Teilzeitarbeit Die neue Freiheit

Teilzeitarbeit ist nicht mehr nur "Frauensache". Inzwischen verzichten auch mehr Männer der Freizeit wegen auf einen Teil ihres Gehaltes. Die Karriere muss deswegen nicht auf der Strecke bleiben - sofern man den Chef überzeugen kann, dass ein Teilzeitmodell auch der Firma Vorteile bringt.


Schluss mit der Stechuhr: Mit Arbeitszeitkonten Stunden sammeln und in Urlaub fahren
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Schluss mit der Stechuhr: Mit Arbeitszeitkonten Stunden sammeln und in Urlaub fahren

"Karriere und Teilzeit schließen sich nicht aus", hat Peter Borner, Steuerberater aus Köln, festgestellt. Die Vorteile der Teilzeitarbeit liegen für ihn auf der Hand: "Leute mit mehr Freizeit sind einfach kreativer und können mehr leisten", meint der 38-Jährige.

Galten Teilzeitmodelle bis vor einigen Jahren immer noch als "Frauenmodelle", hat sich das Bild mittlerweile gewandelt: Immer mehr Männer äußern den Wunsch, mehr Freizeit zu bekommen. Dafür nehmen sie auch Abschläge beim Gehalt in Kauf. Und die Firmen ziehen mit: Große Unternehmen wie VEBA, die Lufthansa, der Norddeutsche Rundfunk oder DEA bieten vom Job-Sharing über Arbeitszeitkonten bis zur klassischen Teilzeit alle erdenklichen Modelle an.

Beim Job-Sharing etwa teilen sich zwei Angestellte eine Stelle. Arbeitszeitkonten dienen dazu, Zeit für später zu "sammeln". Der Mitarbeiter erledigt seinen Job weiterhin in Vollzeit, wird aber nach Teilzeit bezahlt - und kann die angesammelten Zusatzstunden später zum Beispiel für einen mehrmonatigen Urlaub nutzen. In den meisten Fällen wird aber entweder weniger Stunden pro Tag oder weniger Tage pro Woche gearbeitet.

Von wegen nur Muttis

Auch Angestellte in Mittelstands-Betrieben bekommen häufiger die Möglichkeit, weniger zu arbeiten und sich mehr um sich selbst, das Hobby oder die Familie zu kümmern. Möglich machen das betriebliche Vereinbarungen wie das Modell der "Individuellen Arbeitszeitgestaltung" (IAZ), etwa beim Kaufhaus Ludwig Beck in München.

Teilzeit: Mehr Freizeit, aber auch weniger Geld
GMS

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Aber nicht überall stechen diese Argumente. Steuerberater Peter Borner musste sein Anliegen im Unternehmen "durchkämpfen". Und vielen Arbeitnehmern geht es ähnlich, obwohl Anfang 2001 das Teilzeit- und Befristungsgesetz in Kraft trat und es seitdem einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit gibt. Die Personalverantwortlichen müssen dennoch überzeugt werden, denn in vielen Firmen gilt weiter die - meist unausgesprochene - Regel: Ohne Vollzeit keine Karriere.

"Da wird dann häufig in den Firmen nur über die Muttis geschmunzelt, die besser zu Hause bleiben sollten, als für ein paar Stunden ins Büro zu kommen", erklärt zum Beispiel Till Tolkemitt, Personalverantwortlicher bei der Hamburger ich-zieh-um.de GmbH. Doch diesen Unternehmen entgeht einiges: "Wir haben hier hochmotivierte Teilzeitkräfte im Unternehmen, die alle Karrierechancen haben und die gleiche Arbeitsqualität abliefern wie die Vollzeitkräfte", so der 32-Jährige.

Ohne Gehaltsverzicht geht es nicht

Gleiche Arbeitsqualität bei weniger Gehalt - das ist eine der Schattenseiten der Teilzeitkarriere. "Freizeit ist mit nichts aufzuwiegen, aber seit ich ganztags arbeite, ist der Geldbeutel schon wieder etwas praller", sagt Alexandra Köhler, die nach vier Jahren Teilzeit beim Düsseldorfer Symposion-Verlag jetzt wieder eine Vollzeitstelle angenommen hat.

Allerdings müssen die meisten auf weniger Geld verzichten als sie zunächst gedacht haben. "Ich arbeite zwanzig Prozent weniger, habe aber beim Netto-Gehalt nur ein Minus von rund zehn Prozent", rechnet Peter Hopf vor - die Steuerprogression macht es möglich. Denn wer weniger verdient, bezahlt prozentual auch weniger Steuern.

Auch für die Firmen kann sich das Teilzeitmodell lohnen, denn oft zeigt sich, dass weniger Präsenz im Büro nicht unbedingt weniger Effektivität bedeutet. Personaler Tolkemitt erklärt: "Wenn in einer Firma zwei halbe Stellen besetzt sind, kommt am Ende meistens mehr raus als auf einer Vollzeitstelle. Mehr Freizeit führt eben wirklich zu einer Motivationssteigerung im Job."

Der Chef als harte Nuss

Bietet das Unternehmen nicht von sich aus Teilzeit-Modelle an, muss jeder Arbeitnehmer seinen "Ausstieg auf Zeit" selbst verhandeln - mitunter eine harte Nuss, denn man muss dem Chef die neue Situation als Gewinn für das Unternehmen verkaufen.

Dann müssen die Details verhandelt werden: Wie viel Gehaltsabschlag wird hingenommen, wer macht die zusätzliche Arbeit, wie werden die Kollegen mit der neuen Situation konfrontiert - auf all das muss man schon eine Antwort haben, um dem Chef die neue Situation schmackhaft zu machen.

Dazu kann natürlich auch das Zugeständnis gehören, in Notfällen eben doch am freien Tag erreichbar zu sein oder für dringende Fragen zu Hause ein Home-Office einzurichten. Gute Vorschläge sind also gefragt von allen, die nur teilweise Karriere machen wollen.

Von Oliver Mest, jobpilot.de

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