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Studentenspiegel 2 Welche Fächer machen glücklich?

Ingenieure verdienen das meiste Geld, Anglisten, Historiker und Politologen suchen am längsten nach einem Job. Doch wie zufrieden sind Absolventen mit ihrem Fach? Der "Studentenspiegel 2" hat junge Akademiker gefragt.

Vom Traumberuf der meisten Germanisten hatte sich Claudia Stubenrauch schon vor der Jobsuche verabschiedet. "Sehr viele hoffen, dass sie mal bei einem Verlag landen", sagt die 30-Jährige, "das habe ich gar nicht erst erwartet."

Gleich nach dem Studium der Germanistik, Psychologie und Interkulturellen Kommunikation fand Stubenrauch eine Stelle bei einem Münchner Veranstaltungszentrum; die Event-Branche hatte sie schon im Praktikum kennengelernt. Die Berufseinsteigerin organisierte Messen, Tagungen und Filmpremieren - oft 60 bis 80 Stunden pro Woche, für 1000 Euro netto. "Die Bezahlung war eine ziemliche Frechheit", sagt Stubenrauch.

Für Germanisten ist der bescheidene Anfangslohn allerdings die Regel: 1598 Euro brutto gibt es durchschnittlich im ersten Job. Selbst Fächer, die oft als schnellster Einstieg in die Taxibranche geschmäht werden wie Politologie oder Erziehungswissenschaften, stehen noch ein wenig besser da als das Schlusslicht Germanistik (siehe Grafik). Nach ihren schlechtbezahlten Jobs müssen Stubenrauchs Kommilitonen meist auch noch lange suchen - es sind bange Wochen der Wahrheit. 26 Prozent fahnden als frischgebackene Magister mehr als sechs Monate nach der ersten Anstellung. Immerhin: Bei den Politologen, Historikern und Anglisten dauert es noch länger. Das zeigt der "Studentenspiegel 2", die große Online-Befragung unter jungen Hochschulabsolventen, die der SPIEGEL im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen McKinsey & Company durchgeführt hat.

"Entscheidend ist ein konkretes Ziel vor Augen"

In puncto Suchdauer ist Stubenrauch keine typische Vertreterin ihrer Disziplin: "Lange dauerte es eigentlich nie", erzählt die Absolventin, "ich hatte wohl immer Glück." In ihrem ersten Job hielt es sie nicht allzu lange. Danach jobbte sie erst bei einer Zeitarbeitsfirma, seit knapp zwei Jahren ist sie in der Münchner Marketingabteilung des Messtechnik-Anbieters National Instruments verantwortlich für den Anzeigenbereich in Zentraleuropa. Stubenrauch verhandelt mit Fachverlagen und stimmt Anzeigen auf die landestypischen Bedürfnisse ab. "Der Job macht großen Spaß, und das Gehalt ist auch in Ordnung", bilanziert sie.

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Studentenspiegel: Wo geht's denn hier zum Beruf?

Foto: Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

In der aktuellen Studentenspiegel-Befragung können Teilnehmer wie Claudia Stubenrauch genau sehen, wo sie im Vergleich zu ihren Kommilitonen stehen: Welche Fächer machen die Jobsuche besonders schwer? Wo winken die höchsten Gehälter? Aber auch: Wie zufrieden sind die Berufseinsteiger mit ihrer Tätigkeit? Wer muss am meisten arbeiten?

"Es ist für uns interessant zu sehen, dass vor allem Studenten der Natur-, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften gute Chancen am Arbeitsmarkt haben", sagt Jürgen Kluge, verantwortlich für das weltweite Recruiting von McKinsey: "Angesichts der Umfrageergebnisse sollte es uns alarmieren, dass das Interesse gerade an diesen Fächern in Deutschland stagniert."

E-Techniker sind besonders zufrieden

Dennoch rät Kluge davon ab, sich bei der Fachwahl zu sehr nach den Marktchancen zu richten. "Entscheidend ist, dass jeder Studierende ein konkretes Ziel vor Augen hat, das ihm Freude macht, und dass er sich schon früh mit der Berufswahl beschäftigt und konzentriert darauf hinarbeitet."

Andreas Vogl, 30, hätte sich nach dem Diplom in Elektrotechnik an der Uni Erlangen-Nürnberg seinen Job wohl aussuchen können. Der Bedarf an jungen Ingenieuren wächst in vielen Branchen, längst engagieren sich große Unternehmen und Technikerverbände mit lebensnahen Unterrichtsprojekten in den Grundschulen, um Nachwuchs für ihre Fächer anzuwerben. Mit im Schnitt um die 3000 Euro im Monat zählen die jungen E-Techniker denn auch zu den Top-Verdienern beim Studentenspiegel.

Vogl schrieb eine Bewerbung - an das norwegische Forschungsunternehmen Sintef. "Ich habe dort gleich einen Job bekommen, obwohl keine Stelle ausgeschrieben war", erzählt Vogl, "dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht." In Oslo entwickelt der Ingenieur mit Schwerpunktfach Mikrosystemtechnik jetzt Sensoren für die Autoindustrie.

Zumindest die Freude am Job ist nicht überraschend. Auch Vogls Fachkollegen neigen dazu, ihren Beruf ganz prima zu finden, wie die Umfrage zeigt. Die Elektrotechniker sind im Vergleich am zufriedensten mit ihrer Arbeit.

Die Misere der Architekten

Ganz unten auf der Glücksskala finden sich Leute wie Jana Müller Hipper. Die 27-Jährige studierte Architektur an der Bauhaus-Universität in Weimar - und kann gut verstehen, dass ihre Kommilitonen im Schnitt am wenigsten zufrieden mit ihren Einstiegsjobs sind.

Foto: DER SPIEGEL


Was sie nach elf Semestern Studium im Jahr 2003 erlebte, ist typisch für Architekturabsolventen. Sie konnte zwar gleich in einem Jenaer Büro einsteigen, leitete eigene Projekte, fuhr auf die Baustellen, aber sie verdiente nur 200 Euro im Monat - und auch die kamen nicht immer pünktlich. Müller Hippers Bilanz nach ein paar Monaten: "Ich bin zwar jetzt Architektin, aber ich kann nicht davon leben."

Für die Jenaerin ging die Geschichte noch gut aus: Nach einer Zwischenstation in einem Ingenieurbüro kam sie 2006 beim Glashersteller Schott unter, einem der größten Arbeitgeber in Jena. Dort kümmert sie sich um das Gebäudemanagement, plant Umbauten und beauftragt inzwischen selbst Architekten. Doch nicht alle jungen Baumeister finden solche Jobs. "Ich habe neulich viele ehemalige Kommilitonen auf einer Party getroffen", sagt Müller Hipper, "die Hälfte lebt gerade von Hartz IV."

"Ziemlich im Stich gelassen"

Ob sie mit ihrem Job glücklich sind oder nicht - gefunden haben ihn die meisten Studentenspiegel-Teilnehmer durch eigene Initiative. 86 Prozent gaben an, Online-Stellenanzeigen genutzt zu haben. Erstaunlich viele (72 Prozent) hofften auf eigene Kontakte, 64 Prozent suchten nach Stelleninseraten in Zeitungen und Fachzeitschriften, 60 Prozent verschickten wie Ingenieur Vogl Initiativbewerbungen.

Die diplomierte Gerontologin Alexandra Busch, 26, hat es mit der Bundesagentur für Arbeit ausprobiert. Ihr "Fallmanager" lud sie zum Informationsgespräch - und erkundigte sich gespannt, was denn Gerontologie überhaupt sei. "Als Nächstes hat er den Begriff Diplom-Gerontologe in seine Datenbank eingegeben", erinnert sich Busch. Ratlosigkeit, als der Computer keine Angebote ausspuckte. "Ich fühlte mich schon ziemlich im Stich gelassen", sagt die Absolventin, die ihre Diplomarbeit über Werbestrategien für Anti-Aging-Mittel geschrieben hat.

"Am liebsten würde ich Marketing für Seniorenprodukte machen", erklärt Busch. Ein dreiviertel Jahr lang suchte der Mann vom Arbeitsamt nach einer Betätigung für die Akademikerin. Die Bilanz: zwei Angebote, die beide nicht zu Buschs Ausbildung passten. Seit November baut die Gerontologin im westfälischen Hamm eine Generationenbegegnungsstätte auf. Den Job hat sie sich selbst gesucht.

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