Talente an der Croupier-Akademie Die Künstler des Glücks

Sie brauchen ein exzellentes Gedächtnis und zaubern mit flinken Fingern ganze Monatslöhne in Jetonkolonnen auf den Tisch, bevor die Roulettekugel einmal den Kessel umrundet hat. An einer speziellen Akademie lernen Nachwuchs-Croupiers, mit Spielern zu spielen. Sebastian Christ besuchte das Kasino der Spielbank Saarbrücken.


Alles im Griff: Croupier-Schüler erlernen ihr Handwerk
David Ausserhofer

Alles im Griff: Croupier-Schüler erlernen ihr Handwerk

Diese Akademie ist erfolgreich, wenn niemand weiß, dass es sie gibt. Alles, was man hier lernt, muss später wie selbstverständlich wirken. So, als wären die monatelangen Übungen erst gar nicht nötig gewesen. Ein Croupier wirft Spielkarten nicht, er lässt sie fliegen. Je schneller die Hände dabei arbeiten, desto besser. Erst wenn Buben und Damen wie ein Ballett über den grünen Filz des Tisches schweben, weiß der Gast, dass ein Profi am Werk ist. Sicherheit überzeugt: Ein Croupier, der beim Roulette die Jetons über den Tisch kullern lässt, wirkt unseriös. Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind wichtig.

Glücksspiele sind beliebt, wenn sie übersichtlich daherkommen - jeder Spieler muss seine Gewinnchance ahnen können. Ungeschickte Croupiers stören die Selbstverständlichkeit, mit der das Spiel funktioniert - setzen und gewinnen, hopp oder topp. Je flüssiger der Betrieb läuft, desto sicherer fühlt sich der Gast.

Fotostrecke

9  Bilder
Croupier-Akademie: Rien ne va plus!
Frank Heinz sitzt an einem der Roulette-Tische, er übt für seine Abschlussprüfung. Aus 20 Euro-Chips baut er kleine Türmchen. Nicht per Hand, denn das wäre unprofessionell. Auf der Kante seines goldfarbenen Croupierschiebers balanciert er die Jetons zu ihrem Bestimmungsort. Hinweg über die weiß umrandeten Felder mit der 20 und der 17, hinüber zur 13, wo schon insgesamt 80 Euro liegen. Doch gerade, als er dem Türmchen seine Krone aufsetzen will, stürzt es zusammen. Frank bleibt gelassen. Alles Routine. "Bis Montag muss ich mich anstrengen", sagt er mit ruhigem Ton. Und beginnt von neuem, Chip für Chip über den grünen Filz zu bugsieren. Vier Tage noch, dann ist Abschlussprüfung.

90 Prozent finden sofort eine Stelle

Die Tische, an denen Frank übt, stehen in der Spielbank Saarbrücken. Wo abends kleine Vermögen in den blechernen Trichtern der Roulettetische versinken, wird tagsüber gepaukt. Jeden Tag, bevor das Casino öffnet, lernen die Kursteilnehmer von erfahrenen Kollegen die Regeln von Black Jack, Poker und Roulette. Binnen zehn Monaten absolvieren die Teilnehmer in der "Akademie für Spieltechnik" verschiedene Ausbildungsblöcke. Dazu gehört ebenso die Einweisung in die Spielautomatentechnik wie auch der Unterricht in den Fachsprachen Englisch und Französisch. Die meiste Zeit jedoch wird praxisorientiert ausgebildet. Das heißt: Gelernt wird da, wo später auch gespielt wird.

Das Angebot besteht seit drei Jahren, ein Kooperationsprojekt mit dem Arbeitsamt. Die meisten Bewerber sind arbeitslos und werden vermittelt. Etwa zwanzig Prozent von ihnen haben Abitur, die meisten waren weniger als sechs Monate ohne Job. Und nach der Ausbildung gibt es für fast alle Absolventen eine Arbeitsplatzgarantie: Mehr als 90 Prozent finden sofort eine Stelle. Ein erstaunlich sicherer Job in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Auch Sascha Rocens hat diese Perspektive. Nach dem Abitur machte der mittlerweile 33-Jährige eine Ausbildung zum Dekorateur, arbeitete mehrere Jahre in der Firma seines Vaters. Dann geriet der Handwerksbetrieb in finanzielle Schwierigkeiten. Sascha saß mit dem Abi in der Tasche auf der Straße. Einige Monate darauf begann er zu studieren. An einer IT-Hochschule, wo man viel mit Computern und Netzwerken arbeitet. "Ich hatte eine Zeit lang Spaß daran. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich lieber mit Menschen statt mit Maschinen kommuniziere."

Arbeit vor Publikum erst nach acht Monaten

Einen Job hat er jetzt schon. Nach der Ausbildung wird er in einem Schweizer Casino arbeiten, wie viele aus seinem Jahrgang. Seit der Liberalisierung des Glücksspielgesetzes eröffnen dort immer mehr Spielbanken. In Deutschland dagegen ist der Markt weitgehend gesättigt.

Roulette: Sicher ist nur die Unberechenbarkeit
DDP

Roulette: Sicher ist nur die Unberechenbarkeit

Sein Chef Thomas Kliebenstein glaubt von ihm, dass er der Überzeugteste von allen ist. Im Lehrgang trägt Sascha als einziger weiße Hemden, selbst während der Übungen. Sein Äußeres wirkt gepflegt, an seinem Handgelenk blitzt eine Roulette-Uhr. Die Ziffernfelder abwechselnd in rot-schwarz und mittendrin eine Aluminiumkugel, die aufgeregt herumspringt, wenn er seinen Arm bewegt.

Für Sascha ist der Job in Basel eine Premiere. Noch nie hat er längere Zeit seine saarländische Heimat verlassen. "Ein wenig nervös bin ich schon. Aber eigentlich ist es mir egal, wo ich als Croupier arbeiten kann. Wenn es sein müsste, würde ich auch nach Australien gehen."

Nach acht Monaten Ausbildung dürfen die Nachwuchs-Croupiers erstmals vor "echtem" Publikum arbeiten. Für Carolin Grell war es zunächst ein Horror. "Ich habe wahnsinnige Prüfungsangst. Und diese Situation war wirklich ein harter Test für mich." Mit der Zeit verflog die Nervosität. Die Handgriffe saßen, die Sicherheit kam zurück. "Nachher war es richtig toll."

Das Glück lässt sich weder erarbeiten noch planen

Die 26-Jährige hatte vor der Akademie noch nie eine Spielbank von innen gesehen. Trotzdem war Carolin schnell vom Croupierberuf begeistert. Ein Viertel ihrer Kollegen ist weiblich, der Frauenanteil steigt ständig. Mittlerweile gibt es auch in Saarbrücken "Damentische", an denen nur Frauen arbeiten. "Wir haben Besucher, die speziell zu unseren weiblichen Croupiers gehen. Das ist vielleicht eine Frage der Atmosphäre: Frauen sind manchmal eben etwas milder", sagt Kliebenstein. Der Saarländer arbeitet seit 14 Jahren in der Casino-Branche, leitet die Übungen in der Akademie. Manchmal besucht er die Spielbank auch privat. "Um mal die andere Seite kennen zu lernen", wie er sagt.

Doch ab und zu kann auch er nur ungläubig staunen. "Da gibt es Leute, die mir weismachen wollen, dass beim Roulette eine bestimmte Zahl fällt. Weil sie meinen, nach 35 Jahren Erfahrung ein System erkannt zu haben." Ein guter Croupier erkennt am ersten Abend, dass beim Glücksspiel nur die Unberechenbarkeit berechenbar ist. Viele Gäste sehen das freilich anders.

Doch gerade von diesem Trugschluss lebt das Geschäft im Casino. Der Traum, durch einfaches Setzen von Plastikchips reich zu werden, lässt die Spieler hoffen. Nur wenige wollen wahrhaben, dass sich das Glück weder erarbeiten noch planen lässt.

Wohin rollst du, Kügelchen?

Die Spielbank am Abend. Gedimmtes Licht fällt auf die Tische. Am Roulette steht ein Mann im Norwegerpulli. Seine Leidenschaft: das Spielen. Sein Problem: der Zufall. Vor ihm liegt ein Zettel, auf dem die Felder des Tisches vorgedruckt sind. Er malt Muster in die Kästchen. Mal gerade Linien, mal wirre Vielecke. Mit jeder Runde kommen neue Notizen hinzu. Und jedes Mal wird der Chip-Stapel vor ihm kleiner. Das Prasseln der zusammengeräumten Jetons klingt wie einstürzende Traumwelten. Am Anfang glaubt er noch, um seinen Erfolg kämpfen zu können, nach der zwölften Runde resigniert er. Spieler balancieren zwischen Freude und Sucht. Oft genug stürzen sie ins Verderben.

Spielcasino: Croupiers dürfen nie wie Anfänger wirken
DPA

Spielcasino: Croupiers dürfen nie wie Anfänger wirken

Die Teilnehmer der Akademie kennen solche Fälle. "Das erlebe ich täglich", sagt Frank. "Mitleid empfinde ich manchmal schon. Aber ändern kann ich nichts. In eine Spielbank kommen nur Erwachsene rein, jeder ist für sich selbst verantwortlich." Der professionelle Umgang mit Spielkranken ist Teil ihrer Ausbildung. Ein dreitägiges Seminar bereitet die angehenden Croupiers auf den Umgang mit Spielsüchtigen vor. Man erwartet von ihnen, dass sie auffällige Gäste ansprechen und mit ihnen über die Gefahren allzu exzessiver Spielleidenschaft reden.

In der Praxis gestaltet sich das jedoch schwierig. "Man sieht einem Menschen ja nicht an, wie viel Geld er auf dem Konto liegen hat. Für manchen sind 2000 Euro Peanuts, für andere ein Monatseinkommen", sagt Frank. Auch für Croupiers ist das Thema Suchtprävention heikel. Die Männer und Frauen an den Tischen leben zum größten Teil von Trinkgeldern. Und den Bonuschip gibt es nur, wenn das Publikum zufrieden ist.

Nach Jahren kommt der perfekte Schub

"Ich kann nicht erkennen, ob da jemand über seine Verhältnisse spielt", sagt Frank. Spräche er jeden Stammgast auf mögliche Suchtgefahren an, würde er sich und dem Casino-Team schaden. "Wir kümmern uns intensiv um das Thema Sucht", sagt Kliebenstein. "Es gibt sogar einen speziell geschulten Mitarbeiter zur Betreuung der gefährdeten Kunden. Im Ernstfall vermitteln wir auch den Kontakt zur Schuldnerberatung. Mehr können wir nicht tun."

Die Kugel dreht sich weiter. Sie zieht ihre Bahnen im Kessel, bis der Schwung aufgebraucht ist und eine Zahl fällt. "Man braucht Jahre, um sie perfekt anschieben zu können", weiß Frank. Mit Abschluss der Akademie gehe das Lernen erst richtig los, sagen manche.

In vier Tagen ist Examen. Der Start ins Berufsleben, ein Anfang. Wichtig nur, dass die Gäste davon nichts merken. Denn Croupiers dürfen niemals wie Anfänger wirken. Sicherheit: Erst wenn die Kugel sauber rollt, vertrauen die Besucher. Und wenn niemand merkt, dass es diese Akademie gibt, dann hat sie ihr Ziel erreicht: mit Spielern spielen zu lehren.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.