am Hut. Jetzt ist er völlig fasziniert von der Ausstellung und freut sich über den Job, "obwohl der schlechter bezahlt wird als bei der Post".

Felix Reich: Ließ Post-Job sausen und trägt jetzt blaues Trikot
Marion Schmidt

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7 Euro und 20 Cents gibt es für die Aushilfskräfte. Die Guides verdienen natürlich mehr, wie viel dürfen sie aber nicht sagen. Über Honorare und Verträge wird nicht gern geredet, sicher ist aber: Feste Verträge gibt es nicht, bezahlt wird pro Führung, das "übliche Honorar". Manche Guides würden gern mehr machen, aber diesmal wurden doppelt so viele angeheuert wie letztes Mal, weshalb manche mitunter tagelang nichts zu tun haben.

Die Studenten bei der Aufsicht stört aber die relativ geringe Bezahlung weniger als die blauen Leibchen, die alle tragen müssen. Die sind eine "Katastrophe", sagt Felix Reich: "Selbst die Besucher machen sich darüber lustig."



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