Studentische Hilfskräfte Packesel der Wissenschaft

Studentische Hilfskräfte tragen mitunter viel Verantwortung für das Gelingen von Seminaren und Vorlesungen - für einen überaus kargen Lohn. Doch da die Arbeitgeber häufig gleichzeitig Prüfer sind, fordert kaum jemand seine Rechte ein.

Von Oliver Voß


Es könnte der perfekte Studentenjob sein. Man geht seinem Professor zur Hand, blickt hinter manche sonst geschlossene Tür und verdient sich nebenbei die morgendlichen Brötchen. Doch in der Realität sieht das Leben der etwa 100.000 studentischen Hilfskräfte an deutschen Hochschulen meist anders aus. Die Packesel des Wissenschaftsbetriebes schuften teilweise für Stundenlöhne von drei oder fünf Euro – manche sogar umsonst. In den letzten Jahren hat sich die ohnehin dürftige Bezahlung der sogenannten Hiwis noch einmal verschlechtert.

Uni-Bibliothek in Weimar: Ohne Hilfskräfte läuft im Hochschulbetrieb nichts
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Uni-Bibliothek in Weimar: Ohne Hilfskräfte läuft im Hochschulbetrieb nichts

In Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Hamburg und Rheinland-Pfalz wurden die Löhne seit 2004 um bis zu 8,4 Prozent gesenkt. 1993 waren die studentischen Hilfskräfte von den Lohnerhöhungen im Öffentlichen Dienst abgekoppelt worden, erst als es im Rahmen längerer Arbeitszeiten zu Kürzungen kam, waren sie wieder mit von der Partie. Nun gilt an den Universitäten in Baden-Württemberg ein Höchstsatz von 7,53 Euro, an Fachhochschulen gibt es gar nur 5,24 Euro. Dabei handelt es sich wohlgemerkt um Obergrenzen.

Eine Ausnahme bildet Berlin. Mit einem Streik haben hier die Tutoren 1979 dem Land einen Tarifvertrag abgetrotzt, der bis heute gilt. Die Berliner Hiwis bekommen daher fast elf Euro, haben Anspruch auf Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Doch auch diese Vereinbarung ist ins Wanken geraten. Der Vertrag kann jährlich gekündigt werden, wenn sich die Hochschulen darüber einig sind. "Es gibt auch Tendenzen, da ranzugehen", sagt Diana Greim von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Bachelor-Studenten als Billigheimer

Ansatzpunkt: Der bisherige Vertrag ist auf Diplom- und Magisterabschlüsse zugeschnitten. "Das lässt Bachelor-Studenten weniger Möglichkeiten", sagt Greim, "denn Tutoren müssen beispielsweise im Hauptstudium sein." Daher müsse es demnächst sogar Veränderungen geben, sagt Greim, die dabei jedoch Verschlechterungen fürchtet.

Europas größtes Universitätsklinikum, die Charité, wickelt inzwischen fast alle Arbeitsverträge der studentischen Beschäftigten über eine private Tochterfirma ab und drückt so die Löhne und Vertragslaufzeiten. An den Hochschulen werden Stellen für Hilfskräfte durch Werkverträge mit geringerer Entlohnung und sozialer Absicherung ersetzt.

Einige Fachbereiche der Freien Universität Berlin schreiben sogar Tutorenstellen "auf freiwilliger Basis" aus. Statt tariflicher Bezahlung erhalten die Tutoren ein Zeugnis und "auf Wunsch eine Praktikumsbescheinigung über zwei Monate", wie es beispielsweise in der Ausschreibung für die Tutorenstelle zur Vorlesung "Einführung in die Politikwissenschaft" heißt. Der eigentliche Anreiz liegt daher in der "Möglichkeit zur fachlichen Zusammenarbeit durch regelmäßige Besprechungen". An Massenuniversitäten mit überfüllten Sprechstunden und Prüfungslisten ist solch ein direkter Draht zum Herrn Professor gar nicht in Euro aufzuwiegen.

Doch diese Konstellation macht es für viele Studenten auch schwierig, ihre Rechte einzufordern. "Nach der geltenden Rechtslage stehen vielen Hilfskräften eigentlich höhere Löhne zu", erklärt Sonia Staack von der Tarifini, die sich bundesweit für Hiwis engagiert. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes von 2002 fallen alle, die die gleiche Arbeit machen wie regulär Beschäftigte, auch unter den Bundesangestelltentarif (BAT). "Das gilt für viele, die in der Verwaltung, Bibliotheken oder im technischen Bereich arbeiten", sagt Sonia Staack. "Doch die Betroffenen sind in einer schwierigen Situation", sagt Staack, "denn meist sind ihre Vorgesetzten Arbeitgeber und Prüfer zugleich, und man legt sich nicht gerne mit Leuten an, von denen man doppelt abhängig ist."

Große Bandbreite bei Bezahlung

Im Vergleich mit den Umsonst-Tutorien an der FU Berlin relativieren sich auch die Arbeitsverhältnisse an der Fachhochschule Weihenstephan. Die Bayern erlangten mit dem Negativrekord für Hiwi-Löhne eine zweifelhafte Bekanntheit: 3,07 Euro bezahlt die Fachhochschule für die EDV-Aufsicht. Die anderen Hilfskräfte bekommen allerdings etwas mehr als 5 Euro und Tutoren verdienen sogar 10,23 Euro.

In den großen Unterschieden der Bezahlung liegt die eigentliche Ungerechtigkeit im Umgang mit den Hiwis. Während manch simple Kopiertätigkeit relativ gut entlohnt wird, bekommen andere für die Vorbereitung und Durchführung eigener Lehrveranstaltungen zum Teil nicht mal ein Taschengeld. "Dafür gibt es keine logische Begründung", kritisiert der Hochschulreferent der GEW Berlin, Matthias Jähne.

"Man muss es sich leisten können", lautet das Fazit einer gleichnamigen Studie zur Situation der Hiwis. In der Untersuchung der Philips-Universität Marburg wurde festgestellt, dass nur vier Prozent der Hiwis Arbeiterkinder sind, obwohl sie ein Zehntel der Studierenden bilden. Doch auch nach der Abschlussprüfung verbessert sich die Situation für viele nicht wesentlich. Mehr als 10.000 Absolventen arbeiten als wissenschaftliche Hilfskräfte und verdienen je nach Bundesland zwischen 11 und 13 Euro, mit Fachhochschulabschluss weniger als 10 Euro.

Sonia Staack drängt deshalb weiter auf die Berücksichtigung von Hilfskräften in Tarifverhandlungen. Zudem setzt die 28-Jährige ihre Hoffnung nun auf die Diskussion um gesetzliche Mindestlöhne. Wenn sie ihren Namen verdienten, müssten Mindestlöhne natürlich für alle gelten, sagt Staack - auch für Hiwis.



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